Sonnenaufgang und Windräder  | dpa
Kommentar

Ökolabel-Entscheidung Schade um den Ausbau der Zukunftsenergie

Stand: 06.07.2022 16:14 Uhr

Das EU-Parlament hat Atomkraft und Gas als klimafreundliche Energien eingestuft. Das ist schade für Energien aus Sonne und Wind. Jeder Euro, den Investoren jetzt wegen des grünen Labels in Atomkraft investieren, fehlt am Ende dort.

Ein Kommentar von Holger Beckmann, ARD-Studio Brüssel

Jetzt bekommen wir es also schwarz auf weiß: Atomkraft und Erdgas werden von der Europäischen Union ganz offiziell als grüne Energie eingestuft. Die EU-Kommission will es so, das EU-Parlament will es jetzt auch - und sicher: Frankreich, das Land mit ganz vielen Atomkraftwerken, derzeit übrigens ganz vielen kaputten, will es schon lange - und hat sich nun am Ende durchgesetzt. Und damit es aus dem bald atomenergiefreien Deutschland nicht zu viel Widerstand dagegen gab, sollte es auch das Erdgas sein.

Holger Beckmann ARD-Studio Brüssel

Erdgas! Das ist das, was gerade immer knapper wird, weil Russland Europa den Hahn immer weiter zudreht. Und aus Russland kommt eben ganz viel Erdgas. Wer jetzt noch ernsthaft in neue Erdgas-Kraftwerke investiert - und seien sie angeblich noch so grün - muss angesichts der Weltlage schon ein ganz besonderes Verständnis von der Energieversorgung der Zukunft haben.

Natürlich müssen das genauso diejenigen, die ihr Geld jetzt in Atomkraftwerke stecken wollen, auch. Die Frage muss erlaubt sein, ob sie eigentlich überhaupt irgendetwas begriffen haben von dem, worum es beim Ziel Klimaneutralität bis 2050 in Europa geht? Es geht nicht darum, das eine Übel - das Klima-vergiftende CO2 - durch ein anderes zu ersetzen. Nämlich durch Jahrtausende lang strahlenden Atommüll, der das Leben nicht indirekt zerstört durch den Temperaturanstieg,  sondern ganz direkt durch Radioaktivität.

Teufelszeug aus einer längst vergangenen Zeit

Man kann Atommüll nicht einfach vor den Kernkraftwerken stehen und vergammeln lassen oder recyceln oder im Meer versenken - auch wenn das immer mal wieder versucht worden ist. Man muss ihn, wie das so schön heißt: end-lagern. Und das quasi bis zum Sankt Nimmerleinstag. Sonst verstrahlt er auf Dauer alles und jeden.

Sicher, die Finnen haben jetzt angeblich so ein Endlager bei sich gefunden und wollen es demnächst schon in Betrieb nehmen, aber dummerweise nur für ihren eigenen Atommüll. Und auch da weiß niemand ganz genau, ob das Lager wirklich hält in ferner Zukunft, was es heute verspricht.

Atomkraft mag zwar klimatechnisch betrachtet als vergleichsweise saubere Sache erscheinen, tatsächlich ist sie in der gesamten Umweltbilanz nichts anderes als Teufelszeug aus einer längst vergangenen Zeit.

Irgendwie in der Vergangenheit stecken geblieben

Einer Zeit, in der man Kernenergie für einen Heilsbringer hielt und auf der Weltausstellung in Brüssel 1958 als Symbol dafür das frisch errichtete Atomium feierte. Das ist über 60 Jahre her. Was das angeht, sind in Brüssel einige Entscheiderinnen und Entscheider in Parlament und Kommission offenbar irgendwie in dieser Vergangenheit stecken geblieben.

Schade um Energie aus Sonne und Wind

Schade um den Ausbau der Zukunftsenergie: der aus Sonne und Wind. Denn jeder Euro, den Investoren jetzt wegen des grünen Labels in Atomkraft oder Erdgas investieren, fehlt am Ende dort. Man kann nur hoffen, dass Anleger es trotzdem nicht tun, dass sie etwas mehr Verstand haben. Dass sie wissen, wo Investitionen sich langfristig lohnen. In Atomkraft und Erdgas jedenfalls sicher nicht.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin wieder und nicht die der Redaktion.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 06. Juli 2022 um 17:05 Uhr.