Amazon Flex-Vertragsnehmer beim Packen seines privaten PKW mit Amazon-Pakteten | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Anwerbung über Amazon Flex Womit Amazon seine Fahrer anlockt

Stand: 22.02.2022 08:16 Uhr

Amazon liefert viele Pakete in Deutschland mit seinem eigenen Lieferdienst aus. Häufig kommen dabei selbstständige Fahrer zum Einsatz. Die dabei kalkulierte Bezahlung von 25 Euro pro Stunde wirkt nur auf den ersten Blick attraktiv.

Dank der rasanten Zuwachsraten des Online-Handels kennt auch ein Großteil der Erwachsenen in Deutschland die Website des Marktführers Amazon. Weniger bekannt ist der Dienst "Amazon Flex" des US-Konzerns. Denn auf der dazu gehörenden Webseite können Interessierte keine Produkte kaufen, sondern sich darüber informieren, wie sie Amazon ihre Arbeitskraft anbieten können.

"Verdiene in deiner Freizeit Geld dazu" als Widerspruch?

Die Tätigkeit wird dabei in blumigen Wort beschrieben: "Verdiene in deiner Freizeit Geld dazu", heißt es. "Mach es auf deine Weise. Fahr mit deinem Auto, höre deine Musik und werde dafür bezahlt." Als Verdienst winken nach Amazon-Angaben Verdienste von 25 Euro je Stunde. Basis für diese Kalkulation sind demnach Zustellblöcke mit einem jeweils vorab geschätzten Zeitaufwand für die Auslieferung der darin enthaltenen Pakete.

Der angegebene durchschnittliche Stundenlohn beträgt gut das Zweieinhalbfache des derzeit in Deutschland gültigen gesetzlichen Mindestlohns von 9,82 Euro. Selbst nach den beiden geplanten Erhöhungen im laufenden Jahr auf letztlich 12,00 Euro Anfang Oktober läge der von Amazon in Aussicht gestellte Verdienst bei mehr als dem Doppelten des dann gültigen Mindestlohns. Das erscheint nicht schlecht für eine ungelernte Tätigkeit.

Doch es gibt eine ganze Reihe von Einschränkungen, die Interessenten bedenken sollten. Die in Aussicht gestellten 25 Euro Durchschnittsverdienst pro Stunde decken etwa nicht die Anfahrt zum Auslieferungslager und die Heimfahrt nach dem letzten ausgelieferten Paket ab.

Weiterhin unterscheidet sich diese Arbeit in einigen Punkten entscheidend von den Tätigkeiten beispielsweise in den Versand- und Logistikzentren von Amazon. Für Amazon Flex zu arbeiten, ist nicht mit einer Festanstellung zu vergleichen. Es gibt keine zugesagte Mindestarbeitsdauer. "Es handelt sich nicht um eine Vollzeittätigkeit", heißt es dazu von Amazon. Und: Die Fahrer agieren als Selbstständige. Für Kranken-, Renten- oder Arbeitslosenversicherung müssen sie also selbst aufkommen- Auch das gilt es bei der Einordnung des angebotenen Verdienstes zu berücksichtigen.

Hohe Kosten

Außerdem müssen Interessenten ein Gewerbe anmelden und den Gewerbeschein spätestens 90 Tage nach Beginn der Tätigkeit bei dem Unternehmen einreichen. Das Fahrzeug zum Transport der Pakete muss der Mitarbeiter ebenfalls selbst stellen. Dazu kommen die Kosten für die Abnutzung und den Unterhalt wie zum Beispiel eine höhere Kraftfahrzeugversicherung wegen des gewerblichen Einsatzes. Auch die Kraftstoffkosten und alle weiteren Aufwendungen wie beispielsweise Strafzettel gehen auf das Konto des Auslieferfahrers.

Darüber hinaus ist eine Pflichtmitgliedschaft in der Berufsgenossenschaft (BG) Verkehr mit einem Jahresbeitrag von 62 Euro zu erwarten. Die Ausnahmen sind hier Fahrer, die nur sehr wenige Tage im Jahr als Auslieferungsfahrer unterwegs sind.

Großes Haftungsrisiko

Experten empfehlen auch, sich mit einer Berufshaftpflichtversicherung gegen Haftungsrisiken abzusichern. "Falls bei der Auslieferung ein Paket beschädigt oder verloren geht, trägst du die Verantwortung", gibt Amazon Flex auf der Website zu bedenken.

Der Dienst ist bei Bewerbern nicht unumstritten. So bemängeln einige Interessenten auf Bewertungsportalen, dass sie trotz eines vorgelegten einwandfreiem Führungszeugnisses und einer Gewerbeanmeldung keine Aufträge ergattern konnten. Die Kosten für eingereichte Dokumente würden auch in diesem Fall nicht erstattet. Offenbar benötigt Amazon nicht zu jedem Zeitpunkt an jedem Standort auch tatsächlich neue Fahrer.

Kritik von ver.di

Kritik kommt auch von ver.di. Die Gewerkschaft sieht besonders die Beschäftigung einer großen Zahl von Auslieferungsfahrern ohne Anstellung kritisch. "Die große Zahl an Logistik-Partnern, die das Unternehmen in seinem Kerngeschäft einsetzt, verhindert große Belegschaften und in der Folge Betriebsratsgründungen und Tarifbindung", so die stellvertretende ver.di-Vorsitzende Andrea Kocsis.

Zudem müssten die Sozialversicherungsträger bei allen Amazon-Flex-Fahrern Statusfeststellungsverfahren einleiten, um Scheinselbstständigkeiten aufzudecken und zu beenden. Etwa in Spanien hatte die dortige Regierung Amazon im Jahr 2020 angewiesen, 3000 bis dato selbstständige Auslieferungsfahrer fest anzustellen. Ob es hier auch so weit kommt, bleibt abzuwarten.

Über dieses Thema berichtete NDR Hamburg Journal am 01. September 2021 um 18:00 Uhr.