Eine Kassiererin an der Kasse beim Netto Marken-Discount | picture alliance/dpa

Verbraucherpreise Flaut die deutsche Inflation bald ab?

Stand: 23.11.2022 08:18 Uhr

Der Höhepunkt der Teuerung in Deutschland könnte nach Einschätzung mancher Experten bald erreicht sein. Die Anzeichen mehren sich, dass die Inflationsrate im kommenden Jahr spürbar zurückgehen wird. Ein Überblick.

Aktuell steht die Inflationsrate in Deutschland mit 10,4 Prozent auf dem höchsten Stand seit 1951. Seit rund zwei Jahren steigen die Preise, für Vorprodukte wie Rohstoffe und Industrieerzeugnisse ebenso wie für zahlreiche Artikel des täglichen Bedarfs. Laut einer Studie der Beratungsfirma EY gibt inzwischen jeder zweite Konsument an, nur noch das Nötigste zu kaufen.

Doch inzwischen gibt es Anzeichen dafür, dass sich die Dynamik der Teuerung bald abschwächen könnte. Im Oktober stiegen erstmals seit 2020 die Erzeugerpreise nicht weiter. Sie sind im Vergleich zum Vormonat sogar um 4,2 Prozent gesunken, wie das Statistische Bundesamt in dieser Woche mitteilte.

Eine Rezession hinterlässt Spuren

Laut Ralph Solveen, Volkswirt bei der Commerzbank, machen die jüngsten Erzeugerpreise "Hoffnung, dass auch bei den Verbraucherpreisen der Hochpunkt der Inflationsrate nicht mehr fern ist." Denn Erzeugerpreise sind die Preise, die Hersteller für ihre Produkte verlangen. Sinken sie, so wirkt sich das auch auf die Verbraucherpreise aus - mit einiger Verzögerung sinken sie ebenfalls. Auch Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank Baden-Württemberg sieht in den Zahlen darum ein gutes Zeichen: "Vielleicht das erste Signal eines gewissen, konjunkturbedingten Nachlassens des Preisdrucks."

Auch der Trend bei den Großhandelspreisen lässt hoffen: Sie sind im Vergleich zum Vormonat - wenn auch nur leicht um 0,6 Prozent - gesunken. Das liegt laut Statistischem Bundesamt vor allem daran, dass Minerölerzeugnisse spürbar um rund fünf Prozent billiger wurden.

Außerdem rechnen Ökonomen damit, dass Deutschland im Winter von einer leichten Rezession betroffen sein dürfte. So prognostiziert etwa die Industrieländer-Organisation OECD für 2023 einen Rückgang der deutschen Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent. Das könnte laut Internationalem Währungsfond (IWF) im kommenden Jahr für weite Teile der Weltwirtschaft gelten. Auch die schwache Konjunktur könnte dazu führen, dass der Preisdruck abnimmt und die Inflation sinkt.

Inflation laut Blanchard bald bei 3 Prozent

Der Wirtschaftswissenschaftler Olivier Blanchard geht bei seiner Prognose weiter als andere Experten. Der frühere IWF-Chefökonom sagte in einem Interview mit dem "Manager Magazin", dass die Inflation wahrscheinlich "eine Sache von zwei Jahren" sein werde: "Meiner Vermutung nach wird die Inflationsrate Ende 2023 bei 2,5 bis 3 Prozent liegen", so der Ökonom. Weitere Ausgaben der Staaten, um die aktuelle Krise zu bewältigen, hält er für verkraftbar: "Es gibt Spielraum für Programme zum Schutz vor hohen Energiepreisen."

In Deutschland ist bislang beispielsweise geplant, dass ab März die Gas- und Strompreisbremse in Kraft tritt - die dann auch rückwirkend ab Januar 2023 Haushalte und kleinere Firmen entlasten soll. Und Bundesfinanzminister Christian Lindner will durch weiteren Steuerentlastungen Anreize für Investitionen schaffen.

Entlastungen wirken erst im nächsten Jahr

Doch trotz der Hoffnungszeichen warnen viele Experten auch davor, zu schnell Entwarnung zu geben. Denn die Auswirkungen der sinkenden Großhandels- und Verbraucherpreise erreichen die Verbraucher erst mit Verzögerung. Auch die staatlichen Hilfen greifen erst im kommenden Jahr so richtig. Und noch immer gibt es Unwägbarkeiten an den Energiemärkten. Etwa dürfte die erneute Befüllung der Gasspeicher im kommenden Jahr eine Herausforderung sein.

Darum sei das Inflationsproblem vermutlich noch nicht gelöst, schätzt Ralph Solveen von der Commerzbank: "Denn mit dem stärkeren Lohnanstieg stehen die Unternehmen vor einem weiteren Kostenschub, den sie zumindest teilweise an ihre Kunden weitergeben werden", so der Experte. Erst kürzlich hatten sich Arbeitgeber und Gewerkschaften auf ein Lohnplus von insgesamt 8,5 Prozent für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie im Südwesten geeinigt.

Auch Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank, glaubt nicht, dass der Höhepunkt der Inflation schon erreicht ist. Belastbare Daten sprächen dafür, dass sich die Teuerungsrate noch eine Weile auf einem hohen Niveau bewegen werde, bevor es dann deutlicher nach unten gehe: "Ich halte es für wahrscheinlich, dass im Jahresdurchschnitt eine Sieben vor dem Komma stehen wird", so Nagel mit Blick auf 2023.

Was macht die EZB?

Währenddessen entbrennt bei EZB-Mitgliedern eine Diskussion darüber, wie die Europäische Zentralbank im aktuellen Umfeld hoher Inflation am besten agieren sollte. So unterstützt etwa Österreichs Notenbankchef Robert Holzmann eine weitere Jumbo-Zinserhöhung auf der kommenden EZB-Zinssitzung im Dezember. Eine erneute kräftige Zinsanhebung "würde ein starkes Signal unserer Entschlossenheit geben", sagte er der "Financial Times". Auch Joachim Nagel sprach sich Anfang November für weitere Zinserhöhungen aus.

Philip Lane, Chefvolkswirt der EZB, sieht dagegen keine "Plattform für die Erwägung einer sehr großen Erhöhung, wie zum Beispiel 75 Basispunkte" mehr. Das sagte er in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Market News. Von Reuters befragte Ökonomen gehen davon aus, dass die EZB bei ihrem Treffen im Dezember die Zinsen um 0,5 Prozentpunkte anheben dürfte. Derzeit steht der Leitzins bei 2,0 Prozent.

Über dieses Thema berichtete SWR2 Aktuell am 21. November 2022 um 18:30 Uhr.