Gorillas-App

Neue Lebensmittel-Lieferdienste Supermarkt-Apps wollen Städte erobern

Stand: 12.03.2021 10:51 Uhr

Der Online-Handel mit Lebensmitteln wächst. Immer mehr neue Lieferdienste drängen auf den Markt - und versuchen, mit Schnelligkeit zu punkten. Doch wie sicher sind dabei die Kundendaten?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Sie heißen Gorillas, Crisp, Knuspr oder Picnic. Die Namen klingen wie Cornflakes-Marken - tatsächlich sind es Start-ups, die den boomenden Online-Lebensmittelhandel gerade aufmischen. Und sie alle wollen ein Stück vom Milliardenmarkt abhaben. "Der Markt wird größer und der Wettbewerb nimmt zu", sagt Michael Gerling, Geschäftsführer des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI.

Vor allem bei den Lieferdiensten wird das Angebot immer größer. Entscheidend ist dabei offenbar der Faktor Zeit: So verspricht die Berliner Firma Gorillas, bestellte Ware innerhalb von zehn Minuten an die Haustür zu liefern. Konkurrent Flink wirbt mit ähnlich schnellen Lebensmittel-Lieferungen. Weil sie über zentral gelegene "Mini-Lager" verfügen, können Gorillas und Flink relativ rasch die bei herkömmlichen Supermärkten gekauften Waren über Fahrradkuriere zum Kunden transportieren.

Start-ups wollen bundesweit expandieren

Noch sind die beiden Start-ups allerdings nur in wenigen deutschen Ballungsgebieten vertreten. Gorillas ist in sechs, Flink in fünf Großstädten präsent. Das soll sich bald ändern: In naher Zukunft wollen die beiden Lieferdienste bundesweit expandieren. Auch in Europa sehen sie großes Potenzial. Gorillas ist bereits in Amsterdam und London vertreten und plant den Schritt in weitere Länder. Für die Expansion hat Gorillas rund 36 Millionen Euro bei Investoren eingesammelt. Rivale Flink hat 53 Millionen Euro von Risikokapitalgebern erhalten.

Schon bald dürfte die Konkurrenz in Deutschland noch größer werden. Der tschechische Online-Lebensmittelhändler Rholik will im Frühjahr mit der Marke Knuspr auf dem deutschen Markt einsteigen. Ziel sei es, die Nummer eins im E-Food-Business zu werden, heißt es. Zunächst startet Knuspr in München, danach sollen weitere Städte erschlossen werden. Das Vorhaben klingt mehr als ambitioniert: Bis 2024 erhoffen sich die Tschechen 30 Millionen Kunden allein in Deutschland. Noch ist unklar, wie Knuspr das schaffen will. Mit einer versprochenen Lieferzeit von bis zu drei Stunden liegt der tschechische Online-Supermarkt weit hinter den Angeboten von Flink und Gorillas.

Konkurrent Rewe schon in über 75 Städten vertreten

Auf eine andere Konzept setzt Crisp: Das niederländische Start-up will frische Lebensmittel von regionalen Bauern und Bäckern innerhalb von 24 Stunden liefern. Und selbst Lebensmittelhersteller werden zunehmend zu Lieferdiensten.  Die Oetker-Gruppe übernahm jüngst den schnell wachsenden Getränke-Lieferdienst Flaschenpost. In der Branche wird spekuliert, dass Oetker über Flaschenpost bald auch Pizzen, Backmischungen oder andere Produkte aus dem Konzern vertreiben könnte.

Die neue Konkurrenz der mobilen Supermärkte ist ein Angriff auf die klassischen Ketten wie Rewe. Der Kölner Handelsriese ist mit eigenen Lieferfahrzeugen bereits in mehr als 75 deutschen Städten präsent. Zudem verfügt Rewe über einen Abholservice. In zahlreichen Läden können die Kunden online bestellte Ware fertig verpackt abholen.

Edeka baut dagegen auf eine Partnerschaft mit Picnic. Das Start-up liefert mit selbst entwickelten Elektro-Fahrzeugen übers Internet bestellte Lebensmittel aus. Die Zahl der Kunden hat sich laut Picnic binnen eines Jahres fast verdreifacht auf 160.000. Den eigenen Lieferdienst Bringmeister hat Edeka inzwischen verkauft. "Edeka hat verschiedene Modelle ausprobiert und scheint sich nun auf den lukrativsten Weg zu konzentrieren", meint EHI-Experte Gerling gegenüber tagesschau.de.

Wann kommen Aldi & Co?

Nur die großen Discounter halten sich bisher im Online-Lebensmittelhandel noch zurück. Für sie sei das Thema Internet besonders schwierig, meint Kai Hudetz, Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung (IFH). "Denn die mit dem Online-Angebot verbundenen hohen Kosten passen einfach nicht zu ihrem Geschäftsmodell." So hat Lidl nach ersten Versuchen seinen Lieferservice inzwischen wieder eingestellt.

Zumindest Aldi plant nun offenbar doch verstärkt im boomenden Online-Lebensmittelmarkt mitzumischen. Die neu gegründete Tochter "Aldi E-Commerce" soll laut Brancheninsidern bald durchstarten. Bisher konzentrierte sich der Discounter auf das Online-Geschäft außerhalb des Lebensmittelsortiments.

Die Discounter stehen Experten zufolge unter Druck, in das wachsende Geschäft einzusteigen. Laut Zahlen des E-Commerce-Bundesverbands bevh kauften die Bundesbürger in den vergangenen drei Monaten fast doppelt so viel an Nudeln, Fleisch, Obst und Gemüse im Internet wie ein Jahr zuvor. Inzwischen macht der Online-Bereich gut zwei Prozent am Gesamtumsatz bei Lebensmitteln aus. Der Anteil soll sich in den nächsten vier Jahren verdoppeln. Das Kölner Institut für Handelsforschung geht davon aus, dass bis 2025 bis zu 3,6 Prozent der Umsätze im Lebensmittelhandel online erwirtschaftet werden.

"Noch verdient niemand Geld!"

Noch ist unklar, wer wirklich vom Online-Boom profitiert. "In Deutschland verdient niemand Geld mit dem Online-Lebensmittelhandel", meint Handelsforscher Gerling vom EHI. Denn der Online-Lebensmittelhandel verlange sehr große Investitionen, um das Geschäft ans Laufen zu bringen - und enorme Ausgaben, um auch nur in die Nähe der Profitabilität zu kommen. Erst bei Einkäufen von 80 Euro oder mehr rechne sich die aufwendige Zustellung wirklich, heißt es in der Branche.

Sobald die Corona-Pandemie abebbt und die Lockdowns beendet werden, könnte der Trend zum Lebensmitteleinkauf übers Internet wieder abnehmen. Experten sind überzeugt, dass sich das Einkaufen nach Corona wieder mehr zum stationären Einzelhandel zurückverlagert.

Sicherheitslücken bei Flink

Hinzu kommen Sicherheitsprobleme, die den Aufstieg der neuen Schnell-Bringdienste bremsen könnten. So wurde nun in der App des Online-Supermarkts Flink eine Sicherheitslücke entdeckt. Ein Team von Sicherheitsexperten der Gruppe "Zerforschung" konnte Hinweise bestätigen, wonach Tausende Kundendaten ungeschützt waren.

Über eine mangelhaft gesicherte Programmschnittstelle von Flink konnten Daten wie Name, Adresse, Telefonnummer, E-Mail und sogar die letzten vier Stellen der verwendeten Kreditkarte unbefugt abgerufen werden, wie der rbb berichtete. Erst auf die Hinweise des Teams hin sei die Sicherheitslücke behoben worden.