Steigender Dax-Kurs auf einer Anzeigetafel im Handelssaal der Frankfurter Wertpapierbörse.
analyse

Aktienboom trotz Wachstumskrise Flaute in der Wirtschaft, Euphorie an der Börse

Stand: 26.02.2024 12:39 Uhr

Während die deutsche Konjunktur lahmt und viele Experten ihre Wachstumsprognose senken, erreicht der DAX immer neue Höhen. Hat sich die Börse von der Realwirtschaft entkoppelt?

Von Till Bücker, ARD-Finanzredaktion

Für Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck gibt die wirtschaftliche Lage in Deutschland derzeit einen "Anlass zur Sorge". Bürokratie, Fachkräftemangel, teure Energie, schwache Nachfrage, hohe Zinsen oder Streiks: Die Liste der Probleme ist lang. Im ersten Quartal erwarten Experten deshalb erneut ein Minus beim Bruttoinlandsprodukt (BIP), was eine technische Rezession bedeuten würde.

Gleichzeitig erklimmt der DAX, der die Aktien der 40 größten Unternehmen an der Börse umfasst, immer neue Höhen. Nachdem er Mitte Februar einen neuen Rekordstand erreichte, stellte er Ende vergangene Woche schon wieder neue Bestmarken auf. Allein seit Jahresbeginn ist der deutsche Leitindex um fast vier Prozent nach oben geklettert, seit dem Zwischentief Ende Oktober sogar mehr als 18 Prozent. Wie passt das zusammen?

"Kein reines Abbild der deutschen Realwirtschaft"

"Zu sagen, dass wenn sich die deutsche Volkswirtschaft in einer Rezession befindet, muss auch der DAX schwach sein, ist zu einfach gedacht", sagt Emanuel Mönch, Professor für Geldpolitik und Finanzmärkte an der Frankfurter School of Finance & Management, im Gespräch mit tagesschau.de. Es gebe zwar enge Zusammenhänge zwischen dem Aktienmarkt und der Konjunktur. "Der DAX ist aber kein reines Abbild der deutschen Realwirtschaft".

Das zeigt schon die internationale Ausrichtung von Großkonzernen in Deutschland. "Bei den großen DAX-Unternehmen spielt sich nur ein kleiner Teil der Geschäfte in Deutschland ab", betont Andreas Hackethal, Professor für Finanzen an der Goethe-Universität Frankfurt. "Auf den globalen Märkten gibt es diverse Wachstumsimpulse, die die Kurse auch hier beeinflussen können."

Schätzungen zufolge liegt der Anteil der im Ausland erzielten Erlöse am Gesamtumsatz bei den DAX-Unternehmen bei knapp 80 Prozent. Dadurch sind ihre Einnahmen weniger abhängig von der Nachfrage in Deutschland. Dazu kommt, dass viele Konzerne einen Teil ihrer Güter im Ausland produzieren und die dort niedrigeren Arbeits- und Energiekosten nutzen. "Die Entwicklung in anderen Volkswirtschaften ist daher maßgeblich für die DAX-Performance mitverantwortlich", erklärt Mönch.

Positive Nachrichten in den USA wirken auch hier

Dass sich die großen Indizes häufig in die gleiche Richtung bewegen, liegt Mönch zufolge auch am sogenannten Rebalancing. "Institutionelle Investoren wollen ein gewichtetes Mittel verschiedener Märkte abbilden und ihre Portfolios diversifizieren", so der Experte. Wenn die Aktien einer Region also steigen, gewinne diese an Gewicht, sodass an anderer Stelle nachgekauft werden müsse.

Außerdem schwappen laut Mönch positive Nachrichten auf andere Märkte über und lassen auch deren Kurse steigen. Ein Beispiel: die neu entfachte Euphorie rund um Künstliche Intelligenz (KI) in den USA. Nachdem der Chipkonzern Nvidia in der vergangenen Woche zum sechsten Mal in Folge einen Quartalsumsatz über den Erwartungen meldete, erreichten nicht nur die US-Börsen neue Höchststände. Auch der DAX und asiatische Indizes rauschten nach oben.

"So langsam erkennen die Investoren, dass KI eine größere wirtschaftliche Bedeutung haben könnte als gedacht", sagt Mönch. Das beobachtet auch Experte Hackethal, der am Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE forscht. "Technologiesprünge im Bereich KI und Robotik können die Kosten der Unternehmen aller Branchen dramatisch senken, weil die Produktivität steigt", so der Ökonom gegenüber tagesschau.de. Das sorge für Optimismus unter den Marktteilnehmern.

Hoffnung auf sinkende Zinsen beflügelt

Ein weiterer Grund für die Rally sei ein erkennbares Muster in den empirischen Daten, sagt Mönch. "Dass zu Beginn einer Rezession die Aktienmärkte stark steigen, ist ein typisches Phänomen." Das sei keine neue Situation. Letztlich sähen die Anlegerinnen und Anleger bereits das Ende des wirtschaftlichen Abschwungs voraus - gerade mit Blick auf die zurückgehende Inflation und die damit verbundene Geldpolitik.

"Die Zinsen sind extrem wichtig für Aktienrenditen, weil sie die risikofreie Alternative darstellen", erläutert der Finance-Professor. Wenn sie sinken, sei das für Aktionäre eine gute Nachricht, da sie gegenüber zinslastigen Finanzprodukten attraktiver werden. "In einer Rezession ist das meistens der Fall, weil die Zentralbanken die Konjunktur stabilisieren wollen."

Auch Hackethal verweist auf die Erwartungshaltung der Anlegerinnen und Anleger. "An der Börse wird die Zukunft gehandelt. Und gerade blicken die Investoren auf die Unternehmen und sagen, dass es weniger schlecht aussieht als noch vor ein paar Wochen", so der Ökonom. So habe sich der Eindruck verhärtet, dass die Inflation im Griff sei und die Zinsen bald fielen.

Unsicherheiten nehmen ab

Tatsächlich rechnen die meisten Marktteilnehmer damit, dass die Notenbanken ihre Leitzinsen in den kommenden Monaten wieder senken. Wann die Zinswende allerdings genau kommt, bleibt ungewiss. In der Eurozone wird die erste Zinssenkung im Juni erwartet. Auch in den USA geht aktuell dem Fed Watch Tool der CME Group zufolge eine knappe Mehrheit der Marktteilnehmer davon aus, dass die US-Notenbank Federal Reserve im Juni den ersten Schritt nach unten vollzieht.

"Bei niedrigeren Zinsen sind die zukünftigen Gewinne der Konzerne heute mehr wert und Investitionen günstiger", sagt Fachmann Hackethal. Durch die besseren Profitaussichten, günstigere Kredite und eine höhere Nachfrage seien die Weichen somit auf Wachstum und Innovation gestellt - wovon vor allem die mächtigen Großkonzerne profitieren.

Auch darüber hinaus habe mittlerweile die Unsicherheit abgenommen. Denn die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs und weiterer geopolitischen Spannungen seien mittlerweile eingepreist. "Die Angst der Manager in den Großkonzernen vor durchschlagenen Risiken hat abgenommen. Sie können solider planen", so Hackethal.

Claudia Wehrle, ARD-Finanzredaktion, tagesschau, 26.02.2024 12:28 Uhr