Chinesische Frauen laufen durch einen Luxuspalast in Peking.

Wachsendes Wohlstandsgefälle Chinas Reiche werden immer reicher

Stand: 24.05.2016 16:32 Uhr

Nur in Südafrika und Brasilien ist es noch schlimmer: Im kommunistischen China wächst die Kluft zwischen Arm und Reich - wobei die reichsten Chinesen in der Regierung sitzen. Daher wird sich an der Ungleichheit im Land wohl auch so schnell nichts ändern.

Von Sebastian Hesse, ARD-Studio Shanghai

Oft sind es nur wenige Schritte, dann hat man in Shanghai die Welt der glamourösen Mega-Malls hinter sich gelassen - und steht in einem kleinen, traditionellen Ecklädchen. "Die Preise sind zum verrückt werden", schimpft eine Rentnerin. Fleisch, Gemüse - alles werde langsam unbezahlbar. "Wir Alten schlagen uns irgendwie durch", meint sie, "aber wenn man Kinder satt kriegen muss ..."

Seit Chinas Reiche immer reicher werden, explodieren auch die Preise. In dem kommunistischen Land gibt es geschätzte 600 Dollar-Milliardäre - und mehr als drei Millionen Millionäre. Das sozialwissenschaftliche Institut der Uni Peking berechnete, dass ein Prozent der Bevölkerung inzwischen ein Drittel des chinesischen Gesamtvermögens besitzt, während sich das einkommensschwächste Viertel ein mageres Prozent des immensen Wohlstands teilen muss.

Die Schere öffnet sich immer weiter

Seit der Öffnung des kommunistischen Riesenlandes Ende der 1970er-Jahre nahm die Ungleichheit in einem Maße zu, dass der soziale Frieden allmählich auf dem Spiel steht, warnt Hu Xingdou. Professor Hu unterrichtet Wirtschaftswissenschaften an der Beijing University of Science and Technology. "Das Wohlstandsgefälle ist enorm. Der Gini-Koeffizient, ein Index für die Kluft zwischen Arm und Reich, lag schon vor zehn Jahren bei über 0,4. Jetzt dürfte er zwischen 0,5 und 0,7 liegen."Die 0 steht beim Gini-Koeffizienten für totale Gleichheit, die 1 für vollständige Ungleichheit. "Ab 0,4 ist beim Gini die rote Linie überschritten, dann steigt das Risiko für Gewalt und Proteste in einer Gesellschaft", so der Ökonom weiter.

Weltweit ist der Gini nur in Südafrika und Brasilien höher als in China. Professor Hu glaubt, dass sich der Trend nicht schnell stoppen lässt. "Die meisten Menschen in China haben keine Chance auf gesellschaftlichen Aufstieg." Nach den Maßstäben von Weltbank und UN lebe die Bevölkerungsmehrheit dauerhaft in Armut.

Armut in Shanghai
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Arm und ...

Glitzerfassaden in Shanghai
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... reich in Shanghai

Die reichsten Chinesen gehören zur Regierung

Das kann man sich kaum vorstellen, wenn man den Reichtum erlebt, der in den Straßen von Shanghai und Peking zur Schau getragen wird. Und nicht nur das: Der eigentliche Wohlstand wird im Verborgenen generiert: "Die reichsten Leute in China sitzen in der Regierung", sagt Hu. "Sie missbrauchen ihre Stellung, um anderen das Geld wegzunehmen. Das sind die unsichtbaren Reichen!"

Doch auch die Regierung sorgt sich mittlerweile um die sozialen Folgen der immer weiter auseinander klaffenden Schere. Bereits 2013 versuchte Peking gegenzusteuern: Mit einem höheren Mindestlohn für Arme und einer Luxussteuer für Reiche. Das wird nicht reichen, sagt Professor Hu. "Um den Wohlstand gerechter zu verteilen, müssten zunächst viele der hochsubventionierten Staatsbetriebe dichtgemacht werden. Und wir brauchen eine Steuerreform: Der chinesische Steuerzahler berappt mindestens so viel wie in den skandinavischen Ländern. Aber dem steht kein vergleichbares Sozialsystem gegenüber."

Korruption und Vetternwirtschaft

Das sickert allmählich auch bei der Pekinger Führung ein: Deren aktueller Fünf-Jahres-Plan zielt auf Bildung für alle und ein bezahlbares Gesundheitssystem. Doch angesichts von Korruption und Vetternwirtschaft ist das nicht genug, betont Professor Hu: "China braucht politischen Wandel. Nur Demokratie und Rechtsstaatlichkeit können die Unzulänglichkeiten des Kapitalismus korrigieren." Der Volkswirt weiß um die bittere Ironie des China von heute: Die marktwirtschaftlichen Reformen haben die Volksrepublik zu einem der ungleichsten Staaten der Welt gemacht. Mangels demokratischer Kultur lehnt sich dagegen bislang niemand auf.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Mai 2016 um 05:45 Uhr

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