Ein Piktogramm zeigt den Stellplatz neben einer Ladesäule für E-Autos | dpa
Hintergrund

Boom der Elektroautos Warum der Ausbau von E-Ladesäulen stockt

Stand: 28.06.2022 14:38 Uhr

Die Zahl der Elektroautos auf den Straßen ist stark gestiegen - doch der Ausbau des Netzes von E-Ladesäulen kommt nur sehr schleppend voran. Was sind die Gründe - und wie steht Deutschland da?

Von Marco Karp, SR

Es gibt sie in vielen Formen und Farben, nur sind sie in Deutschland im öffentlichen Raum insgesamt noch rar gesät: E-Ladesäulen. Sie sind für einen Umstieg von Autos mit Verbrennermotoren auf Elektroautos unabdingbar. Doch Deutschlands Kommunen sind dafür nicht gut gerüstet.

Mehr als die Hälfte aller 10.796 Gemeinden verfügt über keinen einzigen Ladepunkt (Stand: 1. Mai 2022). Das zeigt eine Auswertung des Verbands der Automobilindustrie (VDA) auf Basis von Daten der Bundesnetzagentur. Im Energiewendebarometer der staatlichen Förderbank KfW gaben kürzlich mehr als 50 Prozent der Haushalte an, sich die Anschaffung eines Elektroautos bislang aufgrund der unzureichenden öffentlichen Ladeinfrastruktur nicht vorstellen zu können.

Sachsen vorn, Saarland Schlusslicht

Den schleppenden Ausbau spiegeln auch die Zahlen im Ladenetzranking des VDA wider. Dort zeigt sich: Beim Spitzenreiter Sachsen kommen auf einen Ladepunkt im Schnitt knapp 14 E-Pkw, beim Schlusslicht Saarland sind es 28. Ein Großteil der Säulen steht in der Landeshauptstadt Saarbrücken, der ländlichere Norden des Bundeslandes ist nur spärlich versorgt.

Das saarländische Ministerium für Umwelt, Klima, Mobilität, Agrar und Verbraucherschutz geht davon aus, dass Laden häufig zu Hause stattfindet. Da das Land über eine hohe Eigenheimquote von rund 64 Prozent verfügt, sei die Versorgung im öffentlichen Raum derzeit schwierig. Außerdem erfolge der Ausbau der Ladeinfrastruktur nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten. Demzufolge fehlten in manchen Regionen die Ladesäulen.

Boom bei Elektro-Neuzulassungen

Heute nun wollen die EU-Umweltminister über das geplante Verbot von Neuwagen mit Verbrennungsmotor ab 2035 entscheiden. Die deutsche Position war bis zuletzt in der Ampel-Koalition umstritten. Wenn das Verbot käme, müsste der Ausbau deutlich schneller vorangehen.

Neuzulassungen von E-Autos und der Ausbau von Ladesäulen klaffen immer weiter auseinander. In den vergangenen zwölf Monaten wurden im Schnitt 57.000 E-Autos pro Monat zugelassen. Im gleichen Zeitraum wuchs die Zahl der Ladesäule monatlich lediglich um 1400.

Das macht momentan rund 60.000 bundesweit. Im Vergleich: Die Niederlande verfügen über knapp 80.000 und ist fünfmal kleiner als Deutschland. Die aktuelle Ausbaugeschwindigkeit müsste versechsfacht werden, fordert der VDA. Ansonsten werde die Bundesrepublik im Jahr 2030 nur über rund 210.000 Ladepunkte verfügen - etwa ein Fünftel des Millionenziels der Bundesregierung.

Bürokratie und Lieferengpässe als Hindernis

Für ein großes Problem hält der ADAC die lange Zeit, bis ein Standort gefunden ist und entsprechende Genehmigungen vorliegen. Außerdem komme es auch hier inzwischen zu Lieferengpässen bei Material und Transformatoren. 

Um die Ausbaugeschwindigkeit zu erhöhen, seien vor allem schnellere Planungs- und Genehmigungsprozesse nötig, so die VDA-Präsidentin Hildegard Müller. "Wir brauchen beim Ausbau der Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge eine Planungsbeschleunigung, die Automobilindustrie hat hierzu konkrete Vorschläge vorgelegt."

Beim Ladenetzranking des VDA steht der Osten nach Zahlen häufig besser da als der Westen. Für den Automobilclub ist der momentane statistische Vorsprung der Ost-Bundesländer leicht zu begründen, da dort insgesamt weniger E-Autos zugelassen sind. Während in Nordrhein-Westfalen knapp 300.000 "Stromer" gemeldet sind, kommt Sachsen gerade einmal auf 34.000 E-Autos. 

Masterplan Ladeinfrastruktur II liegt auf Eis

Experten sind sich einig: In ganz Deutschland braucht der Ausbau neuen Schwung. Bundesverkehrsminister Volker Wissing hat bereits den Masterplan Ladeinfrastruktur II angekündigt. Dieser sieht unter anderem vor, die Planungen und den Bau zu beschleunigen und vor allem die Schnellladeinfrastruktur anzugehen.

Allerdings wurde der Entwurf wegen Streitigkeiten um Zuständigkeiten vom Bundeswirtschaftsministerium einkassiert. Laut einer Sprecherin des Verkehrsministeriums ist man gerade im "regierungsinternen Abstimmungsprozess". Wann der der Masterplan also dem Kabinett vorgelegt wird, ist noch unklar. Der Schwung beim Ausbau der E-Ladesäulen im öffentlichen Raum dürfte also vorerst ausbleiben.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 02. Februar 2022 um 22:15 Uhr.