Treffen in Ankara: EU-Kommissionschefin von der Leyen, EU-Ratspräsident Michel (m) und der türkische Präsident Erdogan | AFP
Kommentar

#Sofagate in Ankara Triumph für Erdogan, Desaster für die EU

Stand: 08.04.2021 13:19 Uhr

Mit einem Platz auf einem Sofa am Rande hat die Türkei EU-Chefin von der Leyen düpiert. Ein gezielter Affront des türkischen Präsidenten Erdogan? Wahrscheinlich. Aber das eigentliche Problem war Ratspräsident Michel, meint Helga Schmidt.

Ein Kommentar von Helga Schmidt, ARD-Studio Brüssel

Es war sicher kein Zufall, dass neben Erdogan nur ein Stuhl stand; und dass dieser Stuhl reserviert war für EU-Ratspräsident Charles Michel. Ihn wollte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan lieber an seiner Seite haben, lieber als Ursula von der Leyen. Die EU-Kommissionschefin sollte auf Abstand gehalten werden, wenigstens fürs offizielle Foto. Da ist sie auf dem Sofa zu sehen, mit einigen Metern Abstand zu den Herren. Das passt alles zum Pascha-Gehabe des türkischen Präsidenten - ist also keine Überraschung.

Helga Schmidt ARD-Studio Brüssel

Vom türkischen Präsidenten ist nicht viel Anderes zu erwarten. Von Charles Michel schon. Er ist der Ratspräsident der Europäischen Union, er handelt im Auftrag der Regierungen aller 27 Mitgliedsländer, er muss die Europäischen Werte vertreten. Und er geht zielstrebig, das kann man in dem Sofagate-Video sehen, zielstrebig vorbei an Ursula von der Leyen auf den Chef-Stuhl zu und macht es sich gemütlich neben dem türkischen Präsidenten.

Michel geht Erdogan in die Falle

Die Kommissionschefin kann sehen, wo sie bleibt. Noch prüfen die Brüsseler Beamten, wie es zu der peinlichen Panne kommen konnte. Und es ist auch noch unklar, ob Ratspräsident Michel selbst eingebunden war in die Vorbereitungen. Sicher ist: Er lief direkt in die Falle, die Erdogan aufgestellt hatte. Die Herren Präsidenten auf den repräsentativen Plätzen ganz vorn, die Frau Präsidentin auf dem Canapé am Rande. Ein Triumph für Erdogan, für die EU ein Desaster.

Ein Politiker mit Format hätte den Affront anders beantwortet. Er hätte der Kollegin den Vortritt gelassen und den Gastgeber freundlich darauf hingewiesen, dass ein dritter Stuhl her muss.

Kleine Änderung der Sitzordnung und der Autokrat in Ankara hätte sehen können, wie einfach Gleichstellung geht. Und welche Botschaft wäre das an die türkischen Frauen und Mädchen gewesen! Die gerade erst erfahren mussten, was ihr Präsident von ihnen hält. Nicht viel. Erdogan hat es ihnen sehr klar gemacht, mit seinem demonstrativen Austritt aus der Istanbul-Konvention, dem Völkerrechts-Vertrag, der Frauen schützen soll vor Männergewalt.

Verspätete Erklärung Michels

Ratspräsident Michel hat nicht mal im Nachhinein protestiert, der Platz an Erdogans Seite war ihm wichtiger. Gestern Abend dann, sehr spät, schob er eine Erklärung nach. Das türkische Protokoll sei so streng gewesen, da habe man nichts machen können.

Erdogans Protokoll also unüberwindlich für den immerhin ranghöchsten - männlichen - Repräsentanten der EU. Sieht nicht gut aus. Weil man sich ja gleich fragt, was Charles Michel wohl macht, wenn der türkische Präsident wirklich streng wird. Zum Beispiel bei den schwierigen Verhandlungen, die noch zum Flüchtlingsabkommen bevorstehen. Wäre besser, wenn Michel dann Kommissionschefin von der Leyen den Vortritt lässt.

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 08. April 2021 um 16:48 Uhr.