Eine Frau im Homeffice am Schreibtisch | Bildquelle: dpa

Debatte um Vorgaben Wie viel Homeoffice ist tragbar?

Stand: 08.01.2021 12:40 Uhr

Im Zuge der Pandemie hat das Arbeiten von zu Hause massiv zugenommen - für Wirtschaftexperten nur eine Notlösung. Von gesetzlichen Vorgaben raten sie ab. Nicht nur Gewerkschaften fordern hingegen klare Regeln.

Vor Beginn der Corona-Pandemie war Homeoffice die Ausnahme, nun ist die Arbeit im heimischen Wohnzimmer oder am Küchentisch für viele zum Alltag geworden. Da der Lockdown nun bis Ende Januar verlängert wurde, appellierten Bund und Länder an die Arbeitgeber, großzügige Homeoffice-Möglichkeiten zu schaffen. Doch hilft dieser Aufruf wirklich weiter?

Wenn es nach den Grünen geht, sollte die Politik den Firmen Vorgaben machen, anstatt ihnen gut zuzureden. "Es muss endlich klar gemacht werden, dass - wo immer es möglich ist - ein Recht auf Homeoffice gilt", mahnte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. Es dürfe nicht den Arbeitnehmern überlassen werden, sich das mühsam zu erkämpfen. Eine halbherzige Bitte an die Arbeitgeber, wie sie von der Regierung komme, reiche nicht aus, fügte sie hinzu.

10,5 Millionen Berufstätige im Homeoffice

Aktuell arbeitet jeder vierte Berufstätige ausschließlich im Homeoffice, wie eine repräsentative Befragung im Auftrag des Digitalverbandes Bitkom von Anfang Dezember ergab. Das entspreche 10,5 Millionen Berufstätigen. Auf weitere 20 Prozent treffe das zumindest teilweise zu. Vor dem Beginn der Pandemie hatten demnach nur drei Prozent der Berufstätigen ausschließlich im Homeoffice gearbeitet, weitere 15 Prozent teilweise.

"Für die gesamte Dauer der Pandemie ist es ein zwingendes Gebot, ausschließlich im Homeoffice zu arbeiten, sofern es die berufliche Tätigkeit zulässt", sagte Bitkom-Präsident Achim Berg der Nachrichtenagentur dpa. Alle Arbeitgeber seien gefordert, großzügige Regelungen zu schaffen, um ihrer Verantwortung in dieser historischen Situation gerecht zu werden. "Das gilt insbesondere für öffentliche Arbeitgeber, die mit gutem Beispiel vorangehen müssen." 

"Falscher Ansatz"

Nach Einschätzung des Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, würde die Bundesregierung mit gesetzlichen Vorgaben zum Homeoffice mehr Schaden anrichten als helfen. "Fast 60 Prozent der Beschäftigten in Deutschland können nicht von zu Hause aus arbeiten, häufig weil ihre Arbeit einen Dienst an anderen Menschen beinhaltet. Unternehmen haben bereits jetzt zu kämpfen, diese Pandemie zu überleben,", sagte er der dpa. Die Regierung sollte Unternehmen und Beschäftigte in der Krise stärker unterstützen.

Oliver Stettes vom Institut der deutschen Wirtschaft sieht das Homeoffice derzeit eher als eine Notmaßnahme: "Die Diskussion um Regelungen sollte sich auf das Homeoffice im Regelbetrieb beziehen. Dazu gehören dann auch Fragen der Erreichbarkeit und der technischen Ausstattung." Ein Rechtsanspruch sei der falsche Ansatz. "Homeoffice kann nur produktiv sein, wenn beide Seiten das für sinnvoll erachten, Arbeitnehmer und Arbeitgeber."

Warnung vor "Lohndiebstahl"

Gewerkschaften fordern hingegen klare Regeln. "Niemand will die Arbeit am Band bei Daimler oder die Altenpflege ins Homeoffice verlagern", sagte der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann. "Aber da, wo mobiles Arbeiten möglich ist, sollte man den Menschen einen Anspruch auf mehr Zeitautonomie gewähren."

Das beinhalte beispielsweise das Recht auf Nichterreichbarkeit oder eine geregelte Arbeitszeiterfassung. "In Deutschland werden jährlich mehr als eine Milliarde Überstunden geleistet, die von den Arbeitgebern nicht entlohnt werden. Das ist nichts anderes als Lohndiebstahl. Das darf sich durch mehr Homeoffice nicht weiter verschlimmern", sagte Hoffmann. "Oft wünschen sich Beschäftigte mobiles Arbeiten, aber der Arbeitgeber erfüllt ihnen diesen Wunsch nicht", sagte Verdi-Chef Frank Werneke.

Genau da will Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) ansetzen. Ein Gesetzentwurf sieht vor, dass Arbeitnehmer das Recht bekommen sollen, einen Wunsch nach regelmäßigem mobilen Arbeiten mit ihrem Arbeitgeber zu erörtern. Ein ursprünglich angedachtes Recht auf Homeoffice allerdings ist nicht mehr geplant. Die Union ist dagegen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Dezember 2020 um 18:40 Uhr.

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