Mähdrescher sind in der Agrargenossenschaft "Hellbach" bei der Ernte von Weizen im Einsatz, große Staubwolken entstehen dabei.  | dpa

Folgen des Ukraine-Kriegs Agrarreformen auch in Krisenzeiten

Stand: 30.03.2022 11:17 Uhr

Steigende Getreidepreise, Kosten für Sprit auf Rekordständen: Die Landwirtschaft leidet unter den Folgen des Ukraine-Kriegs. Doch die Bundesregierung will am Reformkurs festhalten.

Von Matthias Göttfert, ARD-Hauptstadtstudio

Kriegsgefahr, Flüchtlinge, Energiepreise: Die Bundesregierung befindet sich nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Krisenmodus. Und auch im Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft sind die Folgen des Kriegs Thema Nummer eins. Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir bringt es auf den Punkt: "Wir befinden uns in einer Lage der vielfachen Krisen. Deshalb müssen wir Ernährungssicherheit, Klimaschutz und den Erhalt der Biodiversität in Einklang bringen."

Hilfe wird vor Ort und weltweit benötigt

Was die Ernährungssicherheit in Deutschland angeht, geben Landwirtschaftsministerium und auch der Deutsche Bauernverband zunächst Entwarnung. Nur an steigende Preise müsse man sich gewöhnen, sagt Jürgen Matthes vom Deutschen Institut für Wirtschaft in Köln. Er nennt als Beispiel die Preissteigerung beim Weizen. "Es wird so sein, dass der Preis auf alle Fälle deutlich höher sein wird als vor einem Jahr, als er eben noch bei 200 Euro lag - das wird ganz klar sein." Schon jetzt kostet Weizen rund 400 Euro pro Tonne. 

Das Problem: Knapp 30 Prozent der weltweiten Weizen-Exporte stammen aus Russland und der Ukraine. Und bereits heute ist klar: Das wird weniger. Die Folgen für Teile der Welt sind dramatisch. Vor allem in den ärmsten Nationen droht eine massive Hungersnot. Die Bundesregierung will gleichzeitig den Preisanstieg bei Nahrungsmitteln begrenzen und die Ernährungssituation weltweit verbessern. So sollen Landwirte in Deutschland beispielsweise Brachflächen nutzen dürfen, um dort Futtermittel anzubauen. Dabei ist dem Özdemir aber wichtig, dass trotz der kriegsbedingten Krise auch der Klima- und Naturschutz nicht zu kurz kommt.

Aus der Union kommt zwar grundsätzliche Zustimmung für diesen Kurs in Richtung Nachhaltigkeit - aber auch die Forderung, in Anbetracht der aktuellen Situation die Pläne neu zu bewerten. So zum Beispiel bei der geplanten Stilllegung von Flächen für den Artenschutz. "Ich glaube, dass es in einer wirklichen physischen Verknappungssituation erlaubt sein muss, auch darüber nachzudenken, ob es verhältnismäßig ist, ob wir dann wirklich produktive Flächen aus der Produktion nehmen können", mahnt CDU-Agrarexperte Albert Stegemann.

Energiepreise belasten Landwirte zusätzlich

In Deutschland kämpfen die Landwirte zurzeit mit den stark gestiegenen Energiepreisen. Traktoren brauchen den momentan teuren Diesel. Und da der Energiebedarf bei der Düngerproduktion sehr hoch ist, seien auch dort die Preise explodiert, so der Präsident des Deutschen Bauernverbandes Joachim Rukwied: "Wenn man das jetzt alles aufaddiert, summiert, dann gehen wir davon aus, dass sich die Erzeugungskosten für den Anbau von Ackerkulturen um ein Drittel erhöht haben."

Mit bis zu 180 Millionen Euro wollen EU und Bundesregierung den Landwirten nun unter die Arme greifen. Das soll dann auch den Anstieg der Lebensmittelpreise begrenzen. Um die Getreideversorgung in den ärmeren Ländern zu verbessern, hat Entwicklungshilfeministerin Svenja Schulze einen Vorschlag: Sie ruft zum Fleischverzicht auf. "Getreide gehört zuallererst auf den Tisch - und zwar ohne den Umweg über den Futtertrog", so Schulze. Ob Zurückstellung der Umweltschutzziele oder Fleischverzicht: Was der Krieg für die Landwirtschaft bedeutet, sorgt für viel Gesprächsbedarf bei der Agrarminister-Konferenz.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 30. März 2022 um 05:19 Uhr.