Ein verlassener Ryanair-Schalter am Flughafen Niederrhein in Weeze. | Bildquelle: SASCHA STEINBACH/EPA-EFE/REX/Shu

Pilotenstreik bei Ryanair "Immer billiger, billiger, billiger"

Stand: 10.08.2018 10:09 Uhr

Mitten in der Ferienzeit haben die Piloten beim Billigflieger Ryanair um drei Uhr ihre Arbeit niedergelegt. In Deutschland wurden 250 Flüge gestrichen, 42.000 Passagiere sind hierzulande betroffen.

Von Jan-Peter Bartels, HR

In den vergangenen zwei Jahren erst sei es passiert, sagt der Ryanair-Pilot: Da sei in ihm etwas kaputt gegangen. Er will anonym bleiben, hat Angst. Denn Ryanair schreibt in alle Arbeitsverträge, dass die Mitarbeiter keinesfalls mit der Presse reden dürfen. "Ich bin jahrelang mit Spaß zur Arbeit gegangen, bin auch gern für Ryanair geflogen", sagt der Mann. "Aber jetzt? Diese Unsicherheit, das zermürbt einen schon." Deswegen will er heute streiken, so wie auch viele seiner Kollegen.

Ryanair musste deswegen europaweit 400 von geplanten 2400 Flügen absagen. Um drei Uhr begann der Streik, 24 Stunden soll er dauern. Natürlich verstehe er Kunden, die nun wütend seien, weil sie irgendwo festhingen, sagt der Pilot. Nennen wir ihn Rainer Krüger. Er wirbt um Verständnis für den Kampf der Piloten: "Unser Chef Michael O'Leary hat mal gesagt, wir seien nur Taxifahrer der Lüfte." Krüger holt tief Luft: "Er will alles immer nur billiger, billiger, billiger. Es ist ja nicht nur das Personal, das hier schlecht behandelt wird, sondern auch die Passagiere. Ihm fehlt jede Achtung."

Ryanair-Strategie scheint an Grenzen zu stoßen

Billige Tickets, wenig Kundenservice - damit hat O'Leary Ryanair zu einer der größten Airlines Europas gemacht. Doch nun scheint seine Strategie an ihre Grenzen zu stoßen: Flugbegleiter und Piloten haben in diesem Sommer schon mehrfach in verschiedenen Ländern gestreikt, fordern vehement bessere Arbeitsbedingungen. Es sind die ersten massiven Streiks der Unternehmensgeschichte.

Krüger fliegt seit rund zehn Jahren für Ryanair: mehr als 3.000 Flüge. Auf seinem Smartphone hat er ein Logbuch. Darin kann er jeden einzelnen Flug nachschauen, den er in seinem Leben mit einer Ryanair-Boeing gemacht hat. "Als ich damals den Job bei Ryanair bekam, habe ich mich total gefreut, war auch etwas stolz", erzählt er. Er habe deswegen einen anderen, sicheren Arbeitsplatz aufgegeben. "Das war auch die richtige Entscheidung. Selbst aus heutiger Sicht. Wenn man einmal den Pilotenvirus hat, dann wird man ihn nie wieder los."

Ryanair-Chef Michael O‘Leary | Bildquelle: REUTERS
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Ryanair-Chef Michael O'Leary bezeichnete die Piloten mal als "Taxifahrer der Lüfte".

Piloten werden willkürlich versetzt

Doch inzwischen rede man im Cockpit hauptsächlich über Steuerprobleme, berichtet Krüger: Am Anfang deswegen, weil das Unternehmen seine Piloten in die Scheinselbstständigkeit gezwungen habe. Inzwischen stelle Ryanair die Piloten zwar direkt an, bestehe aber auf irische Verträge. Das führe unter anderem dazu, dass sie die hohe Einkommenssteuer in Irland bezahlen müssten und gleichzeitig die deutschen Sozialbeiträge. Es sorge für Unsicherheit.

Genauso wie die Praxis des Unternehmens, die Piloten plötzlich und willkürlich innerhalb Europas zu versetzen oder einen Angestellten nach einer Krankmeldung in die Zentrale nach Dublin einzubestellen, um sich zu erklären. "Über solche Sachen reden wir im Cockpit", sagt Krüger - und fügt mit bitterem Humor hinzu: "Und nicht über Autos, Frauen und Boote. Die Zeit ist lange vorbei."

Streiks Ryanair | Bildquelle: dpa
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Auch heute werden wieder viele Ryanair-Passagiere am Boden bleiben.

42.000 Passagiere in Deutschland betroffen

Auch den Ryanair-Kunden wird heute nicht zum Lachen zu Mute sein. 55.000 Passagiere sind von den Streiks betroffen, 42.000 davon allein in Deutschland. Auch in Belgien, Schweden, Irland und den Niederlanden haben die Pilotengewerkschaften ihre Mitglieder dazu aufgerufen, die Arbeit niederzulegen.

In den Niederlanden allerdings sollen alle Flüge der irischen Fluglinie planmäßig fliegen. Nach Angaben von Ryanair sollen auf den Strecken ausländische Piloten eingesetzt werden. Ryanair fliegt in den Niederlanden vor allem vom Regionalflughafen Eindhoven.

Nicht betroffen sind auch Passagiere in Baden-Württemberg, weil die Piloten der einzigen Maschine in Baden-Baden sich nicht an dem Streik beteiligen.

Alle von den Flugabsagen betroffenen Kunden seien per E-Mail informiert und auf andere Flüge umgebucht worden oder bekämen den Flug erstattet, so Ryanair: "Wir entschuldigen uns bei unseren Kunden für diese Störung, die dieser unnötige Streik verursachen wird."

Ryanair wehrt sich

Man sei bereit gewesen zu verhandeln, erklärt die Airline. Die Vorwürfe der Piloten seien haltlos: "Unsere Piloten in Deutschland genießen hervorragende Arbeitsbedingungen. Sie verdienen bis zu 190.000 Euro jährlich und erhielten neben den Zusatzleistungen eine Gehaltserhöhung von 20 Prozent zu Beginn dieses Jahres."

Pilotengewerkschaft widerspicht

Die Pilotengewerkschaft sieht das anders. Das feste Gehalt bei Ryanair sei weit niedriger, dazu kämen viele flexible Zusatzanteile. Diese seien aber unsicher, verlassen könne ein Pilot sich darauf nicht.

Rainer Krüger überlegt ernsthaft, den Arbeitgeber zu wechseln. Zurzeit fehlt vielen Airlines Personal, Piloten sind gesucht. Bei Ryanair halte ihn nicht mehr viel, sagt er. Spaß, Stolz, damit sei es vorbei: "Stolz und Ryanair, das würde ich nie mehr in einem Satz verwenden. Stolz ist es, was ich am meisten vermisse."

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 10. August 2018 um 05:42 Uhr.

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