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Schweinehalter in der Krise Viel Arbeit, viel Verlust

Stand: 21.10.2021 21:40 Uhr

Die Schweinehalter in Deutschland stehen unter Druck: Sie kämpfen gegen öffentliche Anfeindungen, schlechte Verkaufspreise und hohe Betriebskosten. Viele denken darüber nach, ihren Betrieb aufzugeben.

Von Kathrin Kampmann, NDR

Es riecht nur noch ganz unterschwellig nach Schwein, wenn man durch den Stall von Albert Bosche aus Damme geht. Das Stallgebäude mit den rund 500 Mastplätzen ist blank geputzt, nur noch vereinzelt kleben an den Stallwänden oder Trinkstellen Hinterlassenschaften der ehemaligen Bewohner. Eigentlich ist jeder Tag, den so ein Maststall leer steht, ein verlorener Tag für den Landwirt. Eigentlich.

Als er im Sommer wieder einmal Hunderte Tiere mit Verlust verkaufen musste, beschloss Bosche, diesen Stall erstmal nicht wieder voll zu machen. Das ständige Hoffen und Bangen war dem 53-Jährigen einfach zu viel: "Man guckt immer nur auf den Markt, man guckt immer nur auf die Politik. Man hat immer seine Antennen ausgefahren und überlegt: 'Was mache ich?' Und dann geht das in die Zehntausende, wenn eine falsche Entscheidung dabei ist."

Rund die Hälfte aller Schweinehalter denkt ans Aufgeben

So wie Bosche geht es vielen seiner Berufskollegen in ganz Deutschland. In einer Umfrage der Interessengemeinschaft der Schweinehalter mit Sitz im niedersächsischen Damme sagten rund 60 Prozent der Ferkelerzeuger und 40 Prozent der Schweinemäster, dass sie in den nächsten zehn Jahren ihren Betrieb einstellen wollen. Als einen Grund führen die Branchenvertreter die anhaltende Preiskrise an. In der Corona-Pandemie sind viele Volksfeste und andere Anlässe zum Fleischverzehr ausgefallen, entsprechend sank die Nachfrage nach Schweinefleisch. Gleichzeitig hat die Afrikanische Schweinepest dafür gesorgt, dass den Deutschen wichtige Exportmärkte wie China versperrt sind.

Die Folge: Es sind viel zu viele Schweine auf dem Markt, die Kühlhäuser sind prall gefüllt mit schon geschlachteten Tieren, und der Preis ist entsprechend niedrig. Gleichzeitig sind die Kosten für Futter und Schlachtung gestiegen. Derzeit machen die Schweinehalter mit jedem Tier bis zu 70 Euro Verlust.

Was viele Schweinehalter ebenfalls mürbe macht, sind die Auflagen, die sie immer wieder dazu zwingen, ihre Ställe umzugestalten, und die doch nie verlässlich erscheinen. "Mangelnde Planungssicherheit" lautet einer der Hauptkritikpunkte der Landwirtinnen und Landwirte.

"Wir werden von vorneherein ausgebremst"

In der Schweinehochburg im Landkreis Vechta arbeiten die meisten noch konventionell, auch wenn immer mehr einsehen, dass diese Haltungsform wohl ein Auslaufmodell ist. Erst kürzlich hat Aldi angekündigt, ab 2030 nur noch Fleisch der Haltungsformen drei und vier anzubieten. Ein Vorstoß, der viele Schweinehalter fassungslos macht - weil jetzt schon für niedrigere Haltungsformen nicht genug gezahlt werde, und weil eine Umstellung des Betriebs gar nicht so einfach sei.

Rolf Wolkemeyer, ebenfalls Schweinemäster in Damme, wollte einen seiner Ställe umbauen zu einer Anlage mit Außenklimareizen. Vom Landkreis Vechta habe er direkt eine Absage bekommen. Offenstallhaltung sei im Landkreis generell nicht vorgesehen - aus Angst, dass sich so Tierseuchen leichter verbreiten. "Wir werden von vorneherein ausgebremst", resümiert Wolkemeyer.

Albert Bosche wollte sich erstmal eine Verschnaufpause gönnen, seine Ställe nach und nach leer laufen lassen und in Ruhe überlegen, wie es für ihn weitergehen könnte. Doch daraus wurde nichts - aus Loyalität zu seinen Berufskollegen. Sein Ferkelerzeuger habe ihn angerufen und gebeten, ihm Tiere abzunehmen, weil sein Stall voll sei. "Die Sauen sind belegt, die Ferkel kommen. Das kann nicht einfach stoppen, wenn man mit Tieren arbeitet", erklärt Bosche. Deshalb stehen in einigen Stallbuchten nun doch wieder Mastschweine.

Verbraucher und Politik sollen Wort halten

Und Bosche will ja auch weitermachen, ist eigentlich gerne Landwirt. Doch er wünscht sich eine Perspektive. Wenn er seinen Stall umbaut, um den steigenden Ansprüchen der Verbraucher gerecht zu werden, dann will er, dass sie auch Wort halten. "Ich lese meinen Tieren auch gern morgens die Zeitung vor, aber man muss es mir dann auch bezahlen", spitzt er das zu, was viele in der Branche ärgert. Einerseits fordert die Gesellschaft mehr Tierwohl, andererseits kaufen viele noch das Billigfleisch. "Zwischen diesem Zwiespalt werden wir aufgerieben", sagt Bosche.

Von den Verbraucherinnen und Verbrauchern fordert er, dass sie auch an der Ladentheke Wort halten. Und von der Politik fordert er langfristige Konzepte dazu, wie die Schweinehaltung in Deutschland aussehen soll. Außerdem sollen die Standards, nach denen die deutschen Betriebe arbeiten, dann auch auf Fleisch angewendet werden, das aus dem Ausland importiert wird: "Das heißt, auch für die Salami auf der Fertigpizza aus dem Supermarkt."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 21. Oktober 2021 um 22:15 Uhr.