Der Streamingdienst Netflix legt in der Corona-Krise Rekordzahlen vor. | Bildquelle: AFP

Rekord in der Corona-Krise Netflix boomt

Stand: 22.04.2020 05:17 Uhr

Es war ein Quartalserfolg mit Ansage: Die Videostreaming-Plattform Netflix hat die Erwartungen von Analysten und Börse übertroffen. Netflix gehört damit zu den Unternehmen, die von der Corona-Pandemie profitieren.

Von Marcus Schuler, ARD-Studio Los Angeles

Netflix-Chef Reed Hastings wirkt entspannt. Sein von ihm mit gegründetes Unternehmen schafft in Zeiten der Krise etwas, wovon andere Unternehmen derzeit nur träumen können: zweistellige Zuwächse - 15,7 Millionen Menschen haben sich in den ersten drei Monaten des Jahres bei Netflix für Abo angemeldet. Das Unternehmen aus Los Gatos kommt jetzt auf 182,8 Millionen zahlenden Kunden. Vor allem international legte es nochmals zu und gewann 13,5 Millionen neue Kunden hinzu. In den USA und Kanada verzeichnete es ein Plus von 2,3 Millionen neuen Abonnenten.

Das Unternehmen hält damit Konkurrenten, wie das erst im Herbst gestartete “Disney Plus” auf Abstand, das aus dem Stand 50 Millionen neue Kunden gewinnen konnte. "Ich habe noch nie so einen guten Start eines Angebots erlebt wie Disney", lobt Netflix Chef Hastings den Mitbewerber. Davon könne man viel lernen, vor allem in Sachen Markenführung.

Netflix hat viele Vorteile gegenüber dem linearen Fernsehen

Auch wenn es vermessen klingt, Netflix "profitiert" in vielerlei Hinsicht vom Coronavirus. Es ist zu einer der wenigen Ausspielwege von Hollywood geworden, während die Kinos überall geschlossen sind. Die Konkurrenz des linearen Fernsehens ist gezwungen, tausende Stunden Sendeplätze zu füllen, die bisher mit der Ware "Sport" bestritten wurden. Netflix kennt solche Probleme nicht. Das Unternehmen besitzt weder Live-Rechte und schon gar keine Sportrechte. Anders als die großen TV-Sender ist es zu Refinanzierung auch nicht auf Werbeeinnahmen angewiesen, die jetzt, angesichts der Wirtschaftskrise, in den USA und in den meisten Ländern der Welt wegbrechen. 

Wenn früher "Wetten, Dass…" oder "Verstehen Sie Spaß?" im Fernsehen lief, versammelte sich die Familie am Samstagabend vor dem Fernseher. Netflix gelingt genau das in Corona-Zeiten. Das Lagerfeuer ist zurück, nur, dass es jetzt digital ist. Die Dokuserie "Tiger King" über einen schrägen Züchter von Tigern, der schließlich im Gefängnis landet, kommt allein auf 64 Millionen Zuschauer. Ein Überraschungserfolg, mit dem man selbst bei Netflix so nicht gerechnet hatte. Aber auch Serien wie die dritte Staffel der Krimi-Reihe "Ozark" mit Jason Bateman in der Hauptrolle bringen 29 Millionen Zuschauer. Gut läuft offenbar auch die Reality-Show “Love is Blind”, die auf 30 Millionen Zuschauer kommt. 

Produktionsstopp könnte auch Netflix Probleme bringen

Ted Sarandos, bei der Plattform für die Inhalte zuständig, hat im Gespräch mit Journalisten beruhigt, dass Netflix angesichts eines nahezu weltweiten Produktionsstopps die Inhalte ausgehen könnten. Für dieses Jahr seien nahezu alle Serien und Filme im Kasten. Die meisten Produktionen befänden sich gerade in der Post-Production. Einziger Unterschied: Die Angestellten arbeiteten jetzt von zu Hause aus. Selbst bei den Produktionen für 2021 sei man noch im Plan. Nur in zwei Ländern drehe man derzeit Filme: In Island und in Südkorea.

Der Streamer ist vor allem für seine stetige Produktentwicklung bekannt. So wurden vor ein paar Wochen in gut 100 Ländern die Top-Ten-Listen eingeführt. Sie zeigen an, welche Produktionen in beliebten Genres besonders häufig abgerufen werden. Auch an einer verbesserten Kindersicherung wurde gearbeitet. Genau hier will man jetzt aber erst einmal auf die Bremse treten. Man habe vorsichtshalber die Anzahl der Produktinnovationen vorübergehend reduziert. Man wolle derzeit nur neue Funktionen veröffentlichen, die einen bedeutsamen Mehrwert für die Kunden darstellten, heißt es im heute veröffentlichten Aktionärsbrief. 

Dass es für den Dienst auch in den kommenden Monaten so gut läuft, darf bezweifelt werden. Je länger die Pandemie dauert, je mehr Menschen ihren Job verlieren, umso stärker wird sich das auch wieder bei den Abo-Zahlen bemerkbar machen. Man rechne damit, dass sich das laufende Quartal verlangsamen werde, teilte Netflix mit.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 22. April 2020 um 06.03 Uhr.

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