Sonnenuntergang

Aufteilung des Energiemarkts Ist E.ON zu mächtig?

Stand: 24.03.2021 16:24 Uhr

Mit der Übernahme von Innogy hat E.ON seine führende Stellung auf dem deutschen Strommarkt ausgebaut. Kleinere Regionalversorger sehen den Wettbewerb in Gefahr und warnen vor Nachteilen für Verbraucher.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Wenn E.ON-Chef Johannes Teyssen in wenigen Tagen Ende März aufhört und seinen Posten abgibt, kann er auf ein bewegtes Jahrzehnt in der Energiebranche zurückblicken. Mit dem Ausstieg aus der Kernkraft und dann aus der Kohleenergie erlebte die Industrie radikale Umwälzungen. Den wachsenden Einfluss der erneuerbaren Energien ignorierten die klassischen Stromversorger lange. "Die Energiekonzerne haben sich zu lange an die alte Welt geklammert - nach dem Motto: Es lohnt sich doch noch, lasst die Kraftwerke noch ein paar Jahre länger laufen", räumt Teyssen ein. Es herrschte eine regelrechte Wagenburg-Mentalität.

Inzwischen haben die großen Versorger die Wagenburg verlassen und den Strommarkt neu aufgeteilt. E.ON und RWE einigten sich auf ein historisch einmaliges Tauschgeschäft. E.ON gab die Stromerzeugung auf, schluckte die RWE-Tochter Innogy und konzentrierte sich auf Vertrieb und Netze. RWE dagegen erwarb die Kraftwerke von E.ON und die erneuerbaren Energien von Innogy.

Jeder dritte Stromkunde bei E.ON

Mit dem Deal ist E.ON nun zur klaren Nummer eins im deutschen Strommarkt geworden. Die Essener haben nach der Übernahme von Innogy nun 14 von insgesamt 40 Millionen Kunden. Das heißt: Gut jeder dritte deutsche Stromkunde ist bei E.ON. Zum Vergleich: Die Rivalen EnBW und Vattenfall kommen jeweils nur auf fünf Millionen Kunden.

"Mit der Fusion von E.ON und Innogy ist der Wettbewerbsdruck deutlich gestiegen", sagt Thomas Sepp, Geschäftsführer von Lekker Energie. Es gebe jetzt einen beherrschenden Spieler mit einer enormen Marktmacht.

Werden Verbraucher benachteiligt?

Mehrere Regional- und Ökostromversorger halten die Dominanz von E.ON für gefährlich. Sie sehen "erhebliche Nachteile für den Wettbewerb und damit alle Verbraucher". Der E.ON-Konzern habe immense Vorteile wegen seiner vielen Kunden, seines enormen Netzbesitzes und der starken Einkaufsmacht, monierte Constantin Alsheimer, Chef des Frankfurter Versorgers Mainova. Dies schade dem Wettbewerb.

Mainova, neun andere regionale Versorger sowie der Ökostromanbieter Naturstrom wehren sich juristisch gegen den Energiedeal der Branchenriesen E.ON und RWE: Sie haben zwei Nichtigkeitsklagen beim Gericht der Europäischen Union in Luxemburg eingereicht. Rückendeckung erhalten sie vom Verband der kommunalen Unternehmen (VKU), der vor einem wettbewerblichen Ungleichgewicht zu Lasten von Stadtwerken und Regionalversorgern warnt. Ein Manager der Frankfurter Stadtwerke zeigte sich Mitte des vergangenen Jahres gegenüber tagesschau.de zuversichtlich, dass die Kläger Recht bekommen.

Die EU-Kommission hatte 2019 das milliardenschwere Tauschgeschäft unter geringen Auflagen genehmigt. E.ON musste lediglich größere Teile seiner Töchter in Tschechien und Ungarn verkaufen und das Heizstromgeschäft in Deutschland abgeben.

E.ON: "Es gibt genügend Auswahl"

Die beiden Stromriesen E.ON und RWE sehen die Klagen gelassen. Der Wettbewerb um Strom- und Gaskunden bleibe auch nach der Übernahme von Innogy intensiv, betont E.ON-Chef Teyssen immer wieder. In jeder Postleitzahlen-Region hätten die Verbraucher die Wahl zwischen über hundert Stromanbietern, erklärte der Düsseldorfer Versorger. Zudem würden die Energienetze ohnehin staatlich reguliert, "so dass dort keinerlei wettbewerbsrechtliche Bedenken bestünden".

Tatsächlich scheint es aber so, dass E.ON in vielen Städten mit seinen Marken sehr stark in den Markt drückt, um Neukunden zu gewinnen, haben Experten beobachtet. So tauchen auf dem Verivox-Vergleichsportal unter den besten zehn Stromanbietern in Berlin oder Kiel E.ON sowie seine beiden Billigmarken E wie Einfach und Eprimo ganz vorne auf.

Strompreise so hoch wie nie

Ob E.ON seine Marktmacht genutzt hat, übermäßige Preiserhöhungen durchzusetzen, lässt sich kaum feststellen. Sicher ist nur, dass die Strompreise immer weiter steigen. Schuld daran sind aber auch die regionalen Versorger, die ihre Tarife angehoben haben. Im vergangenen Jahr haben die Haushalte in Deutschland so viel für ihren Strom bezahlt wie noch nie, nämlich rund 37,8 Milliarden Euro laut Berechnungen des Vergleichsportals Check24. Der durchschnittliche Strompreis pro Kilowattstunde erhöhte sich in den letzten vier Jahren um drei Cent auf rund 30 Cent.

Als Grund nennen Experten die im Strompreis enthaltenen Umlagen und Steuern, die stark gestiegen sind. So liegt die EEG-Umlage zur Förderung des Ökostroms bei 6,5 Cent pro Kilowattstunde. "60 Prozent der Strompreise haben nichts mit Strom zu tun, sondern mit der Finanzierung politischer Programme", beklagte E.ON-Chef Teyssen auf der heutigen Bilanzpressekonferenz.

E.ON-Chef prophezeit fallende Strompreise

Immerhin: Der scheidende Top-Manager prophezeit langfristig sinkende Strompreise. "Ich habe Hoffnung, dass die Strompreise sinken, weil es Rückenwind von den Erneuerbaren Energien geben wird", sagte er am Mittwoch. Bald dürften Wind- und Solarparks günstigeren Strom als konventionelle Anlagen liefern.

Branchen-Experten rechnen mit einer Konsolidierung der Stromanbieter. "Der Markt wird sich bereinigen", glaubt Lekker-Energie-Geschäftsführer Sepp. "Kleine Anbieter werden verschwinden." Firmen, die weniger als 50.000 Kunden hätten, dürften es in Zukunft schwer haben. Bereits in der Vergangenheit gab es einige Pleiten. Billiganbieter wie Teldafax und Flexstrom brachen zusammen - zum Ärger vieler Kunden.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 25. März 2021 um 01:38 Uhr.