Kommentar

Trump in Kenosha Von Joe Biden keine Spur

Stand: 02.09.2020 03:30 Uhr

US-Präsident Trump bezeichnet in Kenosha die Proteste gegen Polizeigewalt als "inländischen Terrorismus" und als Gefahr für die Sicherheit. Weil sein Konkurrent aber nirgends zu sehen ist, verankert sich Trumps Sicht.

Ein Kommentar von Arthur Landwehr, ARD-Studio Washington

Es ist zehn Tage her, seit ein weißer Polizist dem Afroamerikaner Jacob Blake in den Rücken schoss. Zehn Tage seit der Explosion von Wut in Kenosha, zehn Tage, in denen Häuser brennen, Geschäfte geplündert werden, in denen ein 17-Jähriger glaubte, die Stadt schützen zu müssen und zwei Menschen erschießt. Und einer ist nicht zu sehen: Joe Biden. 

Der Mann will Präsident werden. Er hat keine Termine. Er hätte die Chance gehabt, den Menschen in Kenosha zu helfen, besser durch diese schrecklichen Tage zu kommen. Er könnte zeigen, dass er das kann. Es sind nämlich zwei sehr verschiedene Geschichten, die den Zustand der Stadt beschreiben. Da sind diejenigen, für die die jahrelange Polizeigewalt im Mittelpunkt steht und die vor allem sehen, wie sich diese Jahre der Frustration ein Ventil geschaffen hat.

Und da sind diejenigen, die sich von dieser Wut bedroht sehen, die Angst um ihre Sicherheit, ihren Besitz, ihr ganz normales Leben haben. Beide brauchen eines dringend, jemanden, der ihnen hilft, einen gemeinsamen Weg zu finden. Einer der den Fokus darauf legt, mit guten Konzepten für eine bessere Polizei, besseren Zugang zu Bildung, Gesundheit und Jobs auf der einen Seite und dem Gefühl sicher zu sein auf der anderen, zu finden.

Trump zeigt Mitgefühl - für die Opfer der Wut

Joe Biden ist nicht gekommen, wohl aber Präsident Donald Trump. Der hat eine klare Haltung, welche der Geschichten von Kenosha die gültige ist, und er hat mit seinem Besuch dafür gesorgt, dass der Fokus ab sofort auf Sicherheit und Ordnung liegt.

Der Rahmen, der sein Bild von Kenosha begrenzt, zeigt abgebrannte Häuser und Autos, eingeworfene Scheiben, verzweifelte Ladenbesitzer, denen alles gestohlen wurde. Es zeigt Soldaten, die schützen, was noch übrig ist. Viele werfen Donald Trump vor, kein Mitgefühl zu zeigen. Das ist falsch, er zeigt sich empathisch, aber eben für die Opfer der Wut.

Trump zeichnet das öffentliche Bild

Wenn jetzt über die Polizei gesprochen wird, geht es nicht mehr um eine grundlegende Reform, sondern darum, wie sie die Bürger besser schützen kann, und zwar vor denjenigen, die mit ihren Protesten etwas verändern wollen. Denn auch den Rahmen von deren Bild hat Trump mit seinem Besuch klar verortet: auf die Gewalttäter, Brandstifter und Plünderer. Diejenigen, die ernsthaft und friedlich ein besseres Miteinander wollen, sind nicht mehr im Bild zu sehen.  

Dass Donald Trumps das Thema Recht und Ordnung in den Mittelpunkt seiner Strategie für den Wahlkampf stellt, ist spätestens seit dem Parteitag unübersehbar. Das kann man kritisieren, und zwar mit Recht, weil diese Strategie verlangt, die Konflikte zu verschärfen, statt zu versöhnen.

Videobotschaften reichen nicht aus

Darüber zu lamentieren aber lohnt nicht, denn solange diese Strategie der Angst funktioniert, wird es so weitergehen. Und solange niemand glaubwürdig und mit Überzeugungskraft die Rahmen verschiebt und andere Teile der Bilder sichtbar macht, hilft, wieder eine hoffnungsvollere Geschichte zu erzählen, bleiben Donald Trumps Bilder gültig.

Aber wo sind Joe Biden und Kamala Harris? Mit ihren Videobotschaften werden sie nichts erreichen, wenn gleichzeitig die Fernsehbilder den Präsidenten mit beiden Beinen in den abgebrannten Ruinen zeigen. Es könnte sich zur großen Ironie der Geschichte entwickeln, dass Black Lives Matter und die Proteste für mehr Gerechtigkeit Donald Trump zur zweiten Amtszeit verhelfen.

Trump in Kenosha - von Joe Biden keine Spur
Arthur Landwehr, ARD Washington
02.09.2020 06:36 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 02. September 2020 um 09:45 Uhr.

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