Alte Erntemaschinen in der Ukraine | picture alliance / dpa
Hintergrund

Ukrainische Wirtschaft Mehr als "Europas Kornkammer"

Stand: 14.02.2022 16:15 Uhr

Die Ukraine zählt zu den weltgrößten Weizen-Exporteuren. Und an vielen anderen wertvollen Rohstoffen ist das Land reich. Ein Krieg hätte auch ökonomisch verheerende Folgen - der Schaden ist schon spürbar.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Seit der "Orangenen Revolution" im Jahr 2004 stand die Ukraine mehrfach am Abgrund. Hunderttausende protestierten damals gegen Wahlfälschung und die Macht von Oligarchen. 2009 drohte gar ein Staatsbankrott aufgrund der enormen Auslandsverschuldung. Milliarden-Kredite des Internationalen Währungsfonds (IWF) retteten das Land vor dem Kollaps.

Die Krim-Annexion 2014 riss die Ukraine in eine neue Wirtschaftskrise, von der sie sich aber inzwischen wieder erholt hat. "Die Krim-Krise hat zu einer zunehmenden Entflechtung des ukrainischen Außenhandels geführt", sagt Hans Peter Pöhlmann, Osteuropa-Experte der deutschen Wirtschaftsförderungsgesellschaft Germany Trade & Invest.

Erholung nach der Krim-Krise

Tatsächlich schien das Land zuletzt wieder auf gutem Weg zurück zur Normalität. "Makroökonomisch und makrofinanziell steht die Ukraine derzeit deutlich besser da als in den letzten Dekaden", sagt Gunter Deuber, Bereichsleiter Volkswirtschaft der österreichischen Raiffeisenbank International. "Die Staatsverschuldung konnte in den letzten Jahren von über 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf unter 50 Prozent gedrückt werden, und die Auslandsverschuldung sank von über 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf knapp über 50 Prozent", so Deuber gegenüber tagesschau.de.

Auch die Corona-Krise überwand die Ukraine relativ gut. Nach einer kurzen Rezession 2020 dürfte die Wirtschaft im vergangenen Jahr um 3,2 Prozent gewachsen sein. Für 2022 war zuletzt ein Plus von 3,8 Prozent anvisiert.

Säbelrasseln schadet der Wirtschaft bereits

Doch der Aufmarsch der russischen Truppen an der ostukrainischen Grenze und die Angst vor einem Krieg drohen den Aufschwung abzuwürgen. Schon jetzt sind erste Bremsspuren sichtbar: die heimische Währung Griwna hat seit Mitte Dezember deutlich gegenüber dem Euro abgewertet, die Inflation ist auf zehn Prozent geklettert, die Zentralbank musste die Leitzinsen auf zehn Prozent erhöhen. Nirgendwo in Europa sind sie höher. Und zu allem Überfluss haben auch noch ausländische Investoren massiv Gelder abgezogen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj appellierte an die Bevölkerung, jetzt nicht in Panik zu verfallen, sich nicht zu Hamsterkäufen verleiten zu lassen oder gar Bankkonten zu plündern. Wenn auch der Westen ständig von einem bevorstehenden Einmarsch der Russen warne, schüre das nur Panik. Die Wirtschaft werde dadurch "zerstört".

Hohe Abhängigkeit von Russland

Experten sind sicher: Eine zusätzliche Eskalation der Lage an der ukrainisch-russischen Grenze würde die Landeswährung Griwna weiter schwächen und die Wirtschaft schwer beeinträchtigen. Bei einem solchen Szenario sei mit einem ähnlich heftigen Wirtschaftseinbruch wie nach der Krim-Krise zu rechnen, sagt Raiffeisen-Experte Deuber. 2014 brach das Bruttoinlandsprodukt um 6,6 Prozent ein, 2015 sogar um 9,8 Prozent. Damals belastete ein Währungsverfall die Wirtschaft, diesmal wären es realwirtschaftliche Verluste.

Der Handel mit Russland würde im Kriegsfall wohl zum Erliegen kommen. Das wäre ein harter Schlag für die Ukraine. Denn Russland ist immer noch einer der wichtigsten Exportländer, wenn auch nicht mehr ganz so bedeutend wie früher. Zudem ist Kiew auf russische Erdgas-Importe angewiesen. Wenn ein Teil der Transitpipeline-Infrastruktur beschädigt werden sollte, würde das zu erheblichen Unterbrechungen der Energielieferungen in großen Teilen des Landes führen, warnen die Osteuropa-Forscher vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). "Im Falle einer vollständigen Unterbrechung des Transits wäre die Ukraine in der Lage, Haushalte und kritische Infrastrukturen maximal bis zu sieben Tage lang mit Gas zu versorgen. Danach würde der Druck im System zu sinken beginnen, und die Ukraine hätte nicht mehr genügend Gas in den Speichern, um den Druck aufrechtzuerhalten und die Verbraucher mit Gas zu versorgen", sagt WIIW-Expertin Olga Pindyuk.

Strategisch wichtige Häfen

Aber auch der Handel mit der EU dürfte bei einem Krieg in der Ostukraine gestört werden. Nach Einschätzung der WIIW-Expertin Pindyuk hätte die mögliche Zerstörung wichtiger Teile der Infrastruktur des Landes Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft. "Die Ukraine könnte den Zugang zu ihren wichtigsten Häfen um Odessa verlieren, über die fast die Hälfte der Ex- und Importe des Landes abgewickelt werden." Die Ukraine exportiert über ihre Seehäfen Getreide, gewalzten Stahl und chemische Produkte – ihre wichtigsten Exportgüter. Pindyuk: "Schwarzmeerhäfen und Transitpipelines sind die kritischsten Teile der Infrastruktur, die im Falle einer militärischen Invasion beschädigt werden könnten."

Bisher führt die Ukraine vor allem Rohstoffe aus. Das riesige Land verfügt über enorme Bodenschätze - von Eisenerz, Graphit, Titan, Nickel, Lithium bis hin zu Seltenen Erden. Selbst noch riesige unerschlossene Schiefergas-Vorkommen schlummern unter der Erde. Damit könnte das Land eines Tages vom Energie-Importeur zum Exporteur werden.

Große Flächen mit Ackerland

Die Ukraine gilt auch als die "Kornkammer Europas". Das Land ist einer der größten Weizenexporteure der Welt. Etwa ein Drittel der fruchtbaren Schwarzerde-Böden befinden sich in der Ukraine. Das ukrainische Ackerland entspricht gut einem Viertel der Flächen, die es in der gesamten EU gibt. Nahrungsmittel sind das zweitwichtigste Exportgut der Ukraine - nach Eisen und Stahl.

Ein Einmarsch Russlands in die Ostukraine würde die Agrarexporte beeinträchtigen und könnte so zu steigenden Lebensmittelpreisen auch in deutschen Supermärkten führen. Insofern hat die EU auch ein großes ökonomisches Interesse daran, einen Krieg in der Ukraine zu verhindern.

Eine neuerliche Wirtschaftskrise könnte die Ukraine nicht alleine durchstehen. Das Land bräuchte dann Milliardenhilfen. Die EU hat bereits 1,2 Milliarden Euro Soforthilfen und zusätzliche 120 Millionen Euro in Form von Zuschüssen zugesagt. Zudem könnte der IWF mit einer Milliardenkredit-Tranche einspringen.

EU inzwischen größter Außenhandelspartner

Mit einem Außenhandelsanteil von mehr als 40 Prozent ist die Europäische Union inzwischen der größte Handelspartner der Ukraine. In den EU-Staaten kauft die Ukraine vor allem Maschinen, Chemikalien und Industriegüter. In der Summe mache die Ukraine jedoch nur etwa ein Prozent des EU-Außenhandels aus und sei damit "nicht von entscheidender Bedeutung", sagt Raiffeisen-Experte Deuber. Bei den Importen sei die Ukraine so bedeutend wie Südafrika oder Thailand, bei den Exporten habe sie ein Gewicht wie Marokko oder Saudi-Arabien.

Brüssel sieht aber großes Potenzial in der Ukraine und erhofft sich mittel- und langfristig einen Ausbau des Handels mit Kiew. Von den 30 kritischen Rohstoffen wie Lithium oder Kobalt, die die EU identifiziert hat, besitzt die Ukraine alleine 21. Die Europäische Union würde gerne eine Rohstoff- und Batterieallianz mit der Ukraine aufbauen. Zudem könnte die Ukraine zum Wasserstofflieferanten werden.

Kapitalflucht und Reformstau als Probleme

Deutschland ist nach Polen der zweitwichtigsten Handelspartner der Ukraine in der EU. Laut GTAI wurden 2020 Waren im Wert von knapp 4,6 Milliarden Euro exportiert. Das entspricht einem Anteil von 0,8 Prozent an den deutschen Exporten in Nicht-EU-Länder. Importiert wurden Waren im Wert von 2,5 Milliarden Euro. Seit 2008 ist das Außenhandelsvolumen leicht zurückgegangen. Die Ukraine liefert vor allem Textilien, Metalle und Chemieprodukte nach Deutschland.

Angesichts des Rohstoff-Reichtums der Ukraine könnte es verwundern, dass das Land wirtschaftlich nicht viel besser dasteht. Doch Misswirtschaft, veraltete Strukturen, Korruption und die jahrelange Abhängigkeit von Russland haben immer wieder die Wettbewerbsfähigkeit der ukrainischen Wirtschaft gebremst.

"Grundsätzlich hat das Land ein großes Potenzial", meint Lars Handrich, Geschäftsführer von DIW Econ, einer Beratungsfirma des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Das eine seien die vielen Bodenschätze. Doch es gebe Belastungen der Wirtschaft - durch die hohe Kapitalflucht, einen Mangel an Reformen und einen überalterten Maschinen- und Kraftwerkspark.