Die Luftaufnahme aus einem Flugzeug zeigt Trockenschäden auf einem Getreidefeld in Südniedersachsen | Bildquelle: dpa

Schäden in der Landwirtschaft Dürrehilfe mit Nebenwirkungen

Stand: 22.08.2018 16:36 Uhr

Durch die Dürre gab es weniger Getreide, doch das konnten die Bauern teurer verkaufen. Dass Landwirte nun bis zu 340 Millionen Euro bekommen, führe zu mehr Bürokratie und bremse notwendige Reformen aus.

Von Werner Eckert, SWR

Die Trockenheit trifft die Bauern schwer. Weniger Weizen und vor allem weniger Futter für die Tiere, das sind deutliche Schäden. Doch sie sind regional sehr unterschiedlich ausgeprägt und weniger Ertrag bedeutet auch nicht automatisch weniger Geld in den Kassen der Bauern. Denn die Preise für die Produkte steigen.

Die Gefahr bei staatlichen Zahlungen ist, dass sie erstens nicht bei den Notleidenden ankommen und zweitens eine nötige Anpassung an veränderte Klimabedingungen verhindern.

Verwirrende Zahlen

Die Zahlen, mit denen die Hilfen begründet werden, sind eher verwirrend: Der Deutsche Bauernverband operiert mit sehr verschiedenen Bezugsgrößen und sendet die zentrale Botschaft: 26 Prozent weniger Getreide - gegenüber dem fünfjährigen Durchschnitt.

Doch der liegt laut statistischem Bundesamt deutlich niedriger, als ihn der Bauernverband angibt. Pro Hektar tatsächlicher Anbaufläche sind es dann etwa 20 Prozent weniger Ertrag (ohne Körnermais). Beim Raps führen Fachleute die kleinere Ernte keineswegs nur auf die Dürre zurück, viel mehr auch auf Schädlinge. Das geht jetzt mit in die Rechnung ein.

Der Markt funktioniert

Die Schäden für Rindviehhalter und Milchbauern sind zudem nur ungenau zu erfassen. Denn wie viel Heu oder Silage ein Bauer eingefahren hat, hält er bestenfalls für sich selbst fest. Dass es in vielen Betrieben wenig Futter zu ernten gibt, steht außer Frage. Aber das sind schlechte Voraussetzungen für eine Entschädigung und wird zu extremer Bürokratie bei der Umsetzung führen.

Allerdings zählt für das Betriebsergebnis der Landwirte nicht nur die Menge, sondern auch die Preise für ihre Produkte. Und da ergibt sich ein verändertes Bild. Der Weizenpreis liegt ca. 20 Prozent über dem des Vorjahres - er ist Ende Juni steil nach oben gegangen. Eine Folge der schwachen Ernte und ein Signal, dass hier der Markt funktioniert. Denn das schwache Angebot führt zu steigenden Preisen.

Futterknappheit und Biogasproduktion passt nicht zusammen

Auch beim Raps hat es diesen aktuellen Preisanstieg gegeben und das ist bemerkenswert, denn bei normalen Erträgen wäre der Preis - so wie der von Soja - vermutlich in den Keller gerasselt. Unterm Strich: Ein größerer Teil der Mengenverluste wird durch höhere Preise wieder ausgeglichen. Umgekehrt ist es beim Futter, das objektiv knapp ist - in Deutschland wie auch in den Nachbarländern.

Hier machen die Verkäufer das Geschäft - also genau jene, die durch die Dürre nicht so betroffen sind. Wenn es Staatshilfen gibt, dann wissen sie, dass die Viehhalter flüssig sind. Und das treibt die Preise. Auch das eine normale Marktreaktion. Der Aufschlag wird aber auf der anderen Seite auch nicht ausreichen, um den Biogasanlagen Konkurrenz zu machen. Tatsächlich suchen die einen händeringend Futter und die anderen machen mit Mais Strom - weil das mehr bringt.

Landwirte im Norden und Osten brauchen Hilfe

Hinzu kommt: Die Schäden sind je nach Region sehr unterschiedlich. Rheinland-Pfalz und das Saarland wollen sich am Bundesprogramm gar nicht beteiligen, weil sie keine Notwendigkeit dafür sehen. Dort sind die Getreideerträge durchschnittlich. Im gesamten Süden und Westen gibt es Ertragseinbußen, die aber innerhalb der normalen Streuung der Jahre liegen. Stark betroffen sind dagegen der Norden und Osten, vor allem Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein.

Wenn der Bund und die Länder jetzt insgesamt 340 Millionen Euro als Nothilfe zahlen, dann wirft das zudem die Frage auf, ob hier nicht der Staat den Bauern ein normales unternehmerisches Risiko abnimmt. Tatsächlich haben sich die Rahmenbedingungen für Bauern in den letzten Jahren verschärft. Zum einen sind die Preisstützungen und Quoten der EU weggefallen. Die europäischen Bauern sind mehr und mehr Weltmarkt-nahen Verhältnissen ausgesetzt. Das bedeutet, dass die Preise schneller und heftiger schwanken denn ja.

Bauern müssten umdenken

Außerdem sorgt der Klimawandel dafür, dass das Anbaurisiko steigt. Beides erfordert eine neue Art des Risiko-Managements. Rücklagen in Form von Geld wie auch Futtervorräten etwa. Mehr noch: die Landwirtschaft muss krisenfester werden, sagen Fachleute. Und dabei geht es nicht nur um das Thema Dürre und eine simple Anpassung mit dürreresistenten Sorten.

2017 gab es im Obstbau erhebliche Verluste durch Spätfrost, vor zwei Jahren große Probleme mit heftigen Niederschlägen im Frühsommer. Deshalb sagen Fachleute: die Produktpalette muss wieder breiter werden.

Die Botschaft: weiter wie bisher

So hat etwa die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft, einst Speerspitze der Spezialisierung, in ihren neuen Thesen zur Landwirtschaft 2030 eine Kehrtwende gefordert: Mehr Abwechslung auf den Äckern sei gut für die Artenvielfalt - macht aber auch die Betriebe krisenfester, heißt es da. Und die Zahl der Tiere sollte stärker an die Futterfläche angepasst sein. Staatliche Hilfsgelder könnten nun das Signal sein: Es kann weiter gehen wie bisher. Sie gefährden diese Anpassung.

Über dieses Thema berichtete am 22. August 2018 tagesschau24 um 12:00 Uhr und die tagesschau um 15:00 Uhr.

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