Nutriscore |
Hintergrund

Nutri-Score-Logo Die neue Ernährungsampel - ein Erfolg?

Stand: 24.02.2021 10:38 Uhr

Der Nutri-Score soll Verbrauchern im Supermarkt mehr Orientierung geben und eine gesunde Ernährung erleichtern. Hat sich die Kennzeichnung schon durchgesetzt? Und wo fordern Kritiker Nachbesserungen?

Von Till Bücker, tagesschau.de

Motivation für eine gesündere Ernährung: Auf immer mehr Lebensmittelverpackungen im Supermarkt ist ein neues Logo mit einer Farbskala plus Buchstaben zu sehen. Inzwischen nutzten in Deutschland 116 Firmen mit 236 Marken freiwillig diesen Nutri-Score, teilte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft zuletzt mit. Bis Mitte Januar waren es noch 93 Unternehmen.

Im November startete das System offiziell in deutschen Geschäften. Seitdem können Händler und Hersteller das Logo rechtssicher verwenden. Die "Ernährungsampel" soll es Kunden möglich machen, den Nährwert von Lebensmitteln auf einen Blick zu erkennen und ihn mit Produkten aus der gleichen Kategorie zu vergleichen.

Hilfe für gesündere Ernährung

Angaben zu den Nährwerten gab es schon vorher. Allerdings lesen vermutlich die wenigsten Verbraucher im Laden das Kleingedruckte. Zudem ist die Beurteilung der Nährwerttabelle nicht gerade einfach. Die einzelnen Angaben sagen nicht aus, wie gesund das Lebensmittel insgesamt ist. Welche Tiefkühlpizza ist gesünder? Ist Müsli A oder B die bessere Wahl?

Das soll nun der in Frankreich entwickelte Nutri-Score beantworten, der bei freiwilliger Nutzung auf der Vorderseite der Verpackung abgedruckt sein muss. Im letzten Ernährungsreport der Bundesregierung gaben 97 Prozent der Befragten an, dass ihnen gesundes Essen wichtig ist. Nach Angaben des Ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft sind etwa 47 Prozent der Frauen und 62 Prozent der Männer übergewichtig. Zum großen Teil liege das an der Ernährung.

Ein zu hoher Zuckergehalt, Fette, gesättigte Fettsäuren sowie zu viel Salz seien oft für Übergewicht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen verantwortlich. Diese Elemente fließen negativ in den Nutri-Score ein. Ballaststoffe, Eiweiß, Hülsenfrüchte, Nüsse oder Anteile von Obst und Gemüse werden dagegen als günstig eingestuft.

Je grüner, desto gesünder

Für die Mengen je 100 Gramm werden schließlich Plus- und Minus-Punkte vergeben. Diese werden nach einem wissenschaftlich ermittelten Algorithmus gewichtet. Die erreichte Punktzahl wird durch eine von fünf Farben (von rot bis dunkelgrün) sowie Buchstaben von "A" bis "E" gekennzeichnet. Je grüner und näher an "A", desto besser schneidet das Produkt ab. Wird ein Lebensmittel mit einem roten "E" gekennzeichnet, ist es nicht besonders gesund.

Die farbliche Skala des Nutri-Score  |

Der Nutri-Score soll Verbrauchern helfen, zu erkennen, wie gesund Lebensmittel sind.

Zu beachten ist, dass einzelne Nährstoffe durch den Nutri-Score nicht dargestellt werden. Außerdem lassen sich schlechte Werte durch gute ausgleichen. Darüber hinaus eignet sich die Skala lediglich für zusammengesetzte Produkte. Für unverarbeitete, frische oder Lebensmittel mit nur einer Zutat ist die Kennzeichnung weniger sinnvoll.

Möchte ein Hersteller den Nutri-Score nutzen, muss er nach einer Übergangszeit von zwei Jahren die vollständige Produktpalette mit dem Logo bestückt haben. Experten erhoffen sich dadurch einen Anreiz, die Produkte ernährungstechnisch gesünder zu produzieren.

"Wissenschaftlich bestes Modell"

"Die Zahlen und der Zuspruch steigen kontinuierlich", sagte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner in der vergangenen Woche. Sie erwarte nun, dass die Unternehmen ihr Sortiment umfassend kennzeichnen. "Das ist auch die Erwartung der Verbraucher."

"Bisher gibt es in Deutschland noch keine flächendeckende Kennzeichnung", sagt Luise Molling von der Verbraucherschutz-Organisation Foodwatch im Gespräch mit tagesschau.de. Zwar hätten fast alle großen Supermarktketten den Nutri-Score bereits eingeführt oder angekündigt. Von der Situation in Frankreich, wo etwa die Hälfte aller Produkte gekennzeichnet sei, sei Deutschland aber noch weit entfernt.

Luise Molling, Foodwatch |

Luise Molling von Foodwatch fordert einen verpflichtenden Nutri-Score.

Grundsätzlich sei der Nutri-Score das wissenschaftlich beste Modell mit der stärksten Wirkung auf die Kaufentscheidung. "Wenn ein Vergleich wirklich möglich ist, kaufen die Menschen nachweislich gesünder ein", so Molling. Das belegten auch Studien aus Frankreich. Die Nährwerteinstufung sei seriös und von unabhängigen Wissenschaftlern entwickelt: "Verbraucher können der Kennzeichnung vertrauen."

Experten fordern Verpflichtung

Um Wirkung zu entfalten, muss der Nutri-Score allerdings noch bekannter werden und breiter die Regale erobern. Denn wenn nicht alle Produkte gekennzeichnet sind, ist ein Vergleich nur schwer durchführbar.

"Langfristig ist eine verpflichtende Kennzeichnung nötig", so die Foodwatch-Expertin. Etliche Hersteller unausgewogener Lebensmittel würden den Nutri-Score sonst nicht verwenden. Ähnlicher Meinung ist Isabelle Mühleisen von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Auch sie sieht in der Freiwilligkeit ein Manko. "Wir fordern eine verpflichtende EU-weite Kennzeichnung."

Dennoch sei der Nutri-Score schon jetzt ein wichtiges Zeichen und für Verbraucher eine Hilfestellung bei der Bewertung von Lebensmitteln. Der Fokus müsse daher erst einmal auf der größeren Beteiligung liegen, sagt die Ernährungsreferentin gegenüber tagesschau.de. Letztlich komme es aber darauf an, wie verantwortungsvoll Unternehmen damit umgehen: "Setzen sie Zusatzstoffe für einen günstigeren Nutri-Score ein oder ändern sie das Rezept tatsächlich hin zu einem gesünderen Produkt?"

Die Verwendung von Zusatzstoffen, Geschmacksverstärkern oder auch die ökologische Erzeugung fließe nicht in die Einstufung ein. "Generell kann man sagen: Der Nutri-Score ist vertrauensvoll und eine wichtige Hilfe. Darüber hinaus muss der Verbraucher aber nach seinen eigenen Prioritäten entscheiden, was ihm wichtig ist", sagt Mühleisen.

Sorge vor Lobby-Einfluss

Das System sei in Frankreich bereits seit 2017 im Einsatz und funktioniere, so die Lebensmittelexpertin. Dennoch könne am Algorithmus stets etwas verbessert werden - wie zum Beispiel eine höhere Bewertung von Ballaststoffen in Vollkornprodukten. "Der Zuckergehalt könnte noch strenger reduziert werden", sagt auch Molling von Foodwatch.

Um die Anwendung des Nutri-Score zu erleichtern, haben sich jüngst sieben europäische Staaten zusammengeschlossen. Die Vereinbarung beinhaltet ebenfalls Beratungen über mögliche Anpassungen. Auch das begrüßen die Verbraucherschützer. Allerdings müsse diese wissenschaftliche Arbeit unabhängig und ohne Einfluss der Lebensmittelindustrie ablaufen, so Molling.

Sorge vor einem Schönrechnen im großen Stil seitens der Produzenten und Händler habe sie nicht. Ihr seien bisher lediglich zwei Fälle bekannt, bei denen unabsichtlich der Nutri-Score zu negativ oder zu positiv ausgefallen sei. "Die Unternehmen achten auf eine korrekte Berechnung, weil sie sonst ein Glaubwürdigkeitsproblem oder einen Imageschaden bekommen. Das würde auffliegen."

Einschlägige Vorgaben für den Fall, dass ein Anbieter vorsätzlich einen "geschönten" Punktewert aufdruckt, gibt es laut Verbraucherzentrale jedoch nicht. "Allerdings können solche unzutreffenden Angaben als irreführend von der amtlichen Lebensmittelüberwachung geahndet werden", erklärt Mühleisen. Inwiefern die Überwachung mit ihren knappen Ressourcen dem in der Praxis nachkommen kann, bleibe aber abzuwarten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 24. Februar 2021 um 18:05 Uhr.