Schneeberge in den Straßen von Stockholm  | dpa

Tiefster Winter in Schweden Eisige Kälte sorgt für Stromknappheit

Stand: 12.02.2021 05:06 Uhr

"Bitte nicht staubsaugen!" - derlei Warnungen hört man derzeit in Schweden. Wegen des eisigen Winterwetters wird in dem skandinavischen Land der Strom knapp.

Von Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm

Schwedisches Fernsehen ist schon mal für eine Überraschung gut, aber damit hatte eher niemand gerechnet. Eine ernste Stimme mahnt zur Zurückhaltung: "Bevor man den Staubsauger anschaltet, sollte man sich fragen, ob man wirklich genau dann saubermachen muss, wenn es am kältesten ist in Schweden. Da ist der Strom nämlich nicht nur am teuersten, sondern auch am schmutzigsten", heißt es in diesem kleinen Filmchen.

Carsten Schmiester ARD-Studio Stockholm

Klingt wie ein Spartipp aus uralten Zeiten, ist aber aktuell. Weil in Schweden Winter ist und viele ihre Wohnungen und Häuser elektrisch heizen - und weil Schweden auch gerade deshalb einen Strom-Engpass hat. Riesennachfrage bei gleichbleibendem Angebot: Das Ergebnis waren förmlich explodierende Strompreise, die zwar immer noch nur halb so hoch sind wie in Deutschland, in Schweden aber oft ums Doppelte über denen vom vergangenen Januar liegen.

Das bremst auch die Wirtschaft. Henrik Sjölund ist Geschäftsführer der Papierfabrik Holmens Pappersbruk. Er beschreibt die Auswirkungen für sein Unternehmen: "Wir verfolgen die Strompreise jeden Tag und arbeiten praktisch mit der Hand an der Bremse", sagt er. Wird der Strom zu teuer, passt Sjölunds Kalkulation nicht mehr und die Produktion wird zurückgefahren.

Es mangelt an Leitungen und Stromspeichern

Vielen energieintensiven Unternehmen geht es nicht anders, während der Staat Privathaushalte tatsächlich auffordert, Stromfresser wie eben Staubsauger oder Heizgeräte möglichst nicht zu benutzen. Joar Forsell sitzt für die oppositionellen Liberalen im Parlament. Ihm ist die Stromknappheit unangenehm: "Es ist peinlich, dass ein entwickeltes Land wie Schweden schmutzigen Strom importieren muss und dass Industriebetriebe still stehen", sagt er.

Presseberichten zufolge hat Schweden Strom aus polnischen und deutschen Kraftwerken zugekauft, auch aus Braunkohlekraftwerken, und dazu im Süden ein eigenes ölbetriebenes Notkraftwerk hochgefahren - während im Norden mehr Strom erzeugt als verbraucht wird. Aber es gibt nicht genug Leitungskapazität, um ihn in der nötigen Menge in den Süden zu bringen. Die rot-grüne Minderheitsregierung will zwar neue Leitungen bauen. Doch bis die da sind, könnte es 20 Jahre dauern.

Sonst sei das Problem aber nur saisonal, sagt der grüne Abgeordnete Lorentz Tovatt und formuliert den energiepolitischen Anspruch Schwedens: "Wir wollen eine Art Superbatterie Nordeuropas mit sauberem Strom werden und sind auf einem guten Weg. Wir exportieren heute mehr Strom als je zuvor und importieren weniger. Dazu nutzen wir deutlich weniger fossile Energie als früher."

Kernkraft in Schweden kein Tabu

Auch, weil Sonne- und Windenergie stärker gefördert werden, was die Kernenergie zurückgedrängt hat. In Schweden sind noch sechs Kraftwerksblöcke am Netz, die nicht mehr 40, sondern etwa 30 Prozent des Stroms liefern. Bis 2040 wollen die Schweden allen Strom fossilfrei erzeugen, aber das bedeutet nicht unbedingt das Aus für die Atomkraft.

Bürgerliche Oppositionsparteien sehen sie auch in Zukunft als Teil eines "sauberen" Energiemixes und setzen sogar auf neue, wenn vielleicht auch kleinere Kernkraftwerke. Ihr Argument: Sie seien "noch sicherer, noch wirtschaftlicher und einfach nötig", um ständigen zunehmenden Strombedarf zu decken.

Mehr als 40 Prozent der Schweden wären laut einer Umfrage von Ende 2020 für den Bau neuer Kraftwerke. Mehr als 30 Prozent wollen wenigstens die übrig geblieben sechs Kraftwerke behalten - damit sie künftig auch im Winter wieder ohne schlechtes Gewissen staubsaugen können.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 12. Februar 2021 um 13:10 Uhr.