Angela Merkel (Archivbild: Oktober 2021) | dpa
Kommentar

Zapfenstreich für Merkel Wir werden sie noch vermissen

Stand: 02.12.2021 04:12 Uhr

Die 16-jährige Amtszeit von Kanzlerin Merkel geht in der kommenden Woche zu Ende. Am Abend verabschiedet sich schon mal die Bundeswehr mit einem Großen Zapfenstreich von ihr. Wir werden sie noch vermissen.

Ein Kommentar von Martin Ganslmeier, ARD-Hauptstadtstudio

Zwei Wochen länger im Amt - und Angela Merkel hätte auch noch den Rekord von Helmut Kohl als Kanzler mit der längsten Amtszeit geknackt. Den hat sie knapp verpasst. Aber anders als bei Kohl und Adenauer hatten die Bürger in Merkels letztem Amtsjahr nicht dieses bleierne Gefühl, es sei höchste Zeit, dass sie geht. In der Beliebtheitsskala deutscher Politiker liegt sie klar auf Platz eins - keine Selbstverständlichkeit nach 16 Jahren im Amt.

Martin Ganslmeier ARD-Hauptstadtstudio

Dennoch lebt die Demokratie vom Wechsel. Und ja, in Merkels Amtszeit ist manches liegen geblieben, was die Ampel nun als "Fortschrittskoalition" anpacken will: Digitalisierung und Klimaschutz sind nur zwei Beispiele, bei denen Deutschland dringend mehr Tempo braucht. Trotzdem können wir dankbar sein, dass Angela Merkel unser Land in den vergangenen 16 Jahren sicher durch stürmische Zeiten geführt hat: mit ruhiger Hand, hoher Sachkenntnis und einem ungeheuren Arbeitspensum.

"German Mutti" und "Kompromissmaschine"

Wird sie in künftigen Geschichtsbüchern in einer Reihe mit Kohl, Brandt und Adenauer erwähnt? Ja. Und das nicht nur, weil sie die erste Frau in diesem Amt war und aus der DDR kam. Selten hatte ein Kanzler so viele Krisen zu bewältigen: Finanz- und Bankenkrise, Euro-Krise, Ukraine-Krieg, Brexit, Flüchtlingskrise und Corona-Pandemie. Erschütterungen, die in anderen Demokratien zu wirtschaftlichen Verwerfungen und zum Aufstieg von Populisten führten. Merkels Krisenmanagement hat dazu beigetragen, dass Deutschland wirtschaftlich stark und politisch stabil blieb. Dank solider Finanzen konnten die Folgen der Corona-Pandemie abgefedert werden.

Viele Länder haben uns um die "German Mutti" im Kanzleramt beneidet. Dass Deutschland heute hohes Ansehen in der Welt genießt, ist auch Merkels Verdienst. Sie war der Gegenentwurf zu populistischen Machos wie Trump, Putin oder Erdogan. Flammende Reden und charismatische Visionen waren nicht ihr Ding. Dafür galt sie auf internationaler Bühne als begnadete Vermittlerin. Auch kleine Länder konnten sich auf Merkels Wort verlassen. Luxemburgs Ministerpräsident nannte sie eine "Kompromissmaschine". Selbst mit schwierigen Rivalen wie Putin oder Chinas Staats- und Parteichef ließ sie den Gesprächsfaden nicht abreißen.

Uneitel und kein einziger Skandal

Merkels Schwächen sind bekannt: Selten kommunizierte sie so gut und beherzt wie zu Beginn der Corona-Krise. Weil sie manche Entscheidung für "alternativlos" hielt, verkümmerte nicht nur in ihrer Partei die Debattenkultur. Und dennoch: 16 Jahre blieb sie im Amt - bis zuletzt uneitel und ohne einen einzigen Skandal. Auch das ist selten in der Politik. Die Bundesrepublik hatte meist Glück mit ihren Kanzlern. Auf Angela Merkel trifft diese Einschätzung besonders zu.

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. Dezember 2021 um 12:00 Uhr.