VW- und Audi-Fahrzeuge im Staßenverkehr, Shanghai | picture alliance / Friso Gentsch
Hintergrund

Absatzmarkt Asien Schicksal der Autobauer hängt an China

Stand: 28.07.2022 14:56 Uhr

Für deutsche Autobauer ist China der wichtigste Markt. Gut jedes dritte Fahrzeug verkaufen VW, Mercedes und BMW dort. Im ersten Halbjahr brach der Absatz jedoch ein. Wie riskant ist ihre Abhängigkeit?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Für die meisten deutschen Autohersteller war 2022 bisher ein schwieriges Jahr. Zwar konnten sie in den ersten sechs Monaten mehr Geld verdienen, mussten aber deutliche Absatzeinbußen hinnehmen. BMW verkaufte 13 Prozent weniger Fahrzeuge, Mercedes setzte 16 Prozent weniger Autos ab. Am härtesten traf es VW. Die Wolfsburger verzeichneten ein Absatzminus von über 22 Prozent.

Der Markt schrumpft

Schuld daran war vor allem in China. Laut Berechnungen des CAR-Center Automotive Research verkauften VW, BMW und Mercedes ein Fünftel weniger Fahrzeuge dort. Bei Mercedes sanken allein im zweiten Quartal die Verkäufe im chinesischen Markt um rund ein Viertel. Wegen der Corona-Lockdowns in vielen Metropolen, unter anderem in Shanghai, hielten sich die Chinesen mit dem Kauf neuer Autos zurück.

Zwar dürfte sich die Situation im zweiten Halbjahr entspannen. Der Rückstand dürfte aber kaum noch aufzuholen sein. Der Verband der deutschen Autobranche VDA erwartet, dass der chinesische Automarkt in diesem Jahr um zwei Prozent schrumpft.

Chinesische Rivalen haben stark aufgeholt

In den Firmenzentralen von VW, Audi, Porsche, Mercedes und BMW schrillen die Alarmglocken. Denn China ist inzwischen ihr wichtigster Absatzmarkt. VW verkauft dort 37 Prozent seiner Fahrzeuge. Bei Mercedes und BMW ist es in etwa jedes dritte Fahrzeug. Im Luxus-Segment ist der Anteil noch höher: Mehr als zwei Drittel aller Maybachs werde in China vertrieben.

Lange Zeit profitierten die deutschen Autobauer vom China-Boom. In den 1990er-Jahren dominierten sie noch den Markt in dem asiatischen Land. Zusammen mit anderen ausländischen Herstellern hatten sie einen Marktanteil von bis zu 70 Prozent. Inzwischen haben die chinesischen Rivalen kräftig aufgeholt. In den vergangenen fünf Jahren schrumpfte der Marktanteil deutscher Autobauer von 25 auf 17 Prozent, hat die Unternehmensberatung Alix ermittelt. "Die Vormacht der Deutschen in China bröckelt", sagt der Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Center Automotive Research.

Kein deutsches E-Auto unter den "Top Ten"

Der Ausbau der Elektromobilität in der Volksrepublik hat den deutschen Herstellern massiv zugesetzt. Mit über 300 Modellen sei die Konkurrenz in China groß, sagt Alix-Direktor Xing Zhou. Während heimische Autobauer wie BYD ("Build your Dreams") den E-Auto-Markt aufrollen, tun sich Volkswagen & Co. mit ihren Modellen schwer. BYD hat im ersten Halbjahr mehr E-Autos ausgeliefert als VW, BMW und Mercedes zusammen. "Die deutschen Autobauer waren zu schlecht mit reinen Elektroautos in China vertreten", sagt Experte Dudenhöffer. "Es wurden strategische Fehler gemacht." Zudem seien die Software-Features der deutschen Autobauer für die jungen chinesischen Kunden nicht ganz so überzeugend. Software und IT-Entertainment spielen eine große Rolle in China. "Das haben bisher die Deutschen unterschätzt."

In den ersten vier Monaten des Jahres befand sich unter den "Top Ten" der Elektroautos in China keine einzige deutsche Marke. VW rangierte erst auf Platz 15. Bereits 2021 hatten die Wolfsburger ihr Ziel verfehlt, 80.000 bis 100.000 Fahrzeuge der neuen Elektro-Modellreihe ID auszuliefern. Ob der in diesem Jahr angepeilte Absatz von 160.000 bis 200.000 E-Autos erreicht wird, ist fraglich. "Bei VW hatte man bisher nicht die richtigen Modelle für China", kritisiert Autoexperte Dudenhöffer. "Der ID 3 war nicht in der Mitte des Marktes positioniert."

Den heute veröffentlichten Halbjahres-Zahlen zufolge scheint VW immerhin auf dem richtigen Weg zu sein: Im Juni verdoppelte der Konzern die Auslieferungen der E-Autos. Mit 17.600 "Stromern" der ID-Familie wurden so viele verkauft wie noch nie in einem Monat in China.

Laut einer Studie der Unternehmensberatung PwC machen die deutschen Hersteller inzwischen etwas Boden gut. Mit neuen Modellen hätten sie es geschafft, ihren Marktanteil bei vollelektrischen Autos in China im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf vier Prozent zu verdoppeln, heißt es dort. Momentan beträgt der Anteil der E-Autos 15 Prozent der Neuzulassungen in der Volksrepublik. Also gut jedes siebte neue Auto in China ist ein echter "Stromer".

Berlin stoppt Bürgschaften für Investitionen

Wollen die deutschen Autobauer ihren wichtigsten Absatzmarkt nicht verlieren, müssen sie kräftig in die Elektromobilität investieren - und in attraktive neue Modelle, die auf die chinesischen Käufer zugeschnitten sind. Doch es stellt sich zunehmend die Frage, ob das politisch gewollt ist. Die Bundesregierung drängt derzeit die deutsche Wirtschaft dazu, ihre Abhängigkeit von China zu verringern. Erstmals hat der Bund vor kurzem eine Reihe von Bürgschaften für deutsche Unternehmen in China auf den Prüfstand gestellt, darunter auch für mehrere Werks-Investitionen von VW.

Der Wolfsburger Autobauer steht besonders wegen seines Werks im nordwestchinesischen Urumqi in der Kritik. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen werden im dortigen Gebiet die Uiguren systematisch unterdrückt und in Lagern interniert. Die Gewerkschaft IG Metall fordert, über eine Aufgabe des Standorts nachzudenken.

Riskante Luxus-Strategie von Mercedes?

Unternehmen aus anderen Branchen wie zum Beispiel dem Maschinenbau reduzieren inzwischen ihre Geschäfte in China. Der VDMA empfiehlt seinen Mitgliedsfirmen, bei Investitionen in neue Werke in China abzuwarten und eher andere Regionen Asiens auszuwählen.

Solche Pläne sind bei den deutschen Autobauern bisher kaum zu hören. Im Gegenteil: VW will seine Investitionen in China ausweiten. Und Mercedes trimmt seine Marke mit dem Stern konsequent auf Luxus wie die S-Klasse und den Maybach. Damit dürften die Schwaben noch abhängiger von China werden, warnt Auto-Experte Dudenhöffer. "Dieses Risiko muss man einpreisen."