Nachzug "Nightjet" der ÖBB

Nachtzug von Berlin nach Paris Renaissance der Schlafwagen?

Stand: 11.12.2023 17:28 Uhr

Die Deutsche Bahn bietet zwar seit 2016 keine eigenen Nachtzüge mehr an, hat aber zuletzt ihre Kooperationen ausgebaut. So fährt heute eine nächtliche Bahn von Berlin nach Brüssel und Paris. Verbände fordern mehr Verbindungen.

Von Till Bücker, ARD-Finanzredaktion

Nach vielen Jahren Pause geht es heute Abend wieder mal im Schlafwagen von Berlin nach Paris und Brüssel: Mit dem gestrigen Fahrplanwechsel steht die beliebte Verbindung erstmals seit 2014 auf der Anzeigentafel der Deutschen Bahn. Eine Zughälfte fährt dabei über Nacht in die französische, die andere in die belgische Hauptstadt. Der Zug hält in Halle, Erfurt, Frankfurt und Straßburg - und wird unter anderem vom Chef der Deutschen Bahn, Richard Lutz, und Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) verabschiedet.

"Feiern die Renaissance der Nachtzüge"

"Als Teil der Nachtzug-Allianz mit unseren europäischen Partnerbahnen stärken wir die Schiene in Europa und feiern die Renaissance der Nachtzüge", schreibt die Bahn tagesschau.de. Konkret heißt das: In den kommenden Jahren will der Zusammenschluss der staatlichen Bahngesellschaften von Deutschland, Österreich, der Schweiz, Tschechien, Belgien, den Niederlanden und Frankreich 13 europäische Millionenmetropolen auf der Schiene über Nacht verbinden.

Schon seit Dezember des vergangenen Jahres gibt es den Angaben zufolge einige Erweiterungen der Verbindungen über Nacht mit Schlaf-, Liege- und Sitzwagen in Deutschland. So ist es möglich, zum Beispiel von Berlin nach Zürich, von Hamburg nach Wien oder von Stuttgart nach Venedig zu fahren. Zudem können Bahnreisende Züge von Stuttgart und München nach Zagreb oder Rijeka sowie von München nach Budapest nutzen.

Mit dem gestrigen Fahrplanwechsel seien jetzt in Deutschland 40 Städte an das europäische Nachtzugnetz angebunden, so die Bahn. Von heute an fährt der Nachtzug von Berlin nach Brüssel und Paris drei Mal pro Woche: immer montags, mittwochs und freitags. Ab Oktober 2024 soll der sogenannte Nightjet dann sogar täglich unterwegs sein. Betrieben wird die Verbindung von der Deutschen Bahn, den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), der französischen Staatsbahn SNCF sowie der belgischen NMBS/SNCB. Das Fahrzeug stammt von den ÖBB.

Freie Plätze für Nachtzug nach Paris erst wieder nach Weihnachten

Darüber hinaus gibt es neuerdings auch eine tägliche Verbindung mit Schlaf- und Sitzwagen von München über Rosenheim und Wien nach Warschau. Die Nachfrage nach Nachtzügen sei hoch, heißt es von der Deutschen Bahn. "Über die Feiertage sind die neuen Verbindungen sehr gut gebucht." Erst danach gebe es wieder "ausreichend freie Kapazitäten". "Grundsätzlich gilt: Sobald wir eine neue Nachtzugverbindung zusammen mit unseren Partnerbahnen aufnehmen, gibt es einen regelrechten Buchungsboom."

Selbst bietet die Bahn seit 2016 keine Nachtzüge mehr an, sondern lediglich gemeinsam mit ausländischen Bahnunternehmen. Dazu gibt es ICs und ICEs mit Sitzplätzen, die regelmäßig über Nacht unterwegs sind. "Es war richtig, dass wir seinerzeit als Anbieter ohne echte Kooperationen im Ausland aus dem Nachtzuggeschäft ausgestiegen sind", so ein Sprecher. Damals hieß es zur Begründung, das Geschäft sei nicht profitabel. Daraufhin hatten die ÖBB die letzten deutschen Schlafwagen aufgekauft, um sie zu renovieren.

Zudem ließ sie von Siemens moderne Schlafwagen entwickeln, die unter anderem abschließbare Einzelkabinen und Familienabteile bieten. Die günstigsten Sitzplätze kosten laut DB knapp 30 Euro. Nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa ist das geringste Angebot für eine Fahrt Anfang Januar derzeit allerdings knapp 45 Euro pro Person: für einen Sitzplatz inklusive Reservierung in der zweiten Klasse. In den Liegewagen reichen die Preise danach von rund 100 Euro bis zu mehr als 600 Euro. Im Schlafwagen mit Betten kostet eine Fahrt zwischen 165 Euro und 475 Euro.

Nachfrage erheblich größer als das Angebot

Neben den staatlichen Eisenbahngesellschaften bieten inzwischen auch mehrere private Unternehmen Nachtzüge an: Das schwedische Unternehmen Snälltåget verbindet Berlin und Stockholm, in Großbritannien gibt es den Caledonian Sleeper. Das wachsende Interesse an Nachtzügen beobachtet auch der Verband Allianz pro Schiene. "Nachtzüge werden in Deutschland und ganz Europa immer beliebter - ungefähr seit 2016 sehen wir eine Trendwende", berichtet Geschäftsführer Dirk Flege gegenüber tagesschau.de. Inzwischen gebe es rund 90 Nachtzugverbindungen in Europa, mit steigender Tendenz.

"Wir bräuchten deutlich schneller als bisher weitere neue Verbindungen - und das am besten zu attraktiven Preisen", fordert Flege daher. Denn die Nachfrage sei erheblich größer als das Angebot. Das führe dazu, dass Reisende bei der Buchung früh dran sein müssten. Zudem sei der Prozess durch mehrere Plattformen sehr zeitaufwändig.

Eine Renaissance der Nachtzüge sei aber "kurzfristig kaum möglich", so der Geschäftsführer des Interessenverbands. "Selbst wenn sich die DB heute entscheiden würde, mit neuen Fahrzeugen wieder in den Markt einzusteigen - was die Allianz pro Schiene sehr begrüßen würde -, bräuchte es mindestens vier bis fünf Jahre, bis das Angebot letztendlich auf der Schiene wäre."

"Brauchen könnten wir noch deutlich mehr", antwortet auch Detlef Neuß, Bundesvorsitzender beim Fahrgastverband Pro Bahn, auf die Frage nach dem Bedarf von Nachtzügen. Etwa bei Geschäftskunden gehe der Trend aktuell wieder in Richtung nächtliche Verbindungen, weil es bequemer sei und man ausgeruht am Morgen ankomme - obwohl wenn es länger dauere.

Verfügbarkeit und Preise von Trassen ein Problem

Auch deshalb seien die Kapazitäten gut ausgelastet, und es sei schwierig, an einen Platz in einem Schlafwagen zu kommen, so Neuß. "Man muss schon rechtzeitig buchen: Der Plan, morgen mal mit einem Nachtzug zu fahren, dürfte schiefgehen." Allerdings sei es nicht unbedingt einfach, neue Nachtzüge auf die Schiene zu bringen - auch wegen Güterzügen, die bei Dunkelheit unterwegs sind.

So müssten erst einmal Trassen - sprich die Berechtigung, eine bestimmte Strecke im Schienennetz zu nutzen - verfügbar sein. "Da sind wir wieder beim Thema Sanierung und Ausbau des Netzes, wo in den vergangenen Jahren viel zu wenig passiert ist", sagt Neuß. Außerdem müssten die Preise für die Trassen deutlich abgesenkt werden, da es in Deutschland im europäischen Vergleich besonders teuer sei, ergänzt die Sprecherin von Allianz pro Schiene.

Darüber hinaus sei es wichtig, "die Mehrwertsteuer auf grenzüberschreitende Bahntickets zu streichen", so Dirk Flege von Allianz pro Schiene. Sie liege bei sieben Prozent, während auf Flugtickets keine erhoben werde. Apropos: Auch im grenzüberschreitenden Fernzug-Angebot der Bahn gibt es Änderungen. So wurde die ICE-Strecke zwischen Berlin und Wien bis nach Hamburg verlängert. Zudem fährt künftig jeden Tag ein ICE von Berlin über Frankfurt am Main und Stuttgart nach Innsbruck.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Dezember 2023 um 17:46 Uhr.