Der Sputnik-Impfstoff wird von einem Gabelstapler verladen. | dpa
Kommentar

Debatte über russisches Vakzin Sputnik V und die große Verzweiflung

Stand: 08.04.2021 18:31 Uhr

Sputnik V, ja oder nein? Anfangs kritisch beäugt, wollen auf einmal viele in Europa den russischen Impfstoff Sputnik V. Die jetzige Debatte zeigt, wie groß die Verzweiflung einiger Politiker inzwischen ist.

Ein Kommentar von Holger Beckmann, ARD-Studio Brüssel

Erst kritisch beäugt, verpönt, mit äußerst spitzen Fingern angefasst, wenn überhaupt - am besten nicht einmal an den russischen Corona-Impfstoff Sputnik V gedacht. So war das Mitte, Ende vergangenen Jahres, als klar wurde, dass Wladimir Putins Wissenschaftler es möglicherweise früher als solche aus dem Westen geschafft hatten, ein Vakzin gegen dieses Virus in atemberaubendem Tempo zu finden, herzustellen und - das war das eigentlich Sensationelle: es sogar einzusetzen. Und das gegen alle internationalen Standards, nämlich vor dem Abschluss der eigentlich letzten entscheidenden Studie zu Wirksamkeit, Verträglichkeit und Nebenwirkungen.

Holger Beckmann ARD-Studio Brüssel

Der Triumph über den Westen ist zentral

Klar: So ist das im Reich Putins. Da ist der Russe eben schnell bei der Hand mit solchen Dingen. Das Individuum zählt ja auch wenig, die Masse alles, der Triumph über den Westen ist zentral. Dabei ist der Sozialismus auch in Russland lange schon Vergangenheit, aber egal: Alte Klischees werden immer gern hervorgekramt. Damit hätte man es bewenden lassen und den russischen Sputnik-Stoff für immer aus dem Blick verlieren können und dürfen und sollen - zumindest aus europäischer Perspektive. Schließlich würde es ja sehr bald eigene und auf alle Verlässlichkeit hin geprüfte Vakzine geben. Ja, gab und gibt es auch, aber eben leider immer noch nicht in ausreichender Menge.

Der Retter in letzter Not?

Und nun kommt Sputnik wieder; wird auf einmal offenbar als so etwas wie ein Retter in letzter Not betrachtet, nach dem Motto: Es ist ja auch nicht alles schlecht in und aus Russland. Das ist es ganz bestimmt auch nicht, aber fällt einem in den vielen verschiedenen Ländern der Europäischen Union wirklich nichts anderes ein, als ausgerechnet mitten in der dritten Pandemie-Welle die Hoffnung auf einen Impfstoff auszurichten, bei dem es nach wie vor diverse Fragezeichen gibt? Und der weit davon entfernt ist, in der EU tatsächlich eine Zulassung zu erhalten?

Die EMA-Prüfung dauert noch an

Sicher: Die EMA, Europas zuständige Behörde, prüft, das tut sie schon länger, aber sie wird noch eine Weile brauchen. Und wer angesichts dessen ernsthaft erwägt, das russische Mittel schon vorher zu verimpfen - wie es immer so schön heißt - der handelt, höflich formuliert: grob fahrlässig, man könnte auch sagen: frei von Verstand.

Denn man kann nicht einerseits das durchgeprüfte und von der EMA immer noch uneingeschränkt empfohlene europäische Vakzin von AstraZeneca nur noch einigen wenigen Menschen spritzen und gleichzeitig das russische Produkt zu so etwas wie einem sehnlich erwarteten Ausweg erklären.

Große Verzweiflung

Dass dies doch passiert und inzwischen offenbar sogar die Bundesregierung zumindest in eine solche Richtung denkt - in Deutschland diverse Ministerpräsidenten und in der EU gleich mehrere Staatschefs von Victor Orban bis Sebastian Kurz - zeigt nur eins: wie groß die Verzweiflung bei der Politik inzwischen ist.

Das ist bitter, denn Abermillionen Menschen in Europa warten immer noch dringend auf eine Impfung. Wer ihnen jetzt Hoffnung auf Sputnik V macht, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er das wider besseres Wissen tut.

Es spricht Bände, dass die Slowakei gerade eine Sputnik-Charge nicht freigibt, weil sie offenbar eine andere Zusammensetzung als bisher wissenschaftlich geprüfte Sputnik-Mittel hat. Nein: Es spricht nichts gegen einen russischen Corona-Impfstoff. Im Gegenteil. Aber erst muss er auf Herz und Nieren geprüft und in Europa zugelassen werden. Davon ist Sputnik V noch weit entfernt.

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 08. April 2021 um 22:15 Uhr.