Der neue Boeing-Chef David Calhoun  (Archivbild vom 26.01.2011) | Bildquelle: REUTERS

Neuer Boeing-Chef Calhoun übernimmt das Steuer

Stand: 13.01.2020 05:30 Uhr

Der krisengeschüttelte Flugzeugbauer Boeing bekommt einen neuen Chef. David Calhoun kennt das Unternehmen seit Jahren. Ist er der richtige, um es wieder nach vorne zu bringen?

Von Torsten Teichmann, ARD-Studio Washington

Kurz vor dem Antritt von David Calhoun als neuer Chef bei Boeing hat der Flugzeugbauer noch einmal Dokumente veröffentlicht. In einer der Nachrichten eines Angestellten heißt es, die 737Max sei ein Flugzeug entworfen von Clowns, die wiederum von Affen beaufsichtigt werden. Der Blödsinn sollte offenbar noch rechtzeitig von Bord, bevor Calhoun das Steuer in der Krise übernimmt.

Die Skepsis gegenüber dem 62-jährigen Manager ist in den USA zum Teil groß. Calhoun war seit 2009 Mitglied des Aufsichtsrats bei Boeing. Er habe in der Zeit nicht die Erfahrung gemacht, dass der Flugzeugbauer eine Unternehmenskultur hat, die Sicherheit zu Gunsten anderer Interessen opfert, erklärte er im Fernsehsender CNBC vergangenen November: "Wir können all die unabhängigen Arme des Unternehmens stärken, die dazu dienen, jede Entscheidung zugunsten der Sicherheit zu beurteilen. Das können wir machen und wir können die Kompetenz im gesamten Unternehmen erhöhen."

Ein Boeing 737 Max-Flugzeug in der Produktion.
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Ein Boeing 737 Max-Flugzeug in der Produktion.

 Mehr als 25 Jahre bei GE

Ist er also der Richtige? David Calhoun, genannt Dave, ist 1957 in Philadelphia im Bundesstaat Pennsylvania geboren. Er ist Absolvent der Virgina Tech University und heute einer der größten Spender des polytechnischen Instituts. Seinen ersten Job nach dem College erhielt er bei General Electric, kurz GE - einem Konglomerat von Unternehmen, lange Zeit vergleichbar mit dem deutschen Siemens-Konzern. 

In 26 Jahren bei GE stieg Calhoun zum Vizepräsidenten auf, in einer Zeit in der es vor allem um Effizienz und niedrigere Ausgaben ging. Ist er wirklich der Richtige für Boeing, fragt auch die "Washington Post". 

62 Millionen Dollar für den Vorgänger

In einem Interview mit dem US-Fernsehsender Bloomberg erklärte Calhoun, was er vom Chef eines börsennotierten Unternehmens verlangt. Das war vor zwei Jahren, Calhoun hatte längst das Unternehmen gewechselt. Er war Leiter des Portfoliogeschäfts bei der Investmentfirma BlackRock. "Einige Chefs sind bereit, mehr Risiko einzugehen, weil sie Erfolge dabei erleben. Andere lehnen Risiko ab und beginnen, nur noch zu bewahren. Bilanzen in jedem Quartal tragen dazu dabei, dass die Leute Risiko vermeiden. Aber das lehnen wir ab."

Risiko würde im Fall von Boeing bedeuten, das Hauptaugenmerk wieder auf Investitionen und Ingenieure zu richten, statt allein auf Börsenkurs, Anteilseigner und Vergütungen zu achten. Der gefeuerte Unternehmenschef Dennis Muilenburg geht zwar ohne Abfindung und Bonus für 2019, aber immer noch mit 62 Millionen US-Dollar nach Hause. 

Vertrauen zurückgewinnen

Dabei steckt der Flugzeugbauer seit dem Absturz von zwei Maschinen des Typs 737Max tief in der Krise. Bei den Unglücken kamen 346 Menschen ums Leben. Seit zehn Monaten bleibt die Baureihe am Boden.

Als neuer Chef hat nun Calhoun die Aufgabe übernommen, die Behörden zu überzeugen, eine veränderte 737Max wieder zuzulassen. Er muss Vertrauen der Fluggesellschaften zurückgewinnen und Entschädigungszahlungen in Milliardenhöhe erklären. Vor allem aber wird er die eigene Belegschaft von einem Neuanfang überzeugen müssen.

Boeing ist so entscheidend für die US-Wirtschaft, dass der Konzern schon allein wegen seiner bedeutenden Rüstungssparte aus US-Sicht nicht scheitern kann. Aber Calhoun muss nun beweisen, dass der Flugzeugbauer auch wieder abhebt.

Zukunft der 737Max offen

Ratschläge gibt es deshalb wirklich viele. Professor Vikas Mittal von der Rice University in Houston Texas verlangt im Interview mit der Nachrichtenagentur AP aber, dass Boeing den jetzt eingeschlagenen Weg beibehält. "Boeing muss seine Strategie fortsetzen, offen und transparent mit allen Beteiligten reden, einen roten Teppich ausrollen, wenn es um fortlaufenden Service und Unterstützung geht - und bei der Sicherheit die Anstrengungen verdreifachen."

Im Fernsehinterview vor zwei Monaten hatte Calhoun - anders als sein Vorgänger Muillenburg - vor zu viel Euphorie gewarnt und kein Datum für eine Rückkehr der 737Max in den Linienbetrieb genannt. Und selbst eine Neuzulassung wäre nur ein Anfang, so der Manager. "Die Rückkehr der Maschine in den Linienbetrieb beginnt mit der Zulassung, das allein ist aber kein Sieg. Wir müssen dann helfen, dass die Flugzeuge unserer Kunden wieder abheben. Und wir müssen die Flugzeuge ausliefern, die bereits gebaut worden sind. Das dauert lange, mindestens ein Jahr."

400 Flieger stehen offenbar am Produktionsstandort Seattle, die derzeit nicht ausgeliefert werden können. In wenigen Tagen wird Boeing die Produktion der 737Max vorübergehend ganz einstellen müssen.

David Calhoun tritt Amt als neuer Boeing-Chef an
Torsten Teichmann, ARD Washington
13.01.2020 06:38 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 13. Januar 2020 um 06:28 Uhr.

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