Reiner Haseloff zeigt einen Glücksbringer.  | dpa
Kommentar

Wahl in Sachsen-Anhalt So viel Amtsbonus war wohl nie

Stand: 06.06.2021 22:25 Uhr

Dass die Wahl in Sachsen-Anhalt so gut für die CDU ausging, liegt vor allem an Ministerpräsident Haseloff. Das Ergebnis zeige, dass die Ostdeutschen einen Demokratietest bestanden haben.

Ein Kommentar von Kristin Schwietzer, ARD-Hauptstadtstudio

So geht Demokratie! Allen Unkenrufen zum Trotz. Endlich reden wir heute mal nicht über das schwierige Verhältnis der Ostdeutschen zur Demokratie. Die Menschen in Sachsen-Anhalt haben gewählt und dem Ministerpräsidenten gleich mehre demokratische Optionen auf den Tisch gelegt.

Kristin Marie Schwietzer ARD-Hauptstadtstudio

Das war am Ende eine Entscheidung zwischen CDU und AfD. Der Sieger heißt Reiner Haseloff. Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt hat seinen Amtsbonus auf den letzten Metern ausgespielt. So viel Amtsbonus war wohl nie. Und er war bitter nötig.

Haseloff und seine CDU haben die AfD auf Platz 2 verwiesen. Anders als 2016 mit deutlichem Abstand. Armin Laschet hat seine Feuertaufe als Kanzlerkandidat überstanden. Und er verdankt das vor allem dem Ministerpräsidenten, der ihm bei der K-Frage die Gefolgschaft verweigert hat.

Der Protest hat sich eine neue Heimat gesucht

Im Adenauer-Haus spricht man jetzt vom großen großen Rückenwind für die Bundestagswahl. Dass der ausgerechnet aus Ostdeutschland kommt, hätte vor ein paar Tagen wohl niemand geglaubt. Das liegt auch daran, dass die Corona-Kritik der AfD beim Wähler nicht verfängt. Markige Worte wie "Corona-Diktatur" kommen hier nicht an. Die Alternative für Deutschland hat ihr Wählerpotenzial ausgereizt.

Und doch kann der Sieg von Haseloff nicht darüber hinwegtäuschen, dass die AfD immer noch stark ist. Viele Wähler der SPD haben CDU gewählt, um die AfD zu verhindern. Das bekommt auch die Linkspartei zu spüren. Der Protest hat sich eine neue Heimat gesucht. Die Linke wurde ausgerechnet in Ostdeutschland abgestraft. Da, wo sie jahrelang stark war, in Thüringen sogar den einzigen Ministerpräsidenten stellt, wendet sich der Wähler ab, wohl auch weil er nicht weiß, ob sie überhaupt regieren wollen oder nicht.

Warnschuss für die Grünen

Die Grünen wurden in Sachsen-Anhalt entzaubert. Was in Baden-Württemberg funktioniert, kommt beim Wähler in Ostdeutschland nicht an. Die Angst vor dem Jobverlust ist größer als der Wunsch, das Klima zu retten. Ein Signal für die Bundestagswahl ist das sicher noch nicht, ein Warnschuss aber allemal.

Die Menschen nicht nur in Ostdeutschland wünschen sich pragmatische, einfache Lösungen. Wer fast zwei Jahre den Gürtel enger geschnallt hat, will endlich auch mal raus aus dem Korsett.

Die FDP kann mit ihrer Kritik am Corona-Kurs der Bundesregierung punkten. Doch die Liberalen müssen aufpassen, dass sie diese Welle über den Sommer bis zur Bundestagswahl trägt.

Ein echter Stimmungstest für die Demokratie

Und die SPD? Einstellig. Die Sozialdemokraten stecken einmal mehr im Dilemma: Regieren oder nicht? Die Empfehlung von Saskia Esken aus Berlin vor der Wahl, bloß nicht CDU hat Spitzenkandidatin Katja Pähle schon am Wahlabend über Bord geworfen. Magdeburg ist da plötzlich ganz weit weg von Berlin. Das mögen sie 30 Jahre nach der Deutschen Einheit immer noch nicht, dass ihnen einer sagt, was sie zu tun oder zu lassen haben.

Jetzt beginnt das Klein- und Großreden. Wer verloren hat, versucht das schnell zu vergessen. Wer gewonnen hat, trägt das noch als Mantra bis September vor sich her. Eines war die Wahl in Sachsen-Anhalt auf jeden Fall: ein echter Stimmungstest für die Demokratie. Die Wähler in Ostdeutschland haben ihn bestanden!

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin wieder und nicht die der Redaktion.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 06. Juni 2021 um 23:00 Uhr.