Ein Transportflugzeug mit aus Afghanistan ausgeflogenen Menschen landet auf der Ramstein Air Base. | dpa
Kommentar

US-Einsatz in Afghanistan Abzug aus Opportunismus

Stand: 31.08.2021 10:17 Uhr

Der US-Einsatz in Afghanistan, der vor 20 Jahren als "Krieg gegen den Terror" breite Zustimmung fand, wurde zuletzt zu einer Bürde für die US-Regierung. Dass Präsident Biden am Abzug festhielt, ist deswegen kein Wunder.

Ein Kommentar von Arthur Landwehr, ARD-Studio Washington

Wieder einer dieser Kriege, bei dem Soldatinnen und Soldaten den Kopf hingehalten haben, während Politiker über Fragen über Leben und Tod nach Machtinteressen und Umfragewerten streiten und entscheiden. So katastrophal aus westlicher Sicht dieser 20-jährige Krieg nun endet, eines muss man vorab festhalten: Die allermeisten von uns wollten ihn. Nach den Flugzeugattentaten auf New York und Washington am 11. September 2001 waren Europäer genauso dafür wie Amerikaner. Darum, Al Kaida in Afghanistan auszurotten ging es und die verhassten Taliban gleich mit zu verjagen. "Krieg gegen den Terror" hieß das.

Arthur Landwehr ARD-Studio Washington

Diffuser Feind

Es war kein Krieg für Demokratie in der Welt, sondern ein Krieg aus Angst, die eigenen Werte und Lebensweisen zu verlieren. Ein Krieg gegen einen diffusen, unberechenbaren und immer bedrohlicher erscheinenden Feind - den islamistischen Terror, der uns zurück ins Mittelalter bomben will. Dieses Narrativ Nummer eins rechtfertigte den Beginn.

Der Job war ja eigentlich schnell erledigt, aber wieder einmal hatte man vergessen zu definieren, was das Kriegsziel genau ist und wann man weiß, dass man gewonnen hat. Wenn man jetzt abzieht, entsteht ein Vakuum, das - so die Sorge - Russen, Chinesen oder Iraner füllen.

Einflusssphären und Mädchenschulen

Also ging es in der Folge vor allem um strategische Positionen. Es ging darum, die eigene Präsenz in diesem Teil Asiens zu sichern, Pakistan, Iran und ehemalige Sowjetrepubliken im Blick zu haben. Aber das war kein vermittelbares Narrativ, deshalb kam das von den Mädchen, die endlich frei sein und zur Schule gehen sollen, von Straßen und modernen Arbeitsplätzen, das von der "Fackel der Freiheit, die wir in den letzten Winkel der Welt tragen". Da sagen die Menschen wieder "ja" in den Umfragen und genehmigen die Parlamente Geld für Waffen und neue Soldaten.

Was Bildung für alle angeht, scheint ja zumindest für die Zeit einiges erreicht worden zu sein. Aber immer noch keine Definition, wann der Krieg eigentlich gewonnen ist, stattdessen setzt man auf eine Stellvertreterregierung, die einem irgendwann die strategische Position sichert. Und jetzt? War das eine überstürzte, chaotische und wenig durchdachte Entscheidung, Afghanistan zu verlassen, einfach zu gehen, das Land sich selbst zu überlassen?

Öffentliche Meinung gegen den US-Einsatz

Nein, ganz im Gegenteil. Parallel zum Beginn des Krieges vor 20 Jahren gibt es auch derzeit wieder politisch relevante Mehrheiten in der US-Bevölkerung, nur diesmal will das Volk die Soldaten zu Hause haben, will man die Milliarden lieber ausgeben, um Probleme im eigenen Land zu lösen. Darauf hat Joe Biden reagiert, so wie schon sein Vorgänger Donald Trump - die politischen Prioritäten haben sich schlicht verschoben.

Wird das Chaos von Kabul, wird das schlechte Gewissen, weil man jetzt Tausende mutiger und treuer afghanischer Helfer ihrem Schicksal überlässt, Joe Biden politisch schaden? Ein bisschen vielleicht, aber seine politischen Gegner sind auffallend ruhig. Sie kennen die Mehrheitsmeinung und werden sich bei dem Thema im Wahlkampf zurückhalten. Denn wer, so fragte ein amerikanischer Kollege diese Woche zurecht, wird mit einem Programm in den Wahlkampf ziehen, in dem mehr Soldaten, mehr Geld für Afghanistan ebenso stehen wie mehr Afghanen in die USA zu bringen? Auch wenn man es jetzt erst einmal fordert, weil es politisch passt.

Redaktioneller Hinweis

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 31. August 2021 um 05:03 Uhr und 07:48 Uhr.