Kommentar

Brand in Moria Ein erbärmlicher Friedensnobelpreisträger

Stand: 09.09.2020 12:12 Uhr

Moria ist die Hölle made in Brüssel. Wenn Kanzlerin Merkel nicht zur Nachlassverwalterin dieser EU-Werteunion werden möchte, muss sie als Ratspräsidentin handeln.

Ein Kommentar von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

Moria brennt seit Monaten. Jetzt brennt es buchstäblich. Die Schande Europas geht in Flammen auf. Der Feuerschein lässt die Erbärmlichkeit des Friedensnobelpreisträgers EU nur noch etwas greller aufscheinen.

Moria ist die Hölle made in Brüssel. Wer wissen will, wie Zynismus funktioniert, muss sich die Geschichte dieses unseligen Lagers ansehen. 2800 Plätze gibt es. Derzeit leben dort rund 13.000 Menschen. Die EU-Moralisten, die auf jedes Elend dieser Welt gern empört und gern auch mit einer tapferen Erklärung aller EU-Außenminister reagieren, sind die Heuchler.

In Moria war immer Quarantäne

Die Menschen dort sind weggeschlossen und vergessen, irgendwo auf Lesbos. An der Küste sorgen sich die Touristen heute allenfalls um Corona und ob der Urlaub wohl in Quarantäne endet. In Moria war immer Quarantäne. Massenquarantäne.

Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte aber gilt nicht nur jenseits der EU-Außengrenzen. Sie gilt in einem Lager, in dem Jugendliche versuchten, sich aus Verzweiflung mit Tabletten und mit Messern das Leben zu nehmen. Sie gilt in einem Lager mit einem Supermarkt für rund 13.000 Menschen. Sie gilt, wo es keine Seife gab, und Duschwasser nur zweieinhalb Stunden am Tag. Sie gilt dort, wo die Zukunftsperspektive so groß war, wie die blaue Plastikplane über dem Kopf. Dort wo aus Leben nur noch Überleben wurde.

Deutschland achtet auf Flüchtlingsquoten

Die Friedensnobelpreis-EU sollte sich die Sache mit der Würde des Menschen noch mal genau überlegen. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wirklich? Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Aber Deutschland achtet auf Flüchtlingsquoten und schützt die EU-Außengrenzen. Damit Deutschland nicht schon wieder wie damals 2015 sagt: Wir schaffen das.

13.000 Menschen. Gerade erst standen vor dem Reichstagsgebäude 13.000 leere Stühle. Stiller Protest und Einladung zugleich. 170 Städte und Kommunen haben längst gesagt: Wir schaffen das. Holt die Menschen aus der Hölle zu uns. Wir wollen die Würde der Menschen achten und nebenbei die Würde der EU retten.

EU hat Moria nicht nur geduldet, sondern auch gewollt

Und was sagt die Christlich-Demokratische Union an diesem Tag? "Alleingänge Deutschlands wären nicht hilfreich, weil sie den Eindruck erwecken könnten, Deutschland werde die Flüchtlinge allein aufnehmen." Wenn ein öffentlicher Eindruck wichtiger scheint als Hilfe in Not, drängt sich ein anderer Eindruck auf. Diese EU hat Moria nicht nur geduldet, sondern offenbar leise gewollt. Als Mahnung an alle, die da noch drängen in unser ach so überfülltes Europa. Seht Euch Moria an. So wird es Euch ergehen. Das sollte die Botschaft sein.

Angela Merkel ist EU-Ratspräsidentin. Wenn sie nicht zur Nachlassverwalterin dieser EU-Werteunion werden möchte, sollte sie zusammen mit ihrem Innenminister Seehofer jetzt zeigen, dass es beim Thema Menschenwürde um Werte und nicht um einen Eindruck geht.         

Kommentar: Moria - das erbärmliche Fanal der Werteunion
Georg Schwarte, ARD Berlin
10.09.2020 08:00 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 09. September 2020 um 18:30 Uhr im "Echo des Tages".

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