Logos US-amerikanischer Streamingdienste | picture alliance / NurPhoto

Zäsur am US-Medienmarkt Streaming überholt klassisches TV

Stand: 28.08.2022 14:25 Uhr

Der Fernseher als abendliches Lagerfeuer, das gehört in den USA seit Jahrzehnten dazu. Doch nun hat Streaming erstmals die herkömmliche Verbreitungswege Antenne oder Kabel überholt.

Von Marcus Schuler, ARD-Studio San Francisco 

Amerikanische Medienjournalisten können schon mal etwas außer Atem geraten, wenn sie über eine wichtige Zäsur im US-Mediengeschäft berichten. David Lazarus, der seit vielen Jahren die Medienszene an der US-Westküste verfolgt, ist da keine Ausnahme: "Die Zahlen sind faszinierend. Laut Nielsen macht das Streaming-TV inzwischen 34,8 Prozent der Fernsehzuschauer aus, im Vergleich zu 34,4 Prozent beim Kabel und 21,6 Prozent beim Fernsehen." Es ist das erste Mal, dass Streaming-TV das Kabelfernsehen bei der Einschaltquote überholt. "Und das wird wahrscheinlich auch so bleiben", glaubt Lazarus.

Marcus Schuler ARD-Studio Los Angeles

Niedergang der TV-Networks

Gut 190 Milliarden Minuten pro Woche nutzen Zuschauerinnen und Zuschauer in den USA Streaming-Dienste wie Netflix, Hulu, HBO Max, Amazon Prime oder YouTube. Das sind gut 22 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Für die klassischen TV-Networks wie ABC, Fox, CBS oder NBC, die seit 70 Jahren den Fernsehmarkt dominierten, wurde der Niedergang durch die Pandemie noch beschleunigt.

Aber das allein erklärt das schleichende Erschlaffen der einstigen Giganten nicht. Als im Juni die TV-Networks in New York ihre Highlights für den Herbst vorstellen, sei die Enttäuschung groß gewesen, sagt der Medienjournalist Bill Carter: "Diese neuen Shows hinterlassen keinen kulturellen Einfluss - so wie das heute ein großer Hit auf Netflix schafft. Außerdem richten die Menschen ihr Leben nicht mehr nach den TV-Sendungen aus."

Zugpferd Sportberichterstattung

Hinzu komme ein derzeit schwaches Live-Sportangebot. Immer mehr Sportereignisse wie Football, Basketball oder Baseball werden parallel auch auf Amazon Prime oder Apple TV Plus gestreamt. Haushalte kündigen ihre monatlichen Kabel-Abos, die oft 100 Dollar und mehr kosten und ersetzen sie durch eine Vielzahl von Streaming-Angeboten. Genau dadurch verlieren die großen linearen TV-Networks ihr Publikum.

Das abendliche "Lagerfeuer" um den Fernseher sei längst erloschen, sagt Medienbeoachter Carter. Wer Netflix und Co. streame, sitze meist alleine vor dem Bildschirm. Und das kann oft auch ein Tablet oder ein Smartphone sein. Carter sagt:

Die Werbetreibenden brauchen das große Publikum, die breite Masse. Wir versammeln uns nicht wirklich an bestimmten Orten, außer vielleicht noch beim Football. Deshalb sind die Preise für Fußballwerbung auch so astronomisch hoch. Aber: Die Werbung beim Streaming kommt.

 

Werbeclips auch beim Streaming

Und genau das passiert gerade. Längst bieten erfolgreiche Plattformen wie HBO Max oder Hulu ihre On-Demand-Dienste auch vergünstigt an. Statt 15 Dollar im Monat bezahlt man nur 10 Dollar. Dafür werden Filme, Serien und Dokus durch Werbeclips unterbrochen.

Ein solches Angebot will auch Netflix im kommenden Jahr starten, mit acht Prozent Anteil Marktführer in den USA. Mehr als 20 Milliarden Dollar gibt Netflix pro Jahr für neue Produktionen aus. Die TV-Networks werden immer stärker auf Nachrichten, lokal wie national, und auf Live-Sport reduziert.

Joe Flint, Medienjournalist beim "Wall Street Journal", warnt allerdings: "Die Verbraucher sind heutzutage sehr kostenbewusst. Die Vorstellung, dass man durch Streaming Geld spart, ist aber ein Mythos. Und je mehr diese Dienste ihre Preise erhöhen, desto mehr werden die Menschen erkennen, dass es ein Mythos ist."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 25. August 2022 um 12:51 Uhr.