Lufthansa Logo in Frankfurt a.M. | Bildquelle: REUTERS

Tarifstreit bei der Lufthansa Mehr Macht- als Arbeitskampf

Stand: 18.10.2019 17:17 Uhr

Am Sonntag sollen die Flugbegleiter der Lufthansa streiken. Für die Gewerkschaft UFO geht es dabei um viel mehr als ein Lohnplus. Und der Arbeitgeber wittert eine einmalige Chance.

Von Sebastian Kisters, HR

Stellt man sich den Tarifkonflikt zwischen der Lufthansa und der Flugbegleitergewerkschaft UFO als Boxkampf vor, dann sieht das so aus: Der Kampf hat gerade erst begonnen. Die Gewerkschaft ist sichtlich geschwächt - allerdings nicht durch den Gegner, sondern durch interne Auseinandersetzungen.

Das will der Konzern nun nutzen. Defensive, Deckung - kein Thema. Die Lufthansa setzt am Wochenende zum entscheidenden Schlag an. Und die Gewerkschaft muss zeigen, dass sie im Ring überhaupt noch bestehen kann. Beide Seiten gehen volles Risiko.

Keine abgesagten Flüge, kein Notflugplan

In der Realität sieht es so aus: Die Gewerkschaft hat ihre Mitglieder aufgerufen, am Sonntag von 6 bis 11 Uhr zu streiken. In Frankfurt am Main und München sollen möglichst viele Flieger am Boden bleiben.

Die Lufthansa verzichtet nun aber auf das übliche Streikprozedere. Kein Flug wird abgesagt, es gibt keinen Notflugplan, bislang geht das Unternehmen nicht einmal gerichtlich gegen den Streikaufruf vor. Der Lufthansa-Vorstand geht stattdessen aufs Ganze. Die Strategie ist, zu beweisen, dass UFO nicht mehr stark genug ist, um genügend Mitarbeiter zu einem Streik zu bewegen.

"Hinter den Kulissen bewegt vor allem eine Frage diesen Tarifkonflikt: Wie durchsetzungsstark ist die Kabinen-Gewerkschaft UFO noch? Wie viel Rückhalt hat UFO?", sagt ARD-Luftfahrtexperte Michael Immel.

Die Gewerkschaft mit Steherqualitäten

Vor vier Jahren wäre dieses Szenario noch undenkbar gewesen. UFO, die Unabhängige Flugbegleiter Organisation, das waren die mit Steherqualitäten. Die Gewerkschaft führte den härtesten Arbeitskampf in der Geschichte des Unternehmens. Mehr als 4500 Flüge fielen aus, Hunderttausende Passagiere blieben am Boden. Am Ende vermittelte der frühere brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck einen Kompromiss.

Danach beschäftigte sich die Gewerkschaft vor allem mit internen Streitigkeiten. Es geht um fragwürdige Abrechnungen von Dienstreisen, Dienstwagen, teure Essen. Vorstände traten zurück. Ob der aktuelle Vorstand rechtmäßig ins Amt kam, ist umstritten.

Diese Situation nutzen nun die Lufthansa-Chefs. In einem Schreiben heißt es: "Sowohl die Gewerkschaftseigenschaft der UFO als auch die Vertretungsbefugnis des UFO-Vorstands sind nach wie vor ungeklärt." UFO könne derzeit also kein Verhandlungspartner sein.

Lufthansa spricht von "wildem Streik"

Am Sonntag folgt das Kräftemessen. Die Lufthansa lässt das Kabinenpersonal wissen, es handle sich um einen illegalen, "wilden Streik". Wer sich beteilige, müsse im Nachgang mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen rechnen. Ein Wirkungstreffer: Die Verunsicherung bei Flugbegleiterinnen und Flugbegleitern ist groß.

Die Gewerkschaft kontert, andere Fluggesellschaften würden ja auch mit UFO verhandeln, beispielsweise Condor. Und das Frankfurter Arbeitsgericht habe festgestellt, dass UFO den Tarifvertrag mit der Lufthansa rechtmäßig gekündigt habe. Die Gewerkschaft warnt ihre Mitglieder: Dem Konzernvorstand ginge es darum, Spartengewerkschaften wie UFO loszuwerden und Ver.di als neuen Tarifpartner zu etablieren. In einem Schreiben heißt es: "Lufthansa erhofft sich für die Kabine, künftig mit einer Gewerkschaft zu arbeiten, die keine nennenswerte Gegenwehr leistet und Tarifbedingungen wie am Boden mitträgt, die von Leiharbeit, Auslagerung, Befristungen und Tarifabsenkungen im großen Stil geprägt sind."

Geld wird zur Nebensache

Um Geld geht es in dem Konflikt nur am Rande. 1,8 Prozent mehr Gehalt fordert UFO. Die Lufthansa-Führung schrieb ihrem Personal, das würde sie gerne "schnellstmöglich umsetzen" - allerdings nur mit einer tariffähigen Gewerkschaft. Mit Macht will die Lufthansa-Spitze nun zeigen, dass UFO nach internen Querelen die Luft für einen Arbeitskampf fehlt, dass die Gewerkschaft nicht einmal mehr Mitglieder für einen Streik mobilisieren kann.

Geht der Plan am Sonntag auf, gibt es für die Lufthansa einen gewichtigen Grund mehr, die lange Zeit so starke UFO nicht mehr als Verhandlungspartner zu akzeptieren. Dass dies seinem Wunsch entspricht, daran lässt Konzern-Chef Carsten Spohr keine Zweifel. Als er sich zuletzt mit Gewerkschaftern zu Gesprächen traf, war von der UFO niemand eingeladen.

Darstellung: