Ungarns Premier Viktor Orban und Russlands Präsident Wladimir Putin bei der gemeinsamen Pressekonferenz. | picture alliance/dpa/Russian Pre
Kommentar

Orban bei Putin Viktor, wir gehen jetzt

Stand: 02.02.2022 18:18 Uhr

Nach dem Besuch im Kreml freut sich Ungarns Premier Orban über noch mehr russisches Gas für Ungarn - und auch Putin hat erreicht, was er wollte.

Ein Kommentar von Wolfgang Vichtl, ARD-Studio Wien

Mission erfüllt. Die Rechnung ist aufgegangen. In schlichten Zahlen ausgedrückt: Eine Minute und 30 Sekunden spricht Viktor Orban, sehr langsam, jedes Wort wägend, dass er Gespräche zwischen Russland und den westlichen Verbündeten begrüßen würde, um die unüberbrückbare Distanz in Sachen Ukraine vielleicht doch zu überbrücken. Knapp sieben Minuten dann Waldimir Putin, der die Aufstellung nutzt, um dem Westen wortreich vorzuwerfen, er ignoriere russische Sicherheitsinteressen. Dann: Danke - und ein forderndes "Viktor" an den Staatsgast am Pult nebenan. Das hieß: Wir gehen jetzt.

Wolfgang Vichtl ARD-Studio Wien

Putin hat erreicht, was er wollte: Seine Botschaft loswerden nach Gesprächen mit einem Regierungschef eines NATO-Landes - Ungarn ist seit 1999 im Bündnis - und eines EU-Landes - Ungarn ist seit 2004 dabei, auch wenn man das von Orban selbst so nicht sagen kann. Der ist dagegen, wo und wann immer er kann.

Thema Ukraine? "Nicht zu vermeiden"

Und was hat Orban in Moskau erreicht? In seiner sogenannten "Freitagspredigt", der Ansprache ans ungarische Volk jeden Freitagvormittag im staatlichen Radio, hat er aufgezählt, worum es ihm geht: ums ungarische Volk - um wen sonst?

Jetzt, wo Energie plötzlich sehr teuer wird, freut sich Orban über noch mehr russisches Gas für Ungarn, durch eine Pipeline im Schwarzen Meer, schön vorbei an der Ukraine. Und über zwei neue Atomreaktoren, lange geplant, Kosten: zehn Milliarden Euro. Vorgestreckt bitte von der russischen Staatsbank. Und dann wäre da noch der Sputnik-Impfstoff gegen Corona. Und: gemeinsame Weltraum-Ausflüge.

Die Ukraine? War eigentlich nur Thema, weil "nicht zu vermeiden". Die Situation sei nämlich: "kompliziert" - sagt Orban nach langen Gesprächen mit Putin. Sehr viel mehr sagt er öffentlich nicht.

Russische Interessen vertreten?

Den Rest hat zu Hause per Interview in den Orban-treuen Medien schon sein Verteidigungsminister Tibor Benko erledigt: eine Absage an die NATO, zumindest was die Stationierung von NATO-Soldaten in Ungarn angeht. Nicht nötig, sagt er.

"Viktor" - die Abgangs-Szene in Moskau klingt wie eine bittere Bestätigung für den beißenden Spott, der Orban von der Opposition in Budapest entgegenweht. "Putins Pinscher" nennt ihn der Ex-Parteichef der ungarischen Sozialisten. Und Peter Marki-Zay, der gemeinsame Kandidat der sonst heillos zersplitterten Opposition für die wichtigen Wahlen Anfang April, packt den Nationalisten Orban beim Nationalstolz: Orban hätte in Moskau weniger ungarische Interessen vertreten als russische.

Orban will im Wahlkampf punkten

Was so auch nicht ganz stimmt. Denn Orban hat eigentlich nur Orban vertreten, weil er jede Finanzhilfe gut gebrauchen kann. Nie war die Opposition in Ungarn so gut aufgestellt wie für die Wahl Anfang April. Es könnte Orbans Ende als Regierungschef sein. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen, Ausgang äußerst ungewiss.

Sollte der Wahlsieger dann doch Orban heißen, könnte er sagen: Mission erfüllt, Rechnung aufgegangen in Moskau - dann auch für Orban. Putin - Orban, zwei ziemlich beste Freunde, dürfen sich dann gratulieren. 

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