Blick auf den BASF-Verbundstandort Zhanjiang in der südchinesischen Provinz Guangdong.  | picture alliance / Xinhua News A
Analyse

Deutsche Industrie und China Gefährliche Abhängigkeiten

Stand: 04.11.2022 10:22 Uhr

Viele deutsche Großkonzerne investieren weiterhin massiv in den chinesischen Markt. Doch Experten warnen: Das China-Geschäft wird zunehmend zu einer Frage der nationalen Sicherheit.

Von Eva Lamby-Schmitt und Marie von Mallinckrodt, ARD-Studios Shanghai und Peking

Seit fast drei Jahren sind die Grenzen nach China aufgrund der Corona-Pandemie de facto geschlossen. Vor allem einen Sektor der deutschen Wirtschaft bremst das in seiner Investitionsfreude ganz offenbar nicht. Gregor Sebastian vom Mercator-Institut für China-Forschung beschäftigt sich mit der deutschen Abhängigkeit von China. "Allein im vergangenen Jahr waren über 40 Prozent der gesamteuropäischen Investitionen in China allein auf den deutschen Automobilsektor zurückzuführen", sagt der Experte. Der Volkswagen-Konzern macht die Hälfte seiner Gewinne in China. Überdies: China ist der größte Handelspartner Deutschlands, schon seit Jahren. Daher ist die Position der deutschen Außenhandelskammer in Shanghai nicht verwunderlich. Der Besuch von Kanzler Scholz sei richtig, so deren Chefrepräsentant Maximilian Butek.

Die Liste der Herausforderungen der in China tätigen deutschen Unternehmen ist lang. Die strikten Corona-Beschränkungen machen Geschäftsreisen innerhalb Chinas, aber auch vom Ausland nach China fast unmöglich. Persönlicher Austausch fehlt. Wiederkehrende Lockdowns führen dazu, dass Fabriken nicht produzieren können.

Ungleicher Zugang zum Markt

Unternehmen beklagen außerdem immer wieder ungleichen Zugang zum Markt. Zum Beispiel werden chinesische Staatsunternehmen bevorzugt, wenn es um Bankkredite oder öffentliche Ausschreibungen geht. Reziprozität sei sehr wichtig, auch was gegenseitige Investitionen betrifft, so Butek: "Wir sollten hier klare Forderungen stellen. Wenn wir offen sind für chinesische Investitionen, was wir sein sollten, dann muss das gleiche auch für deutsche und europäische Unternehmen gelten. Deshalb ist hier der Zusammenschluss der EU so wichtig. Denn Deutschland selbst ist mit seinen 80 Millionen Einwohnern zu klein, um einen wirklichen Gegenpol zu setzen."

Es gibt in China eine sogenannte Negativliste, die ausländische Investitionen in bestimmten Branchen verbieten oder einschränken. Zum Beispiel ist es verboten, in den Abbau und die Verarbeitung von seltenen Erden zu investieren. Auch in der Landwirtschaft gibt es beispielsweise Beschränkungen bei bestimmten Weizensorten.

BASF, Aldi und VW wollen in China expandieren

In den Branchen, in denen es geht, investieren deutsche Unternehmen massiv in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. So baut der Chemiekonzern BASF im südlichen Landesteil Guangdong zurzeit ein 10 Milliarden teures Werk. Der deutsche Lebensmittel-Discounter Aldi will in China Hunderte neue Geschäfte öffnen. Und es werden weiter neue Autowerke gebaut. Denn in der Automobilbranche hat China den Markt geöffnet und die Investitionsgrenzen für ausländische Hersteller abgeschafft. Es gibt intensive Zusammenarbeit, auch in Forschung und Entwicklung. Volkswagen etwa hält Anteile an dem chinesischen Batteriezellenhersteller Gotion Hightech.

Das Unternehmen ist beispielhaft dafür, wie China gerade bei Zukunftstechnologien immer mehr Marktmacht ergattert. Der Plan ist, weiter zu wachsen, auch in Deutschland. Steven Cai, Vize-Präsident von Gotion Hightech, sagt: "Ich freue mich darauf, in Europa weiter zu expandieren. Zusätzliche Niederlassungen zu gründen, um VW und anderen Kunden zu unterstützen." Der Hersteller wird auch bei den Gesprächen der Wirtschaftsdelegation aus Deutschland dabei sein, die Kanzler Scholz in China begleitet.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie warnt allerdings vor weiterer Abhängigkeit in der Automobilindustrie. Die deutsche Abhängigkeit von seltenen Erden und Lithium, das es für Batterien für E-Autos etwa braucht, sei bereits größer als bei russischem Gas. Für Gregor Sebastian vom Mercator-Institut ist daher klar: "Wir sollten stärker auf Diversifizierung setzen. Solche Geschäftsdelegationen mit dem Kanzler sollte man auch in andere Länder lenken, zum Beispiel Indien, um hier neue Absatzmärkte und natürlich auch Partnerschaften mit lokalen Unternehmen zu schaffen."

Wenn es um kritische Infrastruktur geht

Die chinesischen Investitionen in Deutschland sind seit Jahren rückläufig - auch wenn einzelne Investitionen große öffentliche Aufmerksamkeit erregen. Rund um den geplanten Einstieg des chinesischen Staatsunternehmens Cosco in einen Containerterminal im Hamburger Hafen gibt es viel Kritik. Denn es handelt sich um kritische Infrastruktur.

Bei dem Deal gehe es nicht nur ums Geschäft, meint Max Zenglein vom Chinaforschungsinstitut Merics in Berlin: "Ein ganz zentraler Unterschied ist, dass wir nicht so tun können, dass ein Unternehmen wie Cosco ein ganz normales Logistikunternehmen ist. Dieser Vergleich hinkt sehr stark. Es ist ein zentrales staatseigenes Unternehmen und letztendlich ist es auch ein Instrument zur Erreichung strategischer Ziele der Regierung."

Daher gehe es im Umgang mit China zunehmend nicht nur um wirtschaftliche Risiken - sondern um die nationale Sicherheit.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 03. und am 04. November 2022 um 09:00 Uhr und um 10:00 Uhr.