Grippestation im Walter-Reed-Hospital in Washington | Bildquelle: picture alliance / akg-images

Folgen der Pandemie Lehren aus der Spanischen Grippe

Stand: 12.11.2020 11:03 Uhr

Auch vor hundert Jahren mussten Regierungen mehrere Infektionswellen bekämpfen - und reagierten oft falsch. Welche Lehren lassen sich aus früheren Pandemien und Wirtschaftskrisen ziehen?

Von Verena von Ondarza, NDR

Die Spanische Grippe im Jahr 1918 gilt als eine Art Prototyp einer Pandemie der Moderne. In den Endwirren des Ersten Weltkrieges verbreitete sie sich rasant zunächst in den Truppen und über heimkehrende Soldaten in der ganzen Welt. Über drei Infektionswellen hinweg forderte die Spanische Grippe 50 bis 100 Millionen Tote.

Die außergewöhnliche Mobilität der Menschen in der Kriegszeit war ein Treiber der Pandemie - und durchaus vergleichbar mit der Mobilität heutzutage, sagt Albrecht Ritschl, Wirtschaftshistoriker an der London School of Economics. "Wir wissen ja, dass wir bei der Covid-Pandemie den Ausbruchsherd Ischgl hatten", erinnert Ritschl. Er vergleicht den österreichischen Skiort mit Heerestandorten: "Man könnte sagen, dass die Trainingslager der Armeen, in Amerika und in England und in Frankreich, das damalige Äquivalent zu Ischgl waren, nur hat man damals nicht Skisport gemacht, sondern wesentlich weniger harmlose Dinge."

Spanische Grippe 1918: Lazarett Camp Funston in Kansas | Bildquelle: imago images/ZUMA Wire
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Grippekranke in Camp Funston in Kansas in einem Notlazarett: In dem Ausbildungslager der US-Armee wurden die ersten Ausbrüche der Spanischen Grippe entdeckt.

Dieselben Schutzmaßnahmen wie heute

Die Verbreitung über das Militär und nachher in der Zivilbevölkerung sei dieselbe gewesen. Und schon damals wurden ähnliche Debatten geführt wie heute: über die Wirksamkeit von Mundschutz, über Schulschließungen oder die Absage von Kultur- und Großveranstaltungen. Ein Herunterfahren des gesellschaftlichen Lebens wurde damals schon diskutiert und teilweise auch praktiziert. Erfahrungswerte dazu gibt es vor allem aus den USA, so Ritschl.

Spanische Grippe 1918: | Bildquelle: picture alliance / akg-images
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Maskenträgerin bei der Arbeit in Washington: Auch über Mundschutz wurde damals diskutiert.

"Dort, wo Lockdowns schneller verhängt wurden und wo sie länger verhängt wurden, waren die wirtschaftlichen Schäden insgesamt geringer als dort, wo man versucht hat, auf Teufel komm raus das wirtschaftliche Leben im Gang zu halten", sagt der Wirtschaftshistoriker. Messen könne man das an der Arbeitslosigkeit, an der Produktion, an den örtlichen Steuereinnahmen. Ein Lockdown sei wirtschaftlich gut, so Ritschl: "Das hat mich auch überrascht."

Jahrelange Krise nach dem Crash

Die Weltwirtschaftskrise, beginnend im Jahr 1929 mit dem weltweiten Börsencrash, ist ein weiterer Referenzpunkt für Historiker. Dem Zusammenbruch der Aktienmärkte folgte eine jahrelange Wirtschaftskrise. Viele Staaten - noch in Folge des Ersten Weltkrieges hochverschuldet - reagierten damals auf den Wirtschaftseinbruch mit harten Sparmaßnahmen. Einen "Giftcocktail" nennt Ritschl das rückblickend.

"Deutschland war in einer ähnlichen Situation wie Griechenland oder Italien nach 2008: Es wurde zum Sparen gezwungen." Das habe zu ganz ähnlichen Effekten geführt wie in Griechenland: "Einbruch des Sozialproduktes um vielleicht 25 Prozent - so genau weiß man das nicht -, Massenarbeitslosigkeit und dergeichen mehr."

Die Wall Street am "Schwarzen Freitag" 1929 | Bildquelle: picture-alliance / akg-images
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Die New Yorker Wall Street am "Schwarzen Freitag" 1929: Als die Börsenkurse in den Keller rutschten, herrschten Panik und Chaos.

Falsche Reaktion

In der Finanzkrise 2008 setzte man zumindest in Deutschland nicht aufs Sparen, möglicherweise auch als Lehre aus der Weltwirtschaftskrise. Nichtsdestotrotz verordnete man anderen Ländern in Südeuropa das Sparen. Rückblickend ein Fehler, meint Ritschl. Wenn man diesen Fehler nun im Nachgang der Pandemie vermeide, könnte die Corona-Wirtschaftskrise wesentlich weniger langfristig nachwirken als vorherige Krisen: "Die Finanzkrise 2008 hatte zu tun mit schweren Funktionsstörungen in den Finanzmärkten, also mit etwas, das aus den Finanzmärkten, aus der Volkswirtschaft selber kam, während die Corona-Krise ein von außen kommender Epidemie-Schock ist", erklärt Ritschl den Unterschied.

Die vergleichsweise schnelle Erholung nach der ersten Corona-Welle zeigt für den Wirtschaftshistoriker, dass die Weltwirtschaft heute robuster ist als damals. Und angesichts der vielen Hilfsprogramme scheint es fast so, als habe die Politik tatsächlich dieses Mal in die Geschichtsbücher geschaut.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 12. November 2020 um 11:40 Uhr.

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