Eine ältere Frau sitzt in einem Pflegeheim in ihrem Rollstuhl vor einem Tisch.  | dpa
Hintergrund

Altenpflege Wenn Investoren Pflegeheime entdecken

Stand: 10.08.2021 10:56 Uhr

Wegen der Alterung der Gesellschaft werden in Zukunft immer mehr Pflegeheime gebraucht. Das lockt verstärkt private Investoren an, die besonders auf Rendite achten. Wie groß ist die Gewinn-Orientierung in der Altenpflege?

In der Pandemie richtete sich die Aufmerksamkeit in Deutschland lange auf die Pflegeheime. Laut Umfragen unter den Gesundheitsministerien der Bundesländer gab es rund 30.000 Corona-Tote in Pflegeheimen. Das heißt: Etwa jeder Dritte der bislang mehr als 90.000 Menschen, die an Corona oder mit einer Infektion starben, war Bewohner eines Heims.

Allein in den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres erlagen in Deutschland jede Woche durchschnittlich neun von 1000 Pflegeheim-Bewohnern den Folgen einer Covid-19-Infektion. Seit Pandemiebeginn ziehe sich eine Schneise des Leidens und Sterbens durch die Pflegeeinrichtungen, klagte Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz.

Viele alte Menschen zögerten in der Pandemie, ins Pflegeheim zu gehen. Doch oft bleibt ihnen am Ende keine Wahl mehr, wenn die Familienangehörigen sie nicht länger betreuen können oder wollen. Dieser Trend wird aufgrund der demografischen Entwicklung zunehmen: Derzeit sind rund vier Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig. Schätzungen zufolge könnten es bis 2050 fast sechs Millionen sein.

Großer Bedarf an neuen Heimen

Die Folge: Der Bedarf an Pflegeplätzen und neuen Pflegeheimen wächst. Laut dem Zentralen Immobilienausschuss werden bis Ende dieses Jahrzehnts bis zu 390 zusätzliche Einrichtungen benötigt. Das weckt auch verstärkt das Interesse privater Investoren. Nach Angaben des Immobilien-Dienstleisters CBRE wurden noch nie so viele Pflegeheime verkauft und gekauft wie im Corona-Jahr 2020. In Deutschland erhöhte sich das Transaktionsvolumen mit Gesundheitsimmobilien um 61 Prozent auf 3,4 Milliarden Euro.

Selbst Private-Equity-Gesellschaften tummeln sich inzwischen auf dem Milliardenmarkt. Im bisher größten Deal kauften 2017 die Beteiligungskonzerne Carlyle und Nordic Capital für 1,2 Milliarden Dollar den deutschen Heimbetreiber Alloheim. Sie zahlten mehr als das Zwölffache des Gewinns, den Alloheim in einem Jahr erwirtschaftet.

Drei Prozent Rendite

Pflegeheime sind für die privaten Geldgeber ein lukratives Investment. Die durchschnittliche Netto-Umsatz-Rendite eines Heims liegt bei drei Prozent, schätzt Markus Bienentreu, Geschäftsführer des Sozialimmobilien-Betreibers Terranus. Voraussetzung ist, dass die Belegung der Heime bei 95 Prozent liegt.

Auch als Immobilie sind Pflegeeinrichtungen ein begehrtes Objekt. "Pflegeimmobilien stellen ein zukunftssicheres Investment mit vergleichsweise hohen Renditen dar", sagt Franz-Constantin König von der Beratungsgesellschaft Drees & Sommer. Sie seien konjunkturunabhängig und hätten den Vorteil langlaufender Mietverträge (15 bis 30 Jahre).

Privatisierung schreitet voran

Doch nicht alle Heime verdienen das große Geld. Gut ein Viertel von ihnen machte 2017 Verluste, hat der Pflegeheim Rating Report 2020 des RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung herausgefunden. Gerade Heime im Besitz der öffentlichen Hand tun sich schwer mit dem zunehmenden Kostendruck. Daher wird der Markt immer mehr privatisiert.

Marktführer in Deutschland ist die französische Korian-Gruppe mit einem Marktanteil von drei Prozent, gefolgt von Alloheim und Victor's Group. Die gemeinnützigen Anbieter Johanniter, Evangelische Heimstiftung und Awo Westfalen sind weit abgeschlagen in den Top Ten der Pflegeheimbetreiber auf Rang sieben bis neun.

Private Anbieter können eine Pflegeeinrichtung oft wirtschaftlicher betreiben. Sie bündeln den Einkauf und haben niedrigere Baukosten. Laut einer Studie der Universität Witten/Herdecke setzen sie auf den Preiswettbewerb und bieten die Pflege günstiger an. Da sie ihre Investitionen mit Krediten oder Eigenkapital finanzieren müssen, sparen sie an der Struktur- und Prozessqualität.

Kritik an Einsatz von Leiharbeitskräften

Privaten Anbieter stellen oftmals Leiharbeitskräfte an, die von der einen Einrichtung zur nächsten geschickt werden können. Hat diese Strategie die Ausbreitung des Virus begünstigt? Besonders private Betreiber standen vor diesem Hintergrund in der Kritik. Der europäische Marktführer Korian geriet in Frankreich ins Visier der Gewerkschaften und der Politik. In einem seiner Pflegeheime in der Nähe von Cannes starb fast ein Drittel der Bewohner. Angehörige reichten Klagen ein. Gewerkschaften prangerten Korian wegen der "Rendite-Orientierung" an. Sie hätten beim Material gespart und die Krise schlecht gemanagt, beklagte ein Vertreter der mächtigen Gewerkschaft CGT.

Trotz Corona steigerte Korian den Umsatz im vergangenen Jahr um sieben Prozent auf 3,9 Milliarden Euro. Der Gewinn schrumpfte auf 65 Millionen Euro. Dennoch zahlten die Franzosen ihren Aktionären eine kleine Dividende von 30 Cent je Aktie aus.

Korian Pflegeheim in Frankreich | picture alliance/dpa/MAXPPP

Bild: picture alliance/dpa/MAXPPP

"Mit der Auszahlung der Dividende möchten wir uns auch für das Vertrauen unserer Investoren in unsere Mission bedanken", erklärt Korian auf Nachfrage von tagesschau.de. Denn sie unterstützten die Weiterentwicklung der Pflege und die Konsolidierung des öffentlichen Gesundheitssystems, um die Kosten für die Gesellschaft unter Kontrolle zu halten.

Betreiber weisen Vorwürfe zurück

Vorwürfe, dass Pflegeheime als Verbreitungsorte des Coronavirus zur tödlichen Falle für Bewohner geworden seien, weisen die privaten Betreiber vehement zurück. Sie hätten im Gegensatz zu den staatlichen und gemeinnützigen Häusern die Todeszahlen veröffentlicht und seien in der Krise transparenter gewesen. Auch die Rendite-Fokussierung sei an sich nichts Verwerfliches. Sie entlaste den Pflegemarkt eher und verhindere ausufernde Kosten, beteuern sie.

"Unser oberstes Ziel ist es, qualitativ hochwertige Pflege anzubieten. Aber als kommerzielles Unternehmen erwirtschaften wir natürlich Gewinne", teilt Korian mit. "Wir sind als großer und führender Anbieter in der Pflege langfristig orientiert. Daher investieren wir viel in die Aus- und Weiterbildung, die Weiterentwicklung der Pflege und in innovative neue Wohnformen. Dabei orientieren wir uns natürlich an den Wünschen der Bewohner. Denn nur wenn wir für unsere Bewohner interessant sind, sind wir auch für Investoren interessant."

Betreiber verdienen durch Pflegekassen und Bewohner

Die Betreiber der Einrichtungen leben vom tagesgleichen Pflegesatz, der den Bewohnern in Rechnung gestellt wird. "Dieser besteht formal aus der Pflegevergütung, den Kosten für Unterkunft und Verpflegung sowie den Investitionsfolgekosten", erklärt Experte Bienentreu. Von der Pflegevergütung übernimmt die Pflegekasse einen Anteil. Den Rest müssen die Pflegebedürftigen tragen. Aktuell sind das laut dem Verband der Ersatzkassen im Durchschnitt etwa 2068 Euro pro Monat. Ist der Pflegeheim-Bewohner finanziell nicht mehr in der Lage, so viel Geld zu zahlen, übernimmt in der Regel der Sozialhilfeträger den Anteil.

Kritiker werfen den Privaten vor, die Kosten zu drücken, damit die Profitabilität hoch bleibt. Die SPD wollte deshalb Gewinne von Pflegeheimbetreibern deckeln. Doch der Widerstand war groß. Der Arbeitgeberverband Pflege warnte die Politik, sie riskiere einen Pflegenotstand, weil sich dann private Investoren und Betreiber zurückziehen werden. Die Debatte über Rendite in Pflegeheimen dürfte auch nach Corona weitergehen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Juli 2021 um 18:29 Uhr.