Menschen gehen durch eine Fußgängerzone. | ARD-aktuell/ Dölling
Hintergrund

Konsum in der Krise Wenn die Kassen kaum noch klingeln

Stand: 30.08.2022 16:18 Uhr

Wegen der starken Teuerung achten sehr viele Menschen deutlich stärker auf Preise - und überlegen, was sie wirklich brauchen. Dem Handel macht die Kaufzurückhaltung zu schaffen.

Von Christin Jordan, SWR Mainz

"Mode auf mehr als 3000 Quadratmetern": Der Name des Modehauses Groß aus Hachenburg im Westerwald ist Programm. Das Traditionsunternehmen hat seinen Sitz am Rande der Innenstadt. Inhaber Volker Schürg, seine Frau Elke und ihr Geschäftspartner setzen auf persönliche Beratung statt anonymer Massenabfertigung. "Wir sind ganz gut durch zweieinhalb Jahre Corona gekommen. Ende Juli war der Umsatz wieder auf Niveau von 2019. Aber im August hatten wir zwölf Prozent Umsatzeinbußen. Und wir sind nicht die Einzigen." Schürg ist auch Vorsitzender des örtlichen Werberings. Die Kundenfrequenz nähme deutlich ab, sagt er - sowohl in der Innenstadt als auch in den Randlagen. Man merke, dass die Menschen preissensibler würden und im Zweifelsfall lieber auf nicht dringend notwendige Käufe verzichteten.

Christin Jordan

Negativrekorde beim Konsumindex

Die Kauflaune der Deutschen ist im Keller. Schuld daran sind steigende Energiepreise und die hohe Inflation. Das aktuelle Konjunkturbarometer der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) verzeichnet für August einen Negativrekord und sieht den September noch schwärzer. Die Furcht vor deutlich höheren Energiekosten in den kommenden Monaten zwinge Haushalte dazu, Geld auf die Seite zu legen und nicht auszugeben, sagte GfK-Konsumexperte Rolf Bürkl.

Der Handelsverband Deutschland sieht den Einzelhandel im Krisenmodus, und zwar quer durch alle Branchen. Bei Lebensmitteln griffen die Verbraucherinnen und Verbraucher zu preiswerteren Produkten und zu Discountware; größere Anschaffungen würden zurückgestellt, insbesondere der sogenannte "Non-Food-Handel" komme zunehmend in eine außerordentlich schwere Situation. Doch auch das Onlinegeschäft bleibt von der Kaufzurückhaltung nicht verschont. Das belegen Zahlen des Statistischen Bundesamtes.

Krisenmodus macht Menschen vorsichtig

Von einem flächendeckenden Phänomen könne man noch nicht sprechen, meint dagegen der Konsumforscher und Soziologe Michael Jäckel von der Universität Trier. Die Menschen hätten über die vergangenen Jahre Vorsicht entwickelt. Die pessimistische Grundtendenz in der Bevölkerung steige. Dazu komme die bereits vorhandene soziale Ungleichheit, die durch die Krise noch weiter strapaziert werde.

"Konsum als Mittel der Teilhabe integriert und differenziert zugleich - und in Krisen tritt das Ungleichheitsempfinden stärker hervor", sagt Jäckel. "Die Sorge der Menschen um Verluste wiegt deutlich schwerer als die Hoffnung auf Gewinne. So etwas wie ein Post-Corona-Konsumboom fällt in diesem Jahr definitiv aus." Kaufkraft sei allerdings durchaus vorhanden.

Wer kann, der kauft

Das Juweliergeschäft Willenberg in der Mainzer Innenstadt verzeichnet gerade im hochpreisigen Bereich mehr Umsatz als vor drei Jahren. "Da tut es dem Kunden wahrscheinlich nicht so weh", sagt Inhaber Jan Sebastian. "Man merkt aber schon, dass die Kunden zurückhaltender sind. Ich bin mit meinem Geschäft im Luxusbereich tätig, darauf kann man tendenziell verzichten."

Zugenommen habe außerdem die Frequenz der Kunden, die ihre Produkte reparieren lassen. "Also der Aspekt Nachhaltigkeit, das Weiterleben der Produkte, die man schon hat, das merken wir auf jeden Fall. Wir versinken in Servicearbeiten." Bei Neuanschaffungen von Menschen mit niedrigem oder mittlerem Einkommen bleibe das Geschäft dagegen "doch eher aus".

"Bummelfaktor fällt weg"

Wer weniger Einkommen zur freien Verfügung hat, geht auch seltener shoppen - ein Phänomen, das Textilhändler Schürg in der Hachenburger Innenstadt deutlich wahrnimmt. "Der Bummelfaktor fällt weg. Und das trifft besonders Geschäfte, die etwa Geschenkartikel führen, schöne Dinge, die aber nicht lebensnotwendig sind, sozusagen die Kirsche auf dem Sahnehäubchen." Wäsche, Strümpfe, Hosen: Das brauchten die Kunden dringender.

Die Krise treffe aber auch ihn: "Die gestiegenen Energiekosten schlagen ja auch bei uns ins Kontor. Dazu kommen Preiserhöhungen im Einkauf von acht bis zwölf Prozent, und für das Frühjahr 2023 sind weitere sechs bis sieben Prozent angekündigt." Noch versucht der Händler, diese Aufschläge nicht an seine Kunden weiterzugeben - zumindest da, wo er kalkulieren kann. "Die Leute kommen und sagen, '100 Euro für eine Hose kann ich mir nicht leisten'. Die wollen wir trotzdem bedienen. Deswegen sind wir jetzt schon auf der Suche nach neuen Lieferanten, die gute Qualität für weniger Geld bieten."

Dass es in den kommenden Monaten eher noch enger wird, davon ist Schürg überzeugt - und trotzdem nicht pessimistisch. "Die Situation ist nicht lustig, aber sie betrifft doch uns alle. Wer sein Sortiment ordentlich aufgestellt hat, schafft das."