Aufgegebenes Geschäft in der verlassen daliegenden Fußgängerzone von Koblenz | dpa
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tagesthemen mittendrin Die großen Sorgen des Einzelhandels

Stand: 27.01.2021 19:02 Uhr

Mehr als die Hälfte aller Innenstadthändler sind laut Handelsverband Deutschland akut von Schließung bedroht. Von der Politik sind die Betriebe oft enttäuscht - wie ein Fall aus dem pfälzischen Frankenthal zeigt.

Ute Spangenberger

Von Ute Spangenberger, SWR

Es ist still im Kaufhaus Birkenmeier im pfälzischen Frankenthal. Keine Kunden, keine surrenden Rolltreppen, keine Kassen, die klingeln. Das Einzige, was durch die halbdunklen Stockwerke dringt, ist das Piepsen der Scanner: Inventur. Die meisten der 40 Mitarbeiter sind heute trotz Kurzarbeit gekommen, um den Warenbestand aufzunehmen. Verkäuferin Karin Schneider steht vor einem Stapel karierter Herrenhemden und freut sich: "Es tut gut, wieder hier zu sein. Uns fehlt die Arbeit. Man fühlt sich jetzt auch mal wieder gebraucht."

"Wirklich sehr enttäuscht"

Ein paar Regale und Schaufensterpuppen weiter arbeitet Moni Burkhardt. Ihr Ehemann Mike und sie führen das Traditionskaufhaus in Familienhand - drei Stockwerke mit Kleidung, Sportartikel, Schreib-, Spiel- und Süßwaren, Schmuck, Geschirr und Kurzwaren. Gerade hängt sie zusammen mit einer Mitarbeiterin Tannenzweige und bunte Kugeln von der Decke ab.  Sie kommt immer noch nicht darüber hinweg, dass sie ihr Kaufhaus Mitte Dezember so abrupt schließen mussten. "Wir hätten uns gewünscht, dass wir geordneter in den Lockdown gehen können", sagt die Geschäftsfrau.

Mit Blick auf die hohen Corona-Infektionszahlen denkt sie: "Es kommt nicht aus der Gastronomie, nicht aus der Kultur. Es kommt nicht hier von uns. Hier sehen wir, was die Leute machen. Sie treffen sich nicht in Gruppen, sie halten Abstand. Wir halten Abstand. Wir haben die Scheiben an der Ladentheke und alle Masken auf." Und weiter führt sie aus: "Der Herr Spahn hat ja irgendwann mal gesagt, wir werden nicht mehr schließen. Deshalb war die Hoffnung eine andere. Deshalb sind wir wirklich sehr enttäuscht."

Kaufhaus Birkenmeier in Frankenthal | Ute Spangenberger

Das Kaufhaus der Burkhardts ist seit Mitte Dezember geschlossen - wie alle anderen Geschäfte auch. Bild: Ute Spangenberger

Während Moni Burkhardt die Weihnachtsdekoration in Kisten packt, klingelt bei ihrem Ehemann Mike im Büro das Handy Sturm. Mitarbeiter, Händler, Kollegen: Alle haben Fragen. Seine Stimmung schwankt zwischen verzweifelt und kämpferisch: "Wir haben Kurzarbeit beantragt, das funktioniert auch. Und wir haben zusätzlich ein Darlehen aufgenommen. Aber das ist ja keine Unterstützung in dem Sinn, wir müssen es ja auch wieder zurückzahlen. Irgendwann müssen wir das Geld ja wieder verdienen. Es ist doch mein Job, das Unternehmen zu erhalten. Darum stehe ich hier. Wir schaffen das auch." Er schiebt hinterher: "Wir haben das Glück, dass wir in der eigenen Immobilie sind, wir müssen ja keine Miete zahlen."

Innenstädte in Gefahr 

Stefan Genth, der Hauptgeschäftsführer vom Handelsverband Deutschland (HDE), schätzt: "Die Coronakrise könnte bis zu 50.000 Geschäfte mit 250.000 Beschäftigten die Existenz kosten. Damit geraten ganze Innenstädte in Gefahr." Vor allem der derzeit extrem gebeutelte Modehandel sei das Rückgrat attraktiver und lebendiger Stadtzentren.

An die Adresse der Politik sagt Genth: "Der Bundesfinanzminister muss sich darüber im Klaren sein, was hier auf dem Spiel steht, wenn die staatlichen Hilfen nicht schnell an die Bedürfnisse der Unternehmen angepasst werden. Verödete Innenstädte bedeuten für viele Menschen den Verlust eines Stücks Heimat." Auf die Städte und Kommunen kämen in der Folge größere Ausfälle bei den Gewerbesteuereinnahmen zu. "Es muss jetzt darum gehen, die Händler gut durch diese Krise zu bringen, davon profitiert am Ende auch das Gemeinwesen", so Genth.

"Wie eine Amputation"

Moni Burkhardt ist inzwischen mit dem Lastenaufzug ein Stockwerk tiefer gefahren und steht an einem langen Tisch. Der Drucker rattert, sie packt Kleidungsstücke in Versandtüten. Mit ihrem Kaufhaus haben sich die Burkhardts einem Online-Portal angeschlossen, bei dem nur Einzelhändler die Bestellaufträge bekommen. Die kurzfristige Idee, einen eigenen Online-Shop zu betreiben, haben sie aufgeben müssen. "Das hatten wir uns natürlich im ersten Lockdown sofort als Maßnahme überlegt und haben die Ware selbst fotografiert. Aber das war zu aufwändig, weil zu den Fotos ja die Bestände, die Größen und die Preise eingepflegt werden mussten", so die Einzelhändlerin.

Die jetzigen Umsätze über das Online-Portal seien ein Tropfen auf den heißen Stein. Während sie Schlafanzüge und Sporthosen fertig macht für den Versand nach Bayern, Österreich oder England, sagt sie fast ein bisschen trotzig: "Onlineverkauf ist eigentlich ganz gegen unsere DNA. Das ist jetzt aus der Verzweiflung entstanden." Und ihr Mann ergänzt: "Wir dürfen unserem Beruf nicht nachgehen.  Unsere Berufung ist der stationäre Verkauf, wir wollen beraten. Das fühlt sich gerade an wie eine Amputation."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 11. Januar 2021 um 22:15 Uhr.