UBS und Credit Suisse
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Fusion in der Schweiz Größere Banken, größeres Risiko

Stand: 31.07.2023 08:10 Uhr

Auf dem Schweizer Bankenmarkt ist nach der Fusion von UBS und Credit Suisse ein Branchenriese entstanden. Was geräuschlos vonstatten ging, könnte langfristig zur Gefahr werden.

Von Michael Houben, hr

Mitte Juni war die Fusion vollzogen: Die zweitgrößte Schweizer Bank Credit Suisse (CS) wurde nach schwerer Krise und staatlichem Eingriff von der noch größeren UBS übernommen - am Ende relativ geräuschlos. Doch Ökonomen warnen: Der entstandene Gigant könne langfristig zur Gefahr werden. Gleichzeitig ist die aus der Not geborene Fusion in der europäischen Bankenlandschaft nur die Spitze eines Eisbergs.

Im europäischen Vergleich ist auch die neue UBS nach Übernahme der Credit Suisse vergleichsweise klein. In Bezug auf ihre Bilanzsumme liegt sie auf Rang 8, nur wenig mehr als halb so groß wie der Spitzenreiter HBSC in Großbritannien. Doch gleichzeitig ist die neue UBS ein Gigant: Ihre Bilanzsumme entspricht mehr als dem doppelten Bruttoinlandsprodukt ihres Heimatlandes. Ein Gewicht, das weltweit einmalig ist.

Schweizer Bankenfusion - Droht eine neue Bankenkrise?

Michael Houben, hr, Plusminus, 19.07.2023 21:45 Uhr

Im Krisenfall schafft es die Schweiz nicht allein

Um der UBS die Übernahme des angeschlagenen früheren Wettbewerbers zu ermöglichen, hat die Schweiz Garantien für mehr als 100 Milliarden Euro übernommen. Gleichzeitig wurden die bisherigen Aktionäre der CS weitgehend enteignet. Der Direktor des Leibniz Zentrums für Finanzmarktstabilität, Florian Heider, hält dieses Vorgehen für riskant. Zum einen hätte die Schweiz mit ähnlichem Aufwand die Credit Suisse auch eigenständig halten können. Zum anderen sei der neue Gigant nun so groß, dass die Schweiz ihn im Krisenfall niemals alleine retten oder mit Garantien absichern könnte. 

Auch die UBS musste vom Schweizer Staat während der Lehman-Krise schon einmal gerettet werden. Wenn sie aber künftig in eine neue Krise käme, wäre der Schweizer Staat schlicht überfordert. Dann helfe nur noch eine europäische Lösung: Es müssten sich die Länder beteiligen, in denen die UBS stark aktiv sei. Ihre Europa-Zentrale steht in Frankfurt am Main.

Mehr Sicherheit durch verschärfte Regeln?

Seit vor 15 Jahren die Pleite der Lehman Brothers weltweit viele Banken zu Sanierungsfällen machte, die nur mit staatlichen Hilfen gerettet werden konnten, seit dadurch die Börsen abstürzten und eine schwere Rezession auch Deutschland traf, wurde die Bankenaufsicht deutlich verschärft. Doch das Versprechen, es würde niemals wieder Banken geben, die "too big to fail" und im Krisenfall für die Weltwirtschaft gefährlich wären, war laut Heider von vornherein ein leeres Versprechen. In einer global vernetzten Wirtschaft mit global vernetzten Unternehmen müsse es auch global aktive Banken geben. Und die seien zwangsläufig so groß, dass sie im Falle des Scheiterns zum ernsten systemischen Problem würden. Die Staaten müssten lernen, mit der Gefahr umzugehen. 

In Europa wurden mit "Basel 3" deutlich höhere Eigenkapitalquoten vorgeschrieben: eine Reserve, die eine Bank vorhalten muss für den Fall, dass bestimmte Geschäfte Verluste erzeugen oder Kunden ihr Kapital abziehen. Doch Eigenkapital ist ja nicht gleichbedeutend mit Bargeld; auch Eigenkapital besteht letztlich aus Wertpapieren aller Art. Und dazu erklärt Experte Heider, dass Eigenkapital nicht unbedingt Sicherheit bedeute. Das habe die Anfang des Jahres die in Schieflage geratene Silicon Valley Bank bewiesen. Deren Eigenkapitalquote sei durchaus gut gewesen, doch die Wertpapiere im Eigentum der Bank hätten dann schlagartig an Wert verloren - und so war das Eigenkapital war quasi "über Nacht weg".

Regulierung fördert Größe der Banken

Gleichzeitig sorgen die neuen Regeln zur Bankenaufsicht für mehr Bürokratie in den Banken. Dazu brauchen sie teure Spezialisten. Das fällt gerade kleineren Banken schwer - für sie wird es leichter zu finanzieren, wenn sie mit anderen Banken fusionieren. Das beobachtet Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim: Seit 2009 ist die Zahl der Banken in der EU um mehr als ein Drittel geschrumpft. Gleichzeitig hat sich ihre Bilanzsumme im Schnitt mehr als verdoppelt.

Auch die verschärften Eigenkapitalregeln würden kleine Banken benachteiligen, denn die Aufsicht gehe davon aus, dass große Banken bessere Abteilungen für Risikomanagement betreiben könnten. Entsprechend müssten sie bei jeder Kreditvergabe weniger Eigenkapital hinterlegen als kleinere Banken und können dadurch mehr Kredite vergeben - und das auch preiswerter: noch ein Wettbewerbsvorteil für große Banken, noch ein Grund für Banken, möglichst groß zu werden. Burghof schlägt daher vor, die Regeln für kleine Banken wieder zu lockern: Wenn Sie pleite gingen, würde das ja auch kein systemisches Risiko bedeuten.

Aussagekräftigere Stresstests gefordert

Natürlich ist es schwer, konkrete Grenzen zu ziehen, ab wann eine Bank besonders groß und damit systemrelevant und gefährlich ist. Aktuell zieht die EU diese Grenze bei einer Bilanzsumme von 30 Milliarden Euro. Für die Aufsicht dieser Banken ist dann die EZB zuständig und prüft ihre Krisenfestigkeit mit sogenannten Stresstests. Das sind Szenarien, in denen durchgerechnet wird: "Was wäre, wenn...?" - etwa, wenn die Leitzinsen deutlich steigen. Dies wurde laut Heider zuletzt mit einer angenommenen Zinssteigerung von zwei Prozent geprüft.

Tatsächlich sind die Zinsen längst sogar um vier Prozent gestiegen. Da sei die Realität gefährlicher als alles, was im Stresstest bisher geprüft wurde. Heider fordert daher strengere und damit aussagekräftigere Stresstests. Denn in einem Punkt sind sich sich beide Ökonomen einig: Wirklich und dauerhaft krisensicher kann keine Bank jemals sein. Und je größer und vernetzter Banken werden, desto größer wird auch das Risiko, dass im Problemfall wieder eine globale Finanz- und Wirtschaftskrise folgt.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Magazin Plusminus am 19. Juli 2023 um 21:45 Uhr.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete das Erste in der Sendung "Plusminus'" am 19. Juli 2023 um 21:45 Uhr.