Fahne mit dem Logo der IG Metall bei einem Streik | Bildquelle: dpa

Aktionstag der IG Metall Zulieferer vor "Mega-Rausschmiss"?

Stand: 22.11.2019 11:23 Uhr

Im Autoland knirscht es gewaltig: Beschäftigte bei Zulieferern und Konzernen haben Angst vor dem "Mega-Rausschmiss". Nach Jahren des Booms haben die Unternehmen harte Sparkurse ausgerufen.

Von Jenni Rieger und Tim Diekmann, SWR

Mario Kovac versteht die Welt nicht mehr: "Ich hätte nie gedacht, dass mein Arbeitsplatz nicht sicher ist." Als Heizungsbauer und Klimatechniker in der baden-württembergischen Automobilzuliefererindustrie wähnte er sich immer auf der sicheren Seite. Etwa 470.000 Menschen arbeiten hier in der Branche. Kovac ist einer von ihnen. Sein Arbeitgeber, die Firma Contitech Kühner in Oppenweiler, wird Mitte 2022 schließen, weil der Mutterkonzern Continental, Stellen abbaut.

Rund 20.000 Arbeitsplätze stehen langfristig weltweit auf dem Spiel, etwa 7000 davon in Deutschland. Und einer davon gehört bislang Kovac. Er wird entlassen werden, vielleicht schon im kommenden Jahr - nach über 20 Jahren Betriebszugehörigkeit: "Von heute auf morgen steht man da und fragt sich: War`s das jetzt?"

Aktionstag der IG Metall zu Veränderungen in der Automobilbranche
tagesschau 20:00 Uhr, 22.11.2019, Jenni Rieger, SWR

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Daimler: Personalkosten in Milliardenhöhe sparen

Mit dieser Angst ist Kovac nicht alleine. Tausende werden zum Aktionstag der IG Metall erwartet. Die fürchtet einen "Mega-Rausschmiss"- und tatsächlich haben die Beschäftigten der Automobilindustrie in den vergangenen Monaten einiges schlucken müssen. So verkündete Ola Källenius, der neue Vorstandsvorsitzende der Daimler AG, vor einer Woche, man erwarte für das kommende Jahr nur eine Umsatzrendite von drei bis fünf Prozent im Kerngeschäft mit Autos und Vans. Eine Milliarde Euro an Personalkosten will Daimler bis Ende 2022 an Personalkosten einsparen und dafür jede zehnte Stelle auf Führungsebene abbauen.

Beim Zulieferer Bosch sind 2500 Arbeitsplätze in den vergangenen Jahren bereits abgebaut worden, weitere 3000 könnten folgen. Andere Zulieferer, wie etwa FESTO, wollen wegen der schwächelnden Auftragslage die Wochenarbeitszeit der Beschäftigten kürzen und so Lohnkosten sparen.

Es knirscht gewaltig im Autoland, das sich bis vor kurzem noch auf der Sonnenseite wähnte. Aber vielleicht ist genau das das Problem? Denn lange Zeit boomte das Geschäft. Autos wurden gekauft, neue produziert, diese wiedergekauft. Tendenz steigend. Doch inzwischen scheinen in der Autowelt neue Regeln zu gelten. Der Boom scheint vorbei. Manche sehen den "Car Peak" erreicht, den Scheitelpunkt, ab dem es nicht mehr weiter aufwärts geht.

In den USA beobachtet man diesen Trend bereits: Das eigene Auto wird länger gefahren, seltener ein neues gekauft. Dazu wird es seltener bewegt. Sozial Media und Online-Shopping machen viele Fahrten überflüssig. Hinzu kommt ein schwächelndes Interesse der Jugend am eigenen Automobil; Carsharing, E-Scooter oder Fahrdienste wie Uber werden zur ernstzunehmenden Konkurrenz. Tatsächlich sieht es so aus, als gingen die Zulassungszahlen weltweit zurück.

Tim Diekmann, SWR, über den IG-Metall-Aktionstag
tagesschau24 15:00 Uhr, 22.11.2019

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Nachfrage nach E-Autos steigt langsam

Der Ex-Ford-Manager Bernhard Mattes wird neuer VDA-Präsident | Bildquelle: dpa
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Bernhard Mattes, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie: "Wandel gemeinsam gestalten".

Der deutsche Absatzmarkt erweist sich jedoch noch als relativ stabil. Vor allem im Oberklassesegment stimmen die Verkaufszahlen von Daimler, BMW und Audi nach wie vor. Ist die Angst der IG Metall vor massivem Stellenabbau in der Automobilbranche also doch unbegründet? Zumindest einen Handlungsbedarf räumte auch Bernhard Mattes, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) vor wenigen Tagen auf einer Pressekonferenz ein: "Die Mobilität der Zukunft bedeute für Unternehmen und viele Arbeitnehmer tiefgreifende Veränderungen. Es ist die gemeinsame Verantwortung der Sozialpartner und des Staates, durch geeignete Maßnahmen Qualifizierung zu fördern und den Wandel gemeinsam zu gestalten, damit negative Arbeitsplatzeffekte vermieden werden können."

Tatsache ist: Es ändert sich etwas in der bislang so heilen Welt des Automobils. Stetiges Wachstum ist keine ausgemachte Sache mehr, Umwälzungen, wie das Bekenntnis zur E-Mobilität, bringen Unsicherheit in die Branche der Verbrennungsmotoren. Noch steigen die Verkaufszahlen der E-Autos nur sanft, aber sie steigen. Und das schürt Angst bei denen, die bislang auf Verbrennungsmotoren gesetzt haben, ja, von ihnen abhängig sind: Automobilhersteller und ihre Zulieferer.

Ende des Verbrennungsmotors?

Dass vor allem letztere nun um ihre Zukunft fürchten, mag laut Automobilexperte Stefan Bratzel auch daran liegen, dass sie sich zu lange auf diese eine Branche verlassen haben. "Manche Automobilzulieferer hingen wohl ein Stück weit zu lange an den Automobilherstellern, die das Thema Elektromobilität ja lange unterschätzt haben. Man hat sich wohl selbst zu wenig Gedanken gemacht, sich weiterzuentwickeln."

Mehr als 800.000 Beschäftigte sind in Deutschland im Autosegment tätig, etwa ein Viertel von ihnen arbeitet in der Herstellung von Motoren und Getrieben. Kommt wirklich das Ende des Verbrennungsmotors, so werden diese Arbeitsplätze überflüssig, denn E-Fahrzeuge haben weder Motoren noch Getriebe. Aber sie brauchen Kältemittelleitungen.

Und genau darauf hofft Kovac, denn das ist sein Spezialgebiet. Wenn sein Betrieb schließt und er entlassen wird, ist Kovac Ende 40. Kein gutes Alter, um noch einmal neu anzufangen. "Aber es gibt Mitarbeiter, die die Schließung viel härter trifft als mich", sagt Kovac. "Ich komme zur Not auch woanders unter. Aber die älteren Ungelernten, die seit 20 Jahren hier am Band stehen, wie sollen die noch was finden?"

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. November 2019 um 20:00 Uhr.

Korrespondent

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