Bitcoin | Bildquelle: REUTERS

Bitcoin-Höhenflug Schätze in der Asservatenkammer

Stand: 16.11.2020 15:24 Uhr

Bei Kriminellen werden immer öfter Bitcoins sichergestellt. Staatsanwaltschaften können den Verkauf anordnen, um den Erlös der Staatskasse zuzuführen. Doch nicht immer ist das möglich.

Von Florian Flade, WDR

Es ist ein Höhenflug, der viele überrascht: In der vergangenen Woche stieg der Wert der Krypto-Währung Bitcoin auf den höchsten Stand seit Januar 2018 - rund 13.500 Euro ist ein Bitcoin aktuell wert. Noch Anfang des Jahres war der Kurs der auf Blockchain-Technologie basierenden Digitalwährung stark eingebrochen. Viele Experten sprachen von einem Ende des Hypes. Eine Fehleinschätzung, wie sich nun zeigt.

Für so manche Staatsanwaltschaften in Deutschland bedeutet der neue Kursanstieg des Bitcoins einen potenziellen Geldsegen - und stellt die Juristen gleichzeitig vor ein Dilemma. In deutschen Asservatenkammern lagern derzeit Millionenwerte an Bitcoins, die in den vergangenen Jahren bei Kriminellen beschlagnahmt wurden. Aufgrund des stark gestiegenen Kurses würde sich jetzt wohl ein Verkauf lohnen, doch das gestaltet sich mitunter schwierig.

Vor allem bei Cyberkriminellen sind Krypto-Währungen wie der Bitcoin äußerst beliebt. Etwa beim Handel mit Drogen, Waffen oder anderen illegalen Produkten im sogenannten Darknet. Auch bei Erpressungsfällen mit "Ransomware", bei der Computerdaten verschlüsselt und gegen ein Lösegeld wieder freigegeben werden, verlangen die Angreifer oft hohe Geldbeträge in Bitcoin oder anderen Cyberdevisen.

Bitcoin im zweistelligen Millionenbereich allein beim BKA

Die digitalen Münzen spielen mittlerweile bei vielen Kriminalitätsformen eine Rolle und gehören damit zu den Vermögenswerten zahlreicher Straftäter. Alleine das Bundeskriminalamt (BKA) stellte im vergangenen Jahr in seinen Verfahren Bitcoins im "umgerechnet zweistelligen Millionen-Euro-Bereich" sicher, wie eine Sprecherin auf Anfrage mitteilte.

Wenn Krypto-Geld bei Straftätern sichergestellt wird, kann die Staatsanwaltschaft grundsätzlich eine Verwertung anordnen, also den Umtausch der Bitcoins in Euro, die dann nach Verurteilung des Beschuldigten der Staatskasse zugeführt werden. Möglich macht dies die Regelung zur Notveräußerung in der Strafprozessordnung. Falls bei beschlagnahmten Gütern ein hoher Wertverlust droht, kann die Justiz eine Verwertung anordnen, um den Gegenwert zu sichern. Dies kann bei Luxusautos der Fall sein, ebenso bei teuren Uhren und Schmuck - oder eben bei Bitcoins.

Zugriff auf Passworte nötig

Die digitalen Münzen sind meist in Wallets - virtuellen Geldbörsen - hinterlegt, die in der Regel mit einem Passwort geschützt sind. Manchmal haben die Ermittler Glück und finden das Passwort irgendwo, in Notizen oder auf dem Computer hinterlegt. Oder der Beschuldigte rückt es freiwillig heraus. Dann können die Bitcoins bei einem vertrauenswürdigen Händler auf Anordnung der Justiz verwertet werden.

Auf diese Weise haben Staatsanwaltschaften in Hamburg, Berlin und Rheinland-Pfalz in den vergangenen Jahren schon mehrere Hunderttausend Euro durch den Verkauf von sichergestellten Bitcoins den jeweiligen Justizkassen zugeführt.

Viele weitere Millionen Euro lagern wohl noch in den Asservatenkammern. In den Verfahren der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internerkriminalität (ZIT) der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main wurden beispielsweise in den Jahren 2019 und im laufenden Jahr bislang rund 2200 Bitcoins sichergestellt. "Eine Verwertung fand innerhalb dieser Verfahren bislang nicht statt", sagte Staatsanwältin Julia Bussweiler auf Nachfrage. Lukrativ wäre es wohl allemal, denn die beschlagnahmten Krypto-Münzen sind aktuell mehr als 29 Millionen Euro wert.

Staatskasse Sachsen erwartet Geldsegen

Anfang August teilte die Generalstaatsanwaltschaft Dresden mit, dass der Staatskasse in Sachsen vermutlich ein unerwarteter Geldsegen bevorsteht. Bei den Ermittlungen gegen die damaligen Betreiber des populären, illegalen Streamingportals Movie2k, auf dem zeitweise mehr als 880.000 raubkopierte Filme und Serien angeboten wurden,, war im November 2019 einer der mutmaßlichen Hauptbetreiber, der Programmierer der Seite, festgenommen worden. Der Mann soll die Einnahmen aus Werbung und Abofallen dazu genutzt haben, rund 22.000 Bitcoins zu erwerben.

Inzwischen ist er umfassend geständig - und hat den Ermittlern einen Teil des Geldes zugänglich gemacht. "Die sichergestellten Bitcoins wurden durch den Programmierer bei seiner staatsanwaltschaftlichen Vernehmung freiwillig zur Schadenswiedergutmachung herausgegeben", erklärte die Generalstaatsanwaltschaft in Dresden. Es handele sich um Bitcoins im Wert von mehr als 25 Millionen Euro. Auf Nachfrage sagte ein Sprecher, die Bitcoins befänden sich "in der Verwertung". Genauere Angaben machte er mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht.

Kein Zugriff, aber "sicher verwahrt"

Ein Fall aus Bayern verdeutlicht indes, dass es für die Strafverfolger mitunter gar nicht so einfach ist, die beschlagnahmten Bitcoins zu veräußern - denn sie können die digitalen Geldbörse zwar konfiszieren, aber oftmals nicht öffnen. Im April 2014 verurteilte das Landgericht Kempten einen damals 29-Jährigen wegen Datenveränderung, Ausspähens von Daten und Computerbetrugs zu zwei Jahren und zehn Monaten Gefängnis. Der Mann hatte eine Schadsoftware erstellt, das Programm als Musik- oder Filmdatei getarnt und über das Internet verbreitet.

Von März 2012 bis Oktober 2013 sollen sich in 327.379 Fällen Nutzer nichtsahnend den Trojaner heruntergeladen und damit ihren Computer infiziert haben. Der Cyberkriminelle aus dem Allgäu soll die fremden Computer dann zu einem sogenannten Botnetz zusammengeschaltet haben: Er kaperte sie heimlich und nutzte ihre Rechenleistung für die Erzeugung von Bitcoin - "Bitcoin Mining" genannt.

Als der Botnetz-Betreiber schließlich festgenommen wurde, stellte das BKA auf seinem Laptop mehr als 1800 Bitcoins sicher. Damals hatten sie einen Gegenwert von rund 700.000 Euro, inzwischen aber sind sie mehr als 23 Millionen Euro wert. Eigentlich könnte die Staatsanwaltschaft Kempten das Krypto-Geld verwerten und den Erlös der Staatskasse zukommen lassen. Doch es gibt ein Problem: Die Bitcoins befinden sich in einem passwortgeschützen Wallet auf der Festplatte. Der verurteilte Botnetz-Betreiber rückt das Passwort seit Jahren nicht heraus.

Lediglich 86 Bitcoins, die unverschlüsselt waren, konnten im Oktober 2018 umgetauscht werden. Der Verkauf erbrachte immerhin 510.000 Euro. Und die restlichen 1730 illegal erwirtschafteten Bitcoins? Sie können "nach wie vor mangels Zugriffsmöglichkeit nicht verwertet werden", wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft in Kempten mitteilte. "Diese sind jedoch sicher verwahrt."

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