Ein Plakat mit der Aufschrift "Für immer geschlossen - für immer im Herzen" hängt in der geschlossenen Kaufhof Filiale in Essen | dpa

Innenstädte in der Krise Altmaier will Ladensterben stoppen

Stand: 20.10.2020 16:53 Uhr

Corona erhöht den Druck auf den Handel - selbst in bester Lage. Noch mehr Menschen kaufen jetzt im Netz. Was tun gegen die Verödung der Innenstädte? Darüber hat Wirtschaftsminister Altmaier mit Handelsvertretern beraten.

Von Iris Marx, tagesschau.de

Die Einkaufsstraßen in den Kölner Stadtteilen "Lindenthal" und "Rodenkirchen" gehören schon zu den besseren. Kleine Boutiquen reihen sich an edle Feinkostläden. Doch selbst hier mache neben Corona auch der Online-Handel den Geschäften das Leben schwer, sagt Boris Hedde vom Kölner Institut für Handelsforschung (IFH) im Gespräch mit tagesschau.de. Ab Herbst soll in diesen beiden "Veedeln", wie der Rheinländer seine Stadtteile nennt, ein Pilotprojekt für eine größere Kundenbindung starten.

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Peter Altmaier ( CDU)  | dpa

Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sieht für Einzelhändler in der Digitalisierung ihrer Angebote eine Chance, sich in der Krise zu behaupten. Bild: dpa

Auf gemeinsamer Lösungssuche

Eine Online-"Anlaufstelle" solle es geben, über die Geschäftsbetreiber und Kunden vernetzt werden. Das Ganze eventuell noch ergänzt um ein "lokales Bindungsprogramm, mit dem Treuepunkte vergeben werden können", so lautet seine Idee, die Hedde heute vor ausgewählten Handelsvertretern bei einem Runden Tisch als ein Beispiel präsentierte. Dazu eingeladen hatte Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Gemeindevertreter, Verbände und Einzelhändler diskutierten online in dieser Runde "kreative Ideen", die das Ladensterben in der Corona- Pandemie aufhalten sollen. Das Zauberwort lautet auch hier: Digitalisierung.

Online-Handel und Einzelhandel nicht gegeneinander ausspielen

"Es geht nicht darum, den Online-Handel gegen den Einzelhandel auszuspielen", sagt Altmaier. "Wir werden am Ende aber nur gute Ergebnisse erzielen, wenn die Vorteile des Online-Handels auch dem Einzelhändler zur Verfügung stehen." Neben einer besseren Sichtbarmachung in einzelnen Bezirken müsste auch eine Online-Abwicklung durch die Händler aufgegriffen werden. Dafür sollten Händler gecoacht werden, und die Innenstädte bräuchten dringend ein funktionierendes WLAN, fordert etwa Tina Müller, Vorsitzende der Geschäftsführung der Douglas GmbH.

90 Prozent Umsatzverluste durch Corona-Lockdown

Die Versuchung, günstig über Online-Portale zu shoppen statt beim Händler an der Ecke, gebe es nicht erst seit Corona, erklärt Douglas-Chefin Müller. "Corona hat aber wie ein digitaler Beschleuniger gewirkt." Für 77 Prozent der Händler in den Innenstädten hat sich die Situation im ersten Halbjahr 2020 gegenüber 2019 verschlechtert. Das gilt für ganze null Prozent der Online-Händler. "Während des Lockdowns haben wir 90 Prozent an Umsatz verloren", sagt Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE). Auch jetzt sei nicht der Umsatz vor Corona-Zeiten erreicht. "Die Menschen gehen weniger in die Innenstädte und kaufen so weniger ein."

Pandemie kennt auch Krisengewinner

Aber nicht alle Händler seien gerade von Corona gleichermaßen betroffen. Verbraucher kauften im ersten halben Jahr auffällig mehr Sanitätsbedarf. Dort habe es eine Steigerung von 70 Prozent gegeben. Der Absatz von Büromöbeln sei um 35 Prozent gestiegen und interessanterweise der Absatz von Puzzle-Spielen um 59 Prozent. Alles Dinge, die man für eine längere Zeit zu Hause brauchen kann. Hingegen sank der Umsatz von Bürobekleidung: 74 Prozent kauften weniger Anzüge und Sakkos, so der HDE.

Innenstädte als Wert für die Gesellschaft

Der HDE rechnet trotz dieser einzelnen Steigerungen damit, dass bis zu 50.000 Geschäfte in der nächsten Zeit vom Markt verschwinden könnten. Wie viele Läden als direkte Folge der Corona-Pandemie schließen müssen, sei allerdings wegen der noch ausgesetzten Insolvenzantragspflicht schwer zu sagen.

Der Verband hätte gern noch etwas Handfestes aus Altmaiers Ideen-Workshop mitgenommen: ca. 100 Millionen Euro für einen Digitalisierungsfonds. "Es geht hier nicht um Subventionen. Es geht darum, Unternehmen zu helfen, die durch die Corona-Krise unverschuldet in Not geraten sind und nun keine finanziellen Mittel mehr haben, um in ihre Zukunft zu investieren." Doch diese Summe wollte Altmaier nicht explizit zusagen.

Einzelhandel wünscht sich Lockerung bei Ladenöffnungszeiten

Tina Müller von Douglas hat passend für die Weihnachtszeit auch noch einen Wunsch formuliert: Die Öffnungszeiten sollten vor allem an den Sonntagen gelockert werden. "Das würde uns ermöglichen, die Ströme besser zu organisieren", so Müller. Diesen Wunsch wird Altmaier nicht direkt erfüllen können. Es sei mit dem Koalitionspartner SPD "leider Gottes" nicht zu vereinbaren gewesen. Er ermunterte aber die Länder, mit eigenen Regelungen voranzugehen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. Oktober 2020 um 13:00 Uhr.