"Familienfoto" der EU-Außenminister bei ihrem Treffen in Slowenien | AP
Kommentar

EU-Ministertreffen zu Afghanistan Wie eine kollektive Traumatherapie

Stand: 03.09.2021 18:34 Uhr

Die EU hat den Schock der Niederlage in Afghanistan noch lange nicht verdaut. So waren die EU-Ministertreffen in Slowenien wie eine Art Therapie. Immerhin ist die EU offenbar bereit, Lehren zu ziehen.

Ein Kommentar von Stephan Ueberbach, ARD-Studio Brüssel, zzt. Ljubljana

Krisentreffen in New York, Brüssel und Ljubljana, hektische Pendel- und Telefondiplomatie: Mit demonstrativer Betriebsamkeit versucht die internationale Gemeinschaft, nach dem so überstürzten wie chaotischen Truppenabzug und der blitzartigen Machtübernahme der Taliban zu retten, was zu retten ist. Militärisch, politisch, moralisch - der Westen ist in Afghanistan auf ganzer Linie gescheitert und steht jetzt vor einem gewaltigen Scherbenhaufen.

Stephan Ueberbach ARD-Studio Brüssel

Auch die Europäische Union hat den Schock der Niederlage noch längst nicht überwunden. Die allgemeine Ratlosigkeit ist mit Händen zu greifen. Kein Wunder, schließlich hat das Debakel am Hindukusch Europas Schwächen schonungslos offengelegt - vor allem die totale militärische Abhängigkeit von den USA. Das ist zwar alles andere als neu - aber nicht einmal den Flughafen in Kabul aus eigener Kraft sichern zu können, war für die EU trotzdem eine demütigende Erfahrung.   

Bei der Konferenz der europäischen Außen- und Verteidigungsminister, die in weiten Teilen eher eine Art kollektive Traumatherapie gewesen sein dürfte, war deshalb von einem Weckruf und einem tiefen Einschnitt die Rede, der nicht ohne Konsequenzen bleiben soll. Aber ob die alte Idee einer schnellen Eingreiftruppe von 5000 Mann wirklich dabei helfen kann, die europäische Union "unabhängiger" und "handlungsfähiger" zu machen? Zweifel sind angebracht.

Wie umgehen mit den Taliban?

Vor allem in Osteuropa wird nicht ohne Grund befürchtet, dass sich die EU damit in eine unnötige Konkurrenz zur NATO begibt und am Ende sogar geschwächt werden könnte. Außerdem gibt es schon seit Jahren zwei europäische Kampfverbände für den Krisenfall, die bisher allerdings noch nie alarmiert worden sind. Ganz offensichtlich fehlt es der EU nicht an Soldaten oder Material, sondern am politischen Willen, die eigenen Truppen im Krisenfall einzusetzen.

Auch beim künftigen Umgang mit den Taliban gibt es mehr Fragen als Antworten. Die EU stellt ihnen für eine Zusammenarbeit zwar eine Reihe von Bedingungen - zum Beispiel andere politische Kräfte in die Regierung einzubinden, Menschenrechte und Pressefreiheit einzuhalten oder internationale Terrorgruppen und Drogenhandel zu bekämpfen. Wer aber in Kabul die entsprechenden Zusagen machen soll und wie das alles überprüft werden kann, ist völlig offen.

Die Angst vor dem "Pull-Effekt"

Oberstes Ziel der EU scheint es ohnehin zu sein, neue Flüchtlinge aus Afghanistan erst gar nicht in die Nähe Europas kommen zu lassen. Spätestens seit dem Treffen der europäischen Innenminister ist klar: Die EU macht weiter dicht und setzt dabei auf die Hilfe fragwürdiger Regimes in den afghanischen Nachbarländern, aus Angst vor einem sogenannten Pull-Effekt, der Menschen womöglich erst auf die Idee bringen könnte, sich in Richtung Westen auf den Weg zu machen.

Was bleibt also nach dieser bemerkenswerten Woche im Zeichen der Krisendiplomatie? Erstens, dass die langfristigen Folgen der dramatischen Ereignisse in Afghanistan längst noch nicht absehbar sind. Zweitens, dass die Flüchtlingspolitik Europas Achilles-Ferse ist und bleiben wird. Und drittens, dass die EU dazu bereit ist, die neue Lage nicht nur zu akzeptieren, sondern daraus auch Lehren für die Zukunft zu ziehen. Immerhin.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin wieder und nicht die der Redaktion.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. September 2021 um 17:00 Uhr.