Gasleitungen mit Absprerrventilen und Druckanzeigern | dpa
Analyse

Russischer Lieferstopp Wie lange reicht das Gas?

Stand: 07.09.2022 08:06 Uhr

Wenn Deutschland nicht mehr auf russisches Gas zählen kann, was dann? Reichen die Vorräte für den kommenden Winter? Und wie sieht es danach aus?

Von Detlev Landmesser, tagesschau.de

Die Skeptiker, die einen vollständigen Stopp der Gaslieferungen über Nord Stream 1 vorhergesagt haben, scheinen Recht zu behalten. Die Verlautbarungen des Kreml machen immer deutlicher, dass Russland eine störungsfreie Gasversorgung an ein Ende der westlichen Sanktionen knüpft.

Noch fließt ein wenig russisches Gas über die Ukraine-Pipeline nach Deutschland, zuletzt noch etwa 40 Gigawattstunden (GWh) pro Tag, gegenüber den rund 350 GWh, die zuletzt noch über Nord Stream 1 geliefert wurden. Zum Vergleich: Aus Norwegen, Belgien und den Niederlanden kommen täglich rund 2800 GWh pro Tag. Die Gasspeicher wurden am vergangenen Sonntag netto um 1350 GWh gefüllt.

Die drängendste Frage zuerst: Reicht das Gas auch ohne Lieferungen aus Russland, um über den nächsten Winter zu kommen, ohne dass eine Gasmangellage ausgerufen werden muss, die auch Einschränkungen für Privathaushalte mit sich bringen könnte?

Für den Winter gewappnet - zu einem hohen Preis

Kurz gesagt, die Chancen dafür stehen gut - wenn auch der Preis dafür hoch ist. Aktuell sind Deutschlands Gasspeicher zu 86,1 Prozent gefüllt, was deutlich über dem Durchschnitt der vergangenen sechs Jahre liegt.

Der per Ministerverordnung für 1. Oktober vorgesehene Speicherstand ist damit bereits erreicht. Das sei möglich, weil Deutschland beim Einkauf hohe Preise zahle und es Einsparungen in der Wirtschaft, aber auch in anderen Bereichen gebe, erläuterte gestern der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller.

Das Ziel, zum 1. November auf 95 Prozent zu kommen, halten Experten ohne Lieferungen aus Russland für ambitioniert. Legt man einen Füllstand von nur 90 Prozent zugrunde, was rund 220 Terawattstunden (TWh) entspricht, sowie den monatlichen Gasverbrauch des vergangenen Winters, würde alleine dieser Speicherstand für knapp zwei Monate reichen - ohne jegliche Importe. Aktuell betragen diese knapp drei TWh täglich.

Zusätzliche Importe versprechen die im Bau befindlichen schwimmenden Terminals für verflüssigtes Gas (LNG). Bundesnetzagentur-Chef Müller erwartet, dass bis zu drei dieser Terminals bereits in diesem Winter einsatzbereit sind. Im kommenden Jahr würden insgesamt sechs bis sieben Terminals Deutschland signifikante Importe ermöglichen, sagte Müller. "Aber LNG-Gas ist teuer", fügte er hinzu.

Große Unsicherheiten für übernächsten Winter

Wenn der kommende Winter also - um den Preis erheblicher Mehrausgaben - gesichert scheint, gibt es für den übernächsten Winter 2023/24 noch große Unsicherheiten. Dabei spielen besonders drei Faktoren eine Rolle, die teils nicht beeinflussbar sind.

Eine große Unbekannte ist die Witterung während der Heizperiode ab Oktober, die einen großen Einfluss auf den Gasverbrauch hat. Im vergangenen Winter lag die Durchschnittstemperatur laut Deutschem Wetterdienst deutlich über dem Vorjahr, was sich auch im Gasverbrauch niederschlug. So verbrauchten die Deutschen im Januar nach Daten der Bundesnetzagentur etwa zehn Prozent weniger Gas als im Vorjahr.

Zum Teil dürfte dies auch bereits auf Sparbemühungen der Verbraucher angesichts der absehbar steigenden Preise zurückzuführen sein. Die Bundesregierung will aber deutlich mehr: Im Vergleich zu den Vorjahren sollen 20 Prozent des Verbrauchs auch im privaten Bereich eingespart werden. Laut Bundesnetzagentur-Chef Müller wird derzeit über eine vorübergehende Senkung der Heizvorgaben für Vermieter diskutiert. Unternehmen könnten mit Prämien zum Gassparen animiert werden.

Suche nach Partnern - und Solidarität

Fällt Russland dauerhaft als Lieferant aus, kommt den anderen Handelspartnern noch größere Bedeutung zu. Norwegen, der nun größte Gaslieferant Deutschlands, sowie die Niederlande scheinen am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt. Mit Hochdruck arbeiten Deutschland und die EU daher an neuen Allianzen. Für Deutschland werden mit den eigenen LNG-Terminals besonders Katar, Algerien und die USA wichtiger.

Angesichts der starken Vernetzung des innereuropäischen Gasmarktes spielt auch die Solidarität der EU-Länder untereinander eine wichtige Rolle. Wenn es eng wird, drohen Abschottungsmaßnahmen einzelner Staaten, um ihre eigene Bevölkerung vorrangig zu versorgen. Verhindern sollen das bilaterale Solidaritätsabkommen, wie sie die "Security of Supply"-Verordnung der EU vorsieht. Bisher sind aber nur wenige solcher Abkommen geschlossen worden. Deutschland hat bisher mit Dänemark und mit Österreich Vereinbarungen unterzeichnet. Gestern gab es eine grundsätzliche Absichtserklärung mit Frankreich, das die Lieferung von Gas nach Deutschland zusagte, wenn es benötigt werde. Die notwendigen Gasverbindungen würden in den nächsten Wochen fertiggestellt.

Es tut sich also viel am Gasmarkt. Die Versorgungslage wird aber weiter unsicher bleiben. Sicher ist dagegen, dass die Gaskrise Deutschland auch im kommenden Jahr erhalten bleibt - und dass Deutschland tief in die Tasche greifen muss, um sie zu lösen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. März 2022 um 20:00 Uhr.