Kommentar

Jahrestag 9/11 Der Terror, der schon da war

Stand: 11.09.2020 13:31 Uhr

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben die Welt verändert. Der Krieg gegen den Terror hat Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht und unvorstellbare Summen verschlungen. Die Welt sicherer gemacht hat er nicht.   

Ein Kommentar von Reinhard Baumgarten, SWR

Für viele hat der religiös motivierte Terrorismus mit den Anschlägen auf das World Trade Center begonnen. Die Bilder der Anschläge von New York haben sich in das Gedächtnis all jener eingegraben, die das dramatische Ereignis damals bewusst verfolgten. Knapp 3000 Tote, einstürzende Hochbauten, Leid, Trauer, Ohnmacht und Wut - all das wurde damals live weltweit in Wohnzimmer und Fernsehstuben übertragen.  

Der 11. September 2001 war ein Wendepunkt in Wahrnehmung und Umgang mit islamistischem Terrorismus. Aber es war nicht der Anfang. Die Niederlage arabischer Armeen gegen Israel 1967 war eine wichtige Wegmarke. Der Friedensschluss Ägyptens mit Israel von 1979, die nachfolgende Ermordung von Ägyptens Präsident Anwar al-Sadat, der Überfall der Sowjetarmee auf Afghanistan ebenfalls im Jahr 1979 waren weitere. Religiös verbrämte Gruppen begannen sich damals zu formieren mit dem Schwur, den Islam gegen die "Feinde Gottes" verteidigen zu wollen.  

Eine Entwicklung, die lang falsch eingeschätzt wurde

Lange bekümmerte es hierzulande wenige, wenn - um mit Goethe zu sprechen - "weit hinten in der Türkei die Völker aufeinander schlagen". Es ging uns wenig an, als passiere das alles in einem anderen Universum. Die afghanischen Mudschaheddin beispielsweise - ausgestattet mit saudischem Geld und amerikanischen Waffen - wurden in den 1980er-Jahren als Freiheitskämpfer bewundert, weil sie sich gegen die sowjetischen Besatzer wehrten. Sie wurden benutzt und fallengelassen, nachdem die Rote Armee 1989 gedemütigt abgezogen war. Aus diesen Freiheitskämpfern sind letztlich die frauen- und bildungverachtenden Taliban hervorgegangen, die jahrelang einem gewissen Osama bin Laden und der Terrororganisation Al Kaida Afghanistan als Operationsbasis zur Verfügung stellten.  

Damit sind wir wieder bei "9/11". Nach den Anschlägen stellten Politiker und Journalisten überrascht die Frage: Was genau passiert hier, warum hassen die uns? Die Antworten darauf sind extrem komplex und vielschichtig. US-Präsident George Bush entschied sich für die schlichteste und gleichzeitig folgenschwerste Antwort: den weltweiten Krieg gegen den Terrorismus. Dieser Krieg geht nun ins 20. Jahr. Er ist noch lange nicht entschieden, und er wird auch nicht militärisch entschieden werden können. Das Terrorornetzwerk Al Kaida konnte zerschlagen werden. Aber dabei entstanden viele neue hochgefährliche Splittergruppen.

Die menschlichen und finanziellen Kosten sind immens

Laut einer Studie der "Welt am Sonntag" sind seitdem bei mehr als 31.000 Terroranschlägen über 146.000 Menschen umgekommen. Weit über 90 Prozent der Opfer waren Muslime, getötet von Fanatikern im Namen des Islams. Laut einer Studie des Watson Institute der US-amerikanischen Brown University hat der von Präsident Bush ausgerufene Krieg gegen den Terrorismus zu Flucht und Vertreibung von 37 Millionen Menschen in Nahost und Afrika geführt. Die Kosten für die USA werden vom Watson Institute auf unfassbare 6,4 Billionen Dollar taxiert. 

Wie viel Entwicklung hätte mit diesem Geld in den von islamistischem Terror heimgesuchten Ländern angeschoben werden können! Wirtschaftliche Not ist beileibe nicht die einzige Ursache dafür, dass Terrorgruppen einen steten Zulauf an neuen Rekruten haben. Der Terrorpate von "9/11", Osama bin Laden, war ein schwerreicher Mann. Und vielen seiner engsten Vertrauten mangelte es auch nicht an Geld. Aber viele Fußsoldaten von Boko Haram in Westafrika, des sogenannten Islamischen Staats in Syrien und dem Irak oder der Taliban in Afghanistan finden in den Terrororganisationen nicht nur Glaubensbrüder und Kampfgefährten. Sie finden dort Einnahmequellen, die ihnen aufgrund der desparaten Situation ihrer Heimatländer verwehrt bleiben.    

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 11. September 2020 um 16:00 Uhr.

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