Hafen Göteborg, Schweden

Robuste Wirtschaft Was macht der Norden besser?

Stand: 17.01.2021 01:48 Uhr

Die skandinavischen Länder sind sehr unterschiedlich mit der Pandemie umgegangen: Ihre Corona-Politik reichte von Grenzschließungen bis weitgehender Normalität. Doch wirtschaftlich stehen sie alle erstaunlich gut da.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Zehn Monate nach Beginn der Corona-Pandemie setzt auch die schwedische Regierung auf schärfere Maßnahmen zum Kampf gegen das Virus. So verabschiedete das Parlament erst vergangene Woche ein Gesetz, das Maßnahmen wie die Schließung von Geschäften und Einkaufszentren vorsieht.

Indessen dürfte die schwedische Wirtschaft im vergangenen Jahr deutlich besser durch die Corona-Krise gekommen sein als die meisten anderen EU-Staaten. Die Ökonomen der Europäischen Kommission erwarten einen Rückgang des schwedischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) gegenüber dem Vorjahr um 3,4 Prozent. EU-weit würde es damit nur Litauen und Irland besser gehen. Das deutsche BIP sinkt der Prognose zufolge hingegen um 5,6 Prozent. In ihrer jüngsten Prognose von Mitte Dezember geht die Stockholmer Regierung sogar von weniger als drei Prozent aus.

Weniger Belastungen

Auch die dänische Wirtschaft hat 2020 weniger unter der Corona-Pandemie gelitten als viele andere Länder. Die EU-Kommission geht von einem BIP-Rückgang von knapp vier Prozent aus. Von den skandinavischen Ländern am besten durch die Krise gekommen ist Nicht-EU-Mitglied Norwegen. Für das Gesamtjahr 2020 rechnen Ökonomen nur mit einem wirtschaftlichen Minus von zwei Prozent, nachdem die Wirtschaft im dritten Quartal gegenüber dem Vorquartal bereits um 4,6 Prozent gewachsen war.

Diese Robustheit spiegelt sich auch in der Entwicklung der Aktienmärkte. So haben die Kurse an der Börse Kopenhagen alle anderen europäischen Finanzmärkte abgehängt. Ein Geheimrezept für ihren Erfolg haben auch die Skandinavier nicht.

BIP-Vergleich Deutschland Schweden

Schwedens Wirtschaft ist in der Pandemie deutlich weniger eingebrochen als die deutsche.

Nicht nur der Sonderweg

Allerdings hat Schweden, das mit Abstand größte und wirtschaftlich bedeutendste Land im Norden, seit Beginn der Pandemie einen Sonderweg eingeschlagen. Während der größte Teil Europas im März und April zu Hause im Lockdown saß, blieb das Leben in Schweden weitgehend normal. Fabriken, Büros, Geschäfte und Restaurants durften mit gewissen Einschränkungen geöffnet bleiben. Die Regierung appellierte lediglich an die Betriebe, so viele Angestellte wie möglich von zu Hause aus arbeiten zu lassen.

Die Strategie wurde außerhalb des Landes höchst kontrovers diskutiert, weil die Zahl der Corona-bedingten Todesfälle (zuletzt mehr als 9200 bei 10,3 Millionen Einwohnern) im Verhältnis zur Einwohnerzahl deutlich höher liegt als in Deutschland. Der Wirtschaft hat der lockere Umgang mit der Pandemie weniger Schaden zugefügt als der harte Lockdown in vielen anderen europäischen Ländern.

Es sei aber schwierig zu sagen, inwiefern das allein mit dem Sonderweg zusammenhänge, sagt Lars Calmfors, Ökonom und Professor an der Universität Stockholm. Calmfors verweist auf andere Faktoren wie eine wettbewerbsfähige, starke Industrie und eine exportorientierte Wirtschaft sowie natürlich eine anfangs geringe Ausbreitung des Virus.

Vorreiter bei der Digitalisierung

Auch weil Betriebsschließungen weitgehend vermieden wurden und die Nachfrage aus dem Ausland wieder anzog, hat sich die Industrie vom Einbruch im Frühjahr rasch erholt. Auch der Onlinehandel ist deutlich gewachsen.

Zudem profitierte Schweden von seiner Vorreiterrolle bei der Digitalisierung. Das Land liegt im Digital Economy and Society Index der EU-Kommission nach Finnland auf dem zweiten Platz. Für die allermeisten Unternehmen war es also keine größere Herausforderung, auf Homeoffice umzustellen. Derweil blieben Schulen und Kitas geöffnet.

Die schwedische Regierung geht davon aus, dass die Investitionstätigkeit der Unternehmen bereits in diesem Jahr wieder zunehmen wird. Auch der Außenhandel habe sich wacker geschlagen. So sollten die Exporte 2020 weniger sinken als die Importe. Davon profitiert in erster Linie die schwedische Industrie.

Deutlich geringere Staatsverschuldung

Doch der Sonderweg hat nicht nur die Wirtschaft geschont, sondern auch die öffentlichen Kassen. Zwar dürfte die Staatsverschuldung Schwedens von knapp 35 Prozent des BIP im Jahr 2019 auf rund 40 Prozent Ende letzten Jahres gestiegen sein, damit liegt sie aber immer noch deutlich niedriger als in den anderen EU-Staaten. Laut Bundesfinanzminister Olaf Scholz dürfte die deutsche Staatsverschuldung Ende 2020 auf knapp über 70 Prozent des BIP angestiegen sein. In Frankreich und Italien liegt sie bereits bei 100 Prozent und mehr.

Balkengrafik Staatsverschuldung Deutschland Schweden

Schwedens Staatsverschuldung bleibt auch in der Corona-Krise niedrig.

Auch in Dänemark bleibt die Staatsverschuldung niedrig. Zwar dürfte sie im vergangenen Jahr um ein Drittel hochgeschnellt sein. Doch würde sie auch dann noch mit 45 Prozent des BIP zu den niedrigsten in der gesamten Europäischen Union zählen. Schweden und Dänemark, aber auch das nahezu schuldenfreie Norwegen verfügen damit über einen entscheidenden Vorteil gegenüber den hoch verschuldeten Staaten des Südens. Denn sie verfügen weiterhin über einen finanziellen Spielraum zur Ankurbelung der Wirtschaft, den Staaten mit einer riesigen Schuldenlast nicht mehr haben.

Achillesferse Arbeitsmarkt

Doch es gibt auch eine Achillesferse: der Arbeitsmarkt. So liegt die schwedische Arbeitslosenquote bei neun Prozent und damit doppelt so hoch wie die deutsche. Grund ist aber weniger die Corona-Pandemie als vielmehr eine rigide Gesetzeslage, die Entlassungen praktisch unmöglich macht, dadurch aber viele Arbeitgeber auch abschreckt, neue Stellen zu schaffen.

Beim derzeitigen wirtschaftlichen Musterschüler Norwegen hatten die ersten beiden Monate der Pandemie - März und April 2020 - zwar für einen starken Einbruch der Wirtschaftsleistung gesorgt; in den darauffolgenden Monaten konnte sich die norwegische Wirtschaft wieder fangen.

Durch die Einnahmen aus der Öl- und Gaswirtschaft ist Norwegen per Saldo schuldenfrei, wenngleich die staatlichen (Brutto-)Schulden etwa 36 Prozent des BIP ausmachen. Der Haushaltsüberschuss 2020 wird wohl von acht Prozent im Vorjahr auf nur noch ein Prozent des BIP sinken.

In diesem Jahr könnte die norwegische Wirtschaft sogar um 2,5 Prozent wachsen. Ende dieses Jahres dürfte das norwegische BIP wieder das Niveau vom vierten Quartal 2019 erreicht haben, der letzten Periode vor der Pandemie.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Januar 2021 um 05:16 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".