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VW-Chef Diess im Interview Volkswagen will bei E-Autos aufholen

Stand: 04.03.2019 22:26 Uhr

Volkswagen hat mit dem Dieselskandal viel Vertrauen verloren und gilt nicht gerade als Vorreiter bei den E-Autos. Der VW-Vorstandschef Diess erklärt im Interview mit den tagesthemen, wie er das ändern will.

tagesthemen: Das letzte Mal hat VW mit dem Golf richtige Autogeschichte geschrieben. Das war Anfang der Siebziger. Seitdem hieß die Strategie: Abwarten, was bei der Konkurrenz läuft, dann nachbauen. Wie soll denn jetzt in so kurzer Zeit eine E-Revolution gelingen?

Herbert Diess: Die ist bereits kurz vor der Serieneinführung. Sie heißt ID: Sie ist der Golf für das elektrische Zeitalter und stellt einen ähnlich großen Umbruch dar wie die vom Käfer zum Golf. Ich glaube, wir sind sehr gut vorbereitet und sind diesmal nicht Nachläufer, sondern Pioniere.

tagesthemen: Ohne Druck der EU und ohne das Schmuddel-Image durch den Dieselskandal wäre das wohl nicht so gekommen, oder?

Diess: Die Elektromobilität ist der richtige Weg, um die Klimaziele 2050 zu erreichen. Dazu sind wir alle aufgerufen. Für Volkswagen ist das eine Chance, diesen Wandel mitzugestalten.

tagesthemen: Und wie wollen Sie den mitgestalten?

Diess: Indem wir Vorreiter sind bei erschwinglicher Elektromobilität. Ende des Jahres läuft die Produktion für den ID in Zwickau an. Zwickau bauen wir komplett zu einem Elektrofahrzeugwerk um. Und dann beginnt Anfang 2020 der Roll-out des ID, der Golf des Elektrozeitalters - und mit Preisen unter 30.000 Euro auch sehr attraktiv für Kunden.

tagesthemen: Die Autos bauen ist das eine, die Autos verkaufen das andere. Denn bislang haben die Kunden ja auf E-Autos eher zurückhaltend reagiert. Verkaufsrenner sind vor allem die großen SUVs. Wieso sollte sich das jetzt ändern?

Diess: Das Produkt, das wir anbieten werden, wird es für viele schwer machen, sich gegen das Elektrofahrzeug zu entscheiden: Niedrigere Unterhaltskosten, größere Innenräume, hohe Reichweiten zu einem erschwinglichen Preis.

VW I-D auf dem Genfer Autosalon | dpa

Der VW I-D - hier in der Buggy-Version - soll der Einstieg des Konzerns in den Massenmarkt für E-Autos werden. Bild: dpa

tagesthemen: Stromquellen zum Laden, das ist das eine. Aber der andere große Knackpunkt ist die Stromquelle im Auto selbst. Warum treiben Sie nicht auch die Entwicklung von Batterietechnik viel stärker voran?

Diess: Natürlich machen wir das auch. Wir sind im Aufbau von Batteriezellen-Werken in Europa, in China und perspektivisch auch in den USA. Und wir haben unsere Kompetenz bei Batteriezellen massiv verstärkt.

tagesthemen: Werden sie auch ein Batteriewerk in Deutschland bauen?

Diess: Das erwägen wir zumindest.

tagesthemen: Jetzt wollen sie sich erstmals öffnen, indem sie nun ihren Elektro-Baukasten, also die Plattform für Autos, auch Dritten anbieten. Was steckt dahinter? Sollen sich da auch Konkurrenten wie Peugeot oder Mercedes bedienen können?

Diess: Grundsätzlich sprechen wir auch mit Konkurrenten über die Öffnung dieser Plattform. In der Elektromobilität macht es nicht mehr so viel Sinn, dass jeder seine eigenen Antriebsmotoren, die eigenen Zellen fertigt. Was zählt, ist eine günstige Kostenposition. Die bietet der MEB, unser großer Baukasten, der in allen Weltregionen skaliert wird. Und natürlich können wir uns vorstellen, den auch Dritten zur Verfügung zu stellen.

tagesthemen: Das heißt also: Egal, wer die meisten Autos verkauft, solange die meisten auf einer VW-Basis fahren.

Diess: Könnte man so sagen, ja.

tagesthemen: Bei allem Blick nach vorn: Der Dieselskandal hat nicht nur das Ansehen eines ganzen Antriebs ruiniert, sondern auch den von VW. In den USA haben sie Kunden großzügig entschädigt. Warum kommen Sie den verärgerten und enttäuschten deutschen Kunden nicht noch mehr entgegen?

Diess: Ich glaube, wir haben auch in Deutschland sehr, sehr viel getan. Wir haben alle Fahrzeuge in einen technisch korrekten Zustand versetzt. Wir haben dabei auch die Stickoxid-Emissionen deutlich gesenkt um durchschnittlich 25 bis 30 Prozent, so dass die Kunden eigentlich schadensfrei auch von uns gehalten wurden.

tagesthemen: Aber es ist nicht so wie in den USA. Dort ist man viel großzügiger gewesen mit den verärgerten Kunden. Der Bundesgerichtshof hat gerade eine Einschätzung abgegeben, dass es sich durchaus um einen Sachmangel bei der Schummelsoftware handelt. Haben Sie da keine Angst, dass Sammelklagen auch in Deutschland nun Erfolg haben könnten?

Diess: In den USA haben wir eine grundsätzlich andere technische Situation. Die Fahrzeuge in den USA waren in keiner Weise zulassungsfähig, als wir sie dort in den Markt gebracht haben. Das hat außerordentlich hohen Aufwand erzeugt, die Fahrzeuge gesetzeskonform zu machen. Die Gesetzeslage ist eine ganz anders in den USA.

tagesthemen: Aber das ist für die deutschen Autofahrer kein Argument.

Diess: Ja, aber die deutschen Autofahrer haben natürlich auch nicht die Minderung hinnehmen müssen, wie die amerikanischen Kunden, deren Fahrzeuge ja praktisch außerhalb der gesetzlichen Legalität waren. Das ist in Deutschland und auch in Europa, im Rest der Welt, nicht der Fall.

tagesthemen: So oder so, Sie haben mit dem Dieselskandal unheimlich viel Vertrauen verspielt. Warum sollen Ihnen die Kunden noch glauben?

Diess: Ja, da haben Sie recht: Wir haben sehr viel Vertrauen verloren. Wir haben uns aber auch große Mühe gegeben, den Schaden wiedergutzumachen. In Europa und den USA und im Rest der Welt. Und wir tun alles, um das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen.

Das Gespräch führte Ingo Zamperoni, tagesthemen. Es wurde für die schriftliche Fassung gekürzt und redigiert. Das gesamte Interview sehen Sie in dem Video in diesem Text.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 04. März 2019 um 23:30 Uhr.