OPEC-Logo am Hauptsitz der Organisation in Wien | Bildquelle: REUTERS

Ölhandel und die OPEC Ein verschwiegenes Geschäft

Stand: 14.09.2020 19:05 Uhr

Auch wenn der Einfluss sinkt: Seit 60 Jahren ist die OPEC eine Macht am Ölmarkt. Ölhändler beobachten das Agieren des Kartells genau - und haben gelernt, auch zwischen den Zeilen zu lesen.

Von Victor Gojdka, HR

Vielleicht liegt das Zentrum des weltweiten Rohstoffhandels ausgerechnet im kleinen Örtchen Zug in der Schweiz: ringsum grüne Hügel, der Ort schmiegt sich an den blauen Zugersee und mittendrin im Idyll gut 250 Rohstoff-Handelsfirmen. Schweigevirtuosen hat die mal einer genannt - und Diskretionsfanatiker. Aber einer erzählt dann doch, wie er für Millionen Dollar Öl um die Welt schiebt.

"Das ist mittlerweile vollkommen unspannend, denn wir haben einen elektronischen Zugang zur Börse", sagt Christoph Eibl, Chef der Fondsgesellschaft Tiberius. "Da sehen wir die Ankaufspreise der Börse." Die Preise bewegen sich sekündlich. Und die Preise, zu denen die Händler kaufen wollen, tippen sie in ihr Terminal ein.

Eine große Interpretationsfrage

Der Ölhandel wird am Computer gemacht. Eibl kauft Finanzpapiere auf den Ölpreis, schiebt also keine echten Ölfässer um den Globus. Aber auch die digitalen Zahlenkolonnen haben den Ölmarkt nur wenig transparenter gemacht. Ölhandel, das ist immer noch ein verschwiegenes Geschäft.

Das zeigt sich, wenn die Ölminister des Kartells auf den turnusmäßigen Sitzungen in Wien zusammentreffen. Um da durchzublicken, braucht es Leute wie Öl-Beraterin Cornelia Meyer von Meyer Resources. "Ich war seit 15 Jahren an jedem Meeting, das heißt, ich bin ein Teil des Inventars", sagt sie. "Ich habe schon Angst, dass ich abgeschrieben werde. Weil Inventar wird ja immer abgeschrieben." Zumindest in der Buchhaltung.

Meyer kennt sich mit dem Ölmarkt aus. Sie ist geschäftlich oft in Saudi-Arabien, spricht fließend Russisch, lebt in London. Meyer ist gut verdrahtet. Und wenn die Ölminister vom Golf in Wien dann ihre oft blumigen Statements abgeben, weiß Meyer, worauf es ankommt: "Man muss einfach lernen, Nuancen zu lesen", sagt sie. Man müsse auch verstehen, woher die Leute kommen: "Wer ist der Ölminister? Von wem hängt der ab? Wieso sagt der das?", erklärt Meyer. "Interpretation ist das Wort. Das ist eine große Interpretationsfrage und es braucht auch viel Fingerspitzengefühl."

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Öltanks von Saudi Aramco: Wie entwickelt sich der Ölmarkt?

Einst ein gefürchtetes Kartell

Schon an den Hotels versuchen manche, den Ölministern Fragen zu stellen. Welcher Berater ist dabei? Wer tuschelt morgens beim Frühstück mit wem? Das - so berichten es Ölexperten - zählt bei den Wiener Ölkongressen.

Doch wie viel zählt die OPEC noch? Einst war sie ein gefürchtetes Kartell. Jetzt gibt es mit den USA und deren Schieferöl-Massen einen mächtigen Konkurrenten, sagt Ölhändler Eibl. Inwieweit das deutlich werde? "Indem der Präsident der Vereinigten Staaten beim Kronprinz von Saudi-Arabien anruft und sagt: Du, mach mal den Ölpreis wie ich das möchte und nicht wie du das möchtest", erklärt Eibl. "Also insofern ist klar, dass auch die Rolle der OPEC ins Hintertreffen geraten ist."

Und: Selbst wenn die OPEC Kompromisse macht und weniger Öl fördern will, halten sich nicht immer alle Mitglieder dran. Wer schummele, könne man oft schon mit ein paar Tricks sehen, sagt Ölexpertin Gabriele Widmann von der Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka. Wie viel die Länder tatsächlich außer Landes schiffen, lässt sich heute in Echtzeit nachverfolgen. "Man kann auf dem Privatrechner nachschauen, wo die Tanker schwimmen", sagt sie. "Der Reeder selbst will wissen, wo sein Frachter ist."

Unsichere Zukunft

Ein Thema brennt allen Ölhändlern und -experten unter den Nägeln. Wer am Ölmarkt aktiv ist, muss selbst kein Umweltsünder sein. Ölberaterin Meyer fährt gar kein Auto. Und auch Ölexpertin Widmann sagt von sich selbst, sie sei schon eher eine "Öko".

Die Zukunft am Ölmarkt ist in Zeiten der Klimaerwärmung ungewiss. Auch der Ölgigant BP geht davon aus, dass künftig nicht mehr so viel Öl verbraucht wird wie vor der Corona-Pandemie. Und dennoch: Bis dahin dürfte es am Ölmarkt noch ein bisschen hin sein.

Ölhändler gegen das Ölkartell - 60 Jahre OPEC
Victor Gojdka, HR
14.09.2020 16:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 14. September 2020 um 11:00 Uhr.

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