Ein Schüler arbeitet an einem Tablet. | dpa

Digitales Lernen Deutschland sucht den Anschluss

Stand: 26.09.2021 13:08 Uhr

Die Pandemie bescherte digitalen Bildungsangeboten einen Aufschwung, doch nur eines der führenden Startups kommt aus Europa. Warum werden die Chancen des Marktes nicht besser genutzt?

Von Lilli Hiltscher, tagesschau.de

Der Markt für digitalisierte Bildung hat gigantisches Potenzial: Allein 2020 wurden weltweit mehr als 16 Milliarden Dollar Risikokapital in innovative Lernlösungen und Geschäftsmodelle investiert - mehr als doppelt so viel wie in den beiden Jahren zuvor. Zahlen des Marktforschungsunternehmens HolonIQ zufolge werden die Investitionen bis 2025 auf bis zu 404 Milliarden Dollar steigen.

Digitale Lernplattformen wie Coursera, Udemy oder Udacity zählen mittlerweile zu den sogenannten Unicorns (Einhörnern). Das sind junge Technologie-Unternehmen, die von internationalen Investoren mit einer Milliarde Dollar oder mehr bewertet werden. Die US-Firma Coursera etwa hat sich auf die Bereitstellung von Online-Weiterbildungskursen spezialisiert. Die Kurse bestehen in der Regel aus mehreren Stunden an Videovorlesungen, kombiniert mit Leistungsüberprüfungen, etwa durch Quizfragen.

EdTech

Die Abkürzung EdTech (education and technology) bezieht sich auf die Branche, die Bildungstechnologien entwickelt. Das sind technologische Entwicklungen wie Softwarelösungen, Dienstleistungen oder Tools, die das Lernen oder Lehren unterstützen sollen. Das bedeutet, dass über Webseiten oder Apps interaktiv und spielerisch Inhalte von der Dezimalrechnung bis zum Gitarrespielen vermittelt werden. Dafür nutzen EdTech-Unternehmen Technologien wie beispielsweise Spracherkennung, Live-Videogespräche oder aufgezeichnete Videos.
Häufig wird der Markt von Startups dominiert, die technologische Neuerungen wie Virtual Reality, Mobile Apps, Tablets oder Künstliche Intelligenz (KI) für Bildungszwecke adaptieren, um Lehrinhalte zu vermitteln. So nutzt etwa eine französische Universität einen digitalen Campus, über den sich die Studierenden mit Avataren bewegen, während sie selbst am heimischen Laptop sitzen.

Europa ist im internationalen Vergleich abgehängt

Europäische Firmen konnten von dem Boom bisher allerdings kaum profitieren: Die Nachhilfeplattform Go Student aus Wien ist das einzige europäische Start-up, das von HolonIQ unter den "30 Global EdTech Unicorns" gelistet wird. Insgesamt sind die 30 EdTech-Einhörner weltweit über 90 Milliarden Dollar wert, der Großteil der Firmen kommt aus den USA oder China. Dabei ist das Prinzip von GoStudent simpel: Die Plattform verbindet Schüler im Live-Videogespräch mit ausgewählten Nachhilfelehrern.

Auf dem deutschen Markt tummeln sich zwar auch einige Start-ups, allerdings ist die Zahl überschaubar, erklärt Florian Schoner, Doktorand im Zentrum für Bildungsökonomie des ifo-Instituts: "Generell ist der Anteil der Gründungen, die auf den Bildungssektor entfallen, im einstelligen Bereich. Neben Go Student gibt es auf dem deutschen Markt Simpleclub, Sofatutor, knowunity und eSquirrel."

Auch deutsche Gründungen wachsen

Die App Knowunity, mitbegründet von Teenager Benedict Kurz während seines Abiturs, will Schüler zu Lern-Influencern machen. Den jungen Gründern schwebt eine Art "Spotify für den Schulalltag" vor. Das bedeutet, dass Schüler selbst Inhalte wie Erklärvideos erstellen - Schüler helfen Schülern. Und besonders aktive Nutzer könnten mit ihren Angeboten sogar Geld verdienen. Das Start-up erhielt nun Wachstumskapital vom Berliner Gründerfonds Project A und bekannten Business-Angels wie dem Fußballprofi Mario Götze und der Unternehmerin Verena Pausder.

Auch Lernplattformen, die vor allem Studierende als Zielgruppe haben, konnten vom Aufschwung der Branche während der Corona-Krise profitieren. Die deutsche HV Capital investierte zwei Millionen Euro in die Lern-App Simpleclub, und deren Konkurrent Sofatutor wurde von Investmentgesellschaften übernommen. Sofatutor bietet beispielsweise Lernvideos, Übungen, Hausaufgaben-Chats und Einzel-Nachhilfe an. "Als besonders effektiv gelten Angebote, die personalisierte Inhalte und sofortiges Feedback bieten. Angesichts der immer größeren Verfügbarkeit von Methoden im Bereich Künstlicher Intelligenz sollten diese Angebote in der Zukunft noch effektiver gestaltet werden können", erläutert Schoner die technischen Möglichkeiten.

Schwere Startbedingungen für Startups in Deutschland

Allerdings ist der administrative Aufwand der Firmen hoch, erläutert Ulrich Schmid, Geschäftsführender Gesellschafter des mmb Institut in Essen: "Bis man einmal im Markt drin ist, hat man einen enormen Aufwand an Marketing zu betreiben, den Start-ups eigentlich gar nicht stemmen können." Denn Start-ups haben in Deutschland, verglichen mit Märkten wie China oder den USA, mit erheblichen Hürden zu kämpfen. "Die Deutschen sind oft nicht bereit, für Bildung Geld auszugeben. Man ist es gewohnt, dass Bildung von staatlicher Hand organisiert wird und nichts kostet. Außerdem ist der Bildungssektor - Schulen und Hochschulen - so stark reguliert, dass sich ein Start-up teilweise mit 16 Kultusministerien herumschlagen muss. Da lohnt es sich gar nicht, in dem Bereich aktiv zu werden", erläutert der Experte des mmb Institut. Das mmb Institut versteht sich als Denkwerkstatt und Impulsgeber für die Innovation von Bildung und Lernen.

Dagegen sei die Nachfrage nach kostenfreien Angeboten enorm, YouTube verstehe sich mittlerweile selbst als Bildungsplattform. Für viele ist es die erste Anlaufstelle, egal ob es um Integralrechnung oder das Wechseln eines Fahrradreifens geht. Für junge Gründer ist dies aber kaum erfolgversprechend, da sie hier nur schwer Einnahmen erzielen können.

EdTech-Angebote aus Deutschland beschränken sich bisher also hauptsächlich auf den unregulierten Markt der Freizeitbildung, oder Nachhilfeangebote, die keiner staatlichen Regulierung unterliegen. Deshalb sei der Erfolg im Markt für Freizeitbildung deutlich leichter zu erreichen; auch eine Konsequenz aus der Corona-Krise: "Die Pandemie hat Unternehmen, die digital unterwegs sind, beflügelt. Auch in Deutschland laufen digitale Kochkurse oder Gitarrenunterricht mittlerweile ziemlich gut", sagt Schmid.

Bildungsangebote beschränken sich auf den Freizeitmarkt

Anbieter solcher Kurse sind allerdings häufig auf einen sehr kleinen Markt beschränkt. Denn deutsche Bildungsangebote richten sich an ein deutschsprachiges Publikum, und eine Expansion in Märkte außerhalb dieses Sprachraums ist nur schwer zu stemmen, erläutert der mmb-Experte: "Da haben es Firmen aus den USA leichter; englische Bildungsangebote kann man überall vermarkten." Deshalb sehe er die Gefahr, dass Deutschland im Wettbewerb um neue Firmen in diesem Bereich abgehängt wird, und amerikanische Firmen rasch auch hierzulande Fuß fassen.

Deutschland müsse deshalb aktiv werden, um Gründungen zu erleichtern, sagt ifo-Experte Schoner: "Um mehr Gründungen unabhängig vom Sektor zu fördern, lohnt es sich, auf die Forderungen von Jungunternehmer*innen zu schauen: Abbau und Digitalisierung von Bürokratie. Beispielsweise ergibt eine aktuelle Umfrage der IHK unter 350 Jungunternehmer*innen, dass 79 Prozent der Befragten glauben, dass der Bürokratieabbau den Gründungsstandort Deutschland aufwerten würde."

Möglichkeiten für private Anleger

Eines der bekanntesten deutschen EdTech-Unternehmen ist Babbel. Der 2007 in Berlin gegründete Sprachlern-Anbieter will sogar an die Börse gehen, musste seine Pläne zuletzt aber wegen ungünstiger Marktbedingungen aufschieben. Mit den Emissionserlösen soll neben einer Expansion in die USA auch eine Erweiterung des Lernangebotes vorangetrieben werden.

Babbel wäre international nicht das erste Unternehmen, das um private Anleger wirbt: Seit einiger Zeit wirbt beispielsweise die Allianz damit, dass Anleger über entsprechende Fonds die Bildungschancen für alle Menschen verbessern könnten. Laut HolonIQ fließen gerade einmal vier Prozent der weltweiten Ausgaben für Technologie in digitale Bildung, die Investitionen am deutschen Markt sind verschwindend gering. Diese Lücken sollen nun private Anleger schließen. So werde etwa die Zahl der börsennotierten Unternehmen bis 2025 auf über 100 steigen.

"Ein Großteil der weltweiten privaten Kapitalinvestitionen im Bildungsbereich ging in den vergangenen Jahren in Angebote, die klassische Bildungsinstitutionen tendenziell ersetzen, das heißt in Apps oder Bildungsplattformen, die eigenständiges, autonomes Lernen jenseits von Institutionen und traditionellen Lehr- und Lernsettings ermöglichen", so Experte Schmid vom mmb-Institut.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Februar 2021 um 13:05 Uhr.