Eine Absperrband blockiert die Straße vor dem Kapitol in Havanna.  | dpa
Kommentar

Proteste in Kuba Der Wut freien Lauf lassen

Stand: 13.07.2021 19:59 Uhr

Der Frust, die Perspektivlosigkeit vieler Kubaner ist groß. Der Druck der Straße kann nicht mehr ignoriert werden. Dabei könnte der Präsident Díaz-Canel mit ein wenig politischer Öffnung viel erreichen.

Ein Kommentar von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko

"No tenemos miedo" - Wir haben keine Angst, wir haben nichts zu verlieren“ - skandierten die Demonstrantinnen und Demonstranten am Sonntag auf Kubas Straßen.

Anne Demmer

Solche Bilder waren seit Jahrzehnten von der sozialistischen Karibikinsel nicht mehr zu sehen gewesen: Tausende Menschen protestierten an verschiedenen Orten im ganzen Land für mehr Freiheit. Sie ließen ihrer Wut freien Lauf: Über die Repression, die regelmäßigen Stromausfälle, die schlechte Versorgungslage,  die langen Schlangen vor den Läden, den Mangel an Medikamenten - eine Situation, die die Pandemie noch verschärft hat. Die Videos der Proteste wurden in den sozialen Medien geteilt und gingen um die Welt.

Eine neue Entwicklung

Es ist eine neue Entwicklung, eine neue Mischung: Es gehen zwar vorwiegend junge, aber auch alte Menschen aus allen Schichten auf die Straße. Sie haben sich in den sozialen Medien vernetzt, tauschen sich aus, mobilisieren. Der Frust, die Perspektivlosigkeit ist groß. Doch der Präsident Miguel Díaz-Canel reagiert mit aller Härte. Er rief seine Anhänger, alle Revolutionäre dazu auf, sich den Demonstranten entgegenzustellen.

Für die Unruhen machte er die USA, die Sanktionen verantwortlich. Mehr als 100 Menschen wurden laut Amnesty International verhaftet, von dutzenden Verschwundenen ist die Rede.

Einen kleinen Schritt auf die Protest-Bewegung zugehen

Diese neue Protest-Bewegung kann der kubanische Staatspräsident Díaz-Canel nicht einfach nur niederschlagen. Er könnte einen kleinen Schritt auf sie zugehen, ihnen die Freiheit geben, ihre Meinung äußern zu dürfen und das bedeutet sicherlich keinen Kontrollverlust. Gleichzeitig müssten die USA auch ihren Anteil dazu beitragen und die mehr als 200 Sanktionen, die der ehemalige US-Präsident Donald Trump erlassen hat, lockern. Denn den Menschen fehlt es an dem nötigsten, sie haben Hunger. Sie brauchen Perspektiven.

Erst vor wenigen Monaten hat Präsident Díaz-Canel die Führung der Kommunistischen Partei von Raúl Castro übernommen. Er setzt auf Kontinuität, er will die Revolution verteidigen, die er selbst nicht erlebt hat. Er gehört einer neuen Generation an. Mit ein wenig politischer Öffnung könnte er viel erreichen.

Die Menschen lassen sich nicht länger einschüchtern

Gemeinsam mit einer jungen Generation von Kubanern und Kubanerinnen, die ihr Land eigentlich liebt und nicht verlassen will - zusammen mit dieser neuen Bewegung könnte er eine neue Vision der Revolution entwickeln, ohne das Gesicht zu verlieren. Denn die Menschen in Kuba lassen sich nicht länger einschüchtern, sie haben nichts zu verlieren.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin wieder und nicht die der Redaktion.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. Juli 2021 um 19:09 Uhr in der Sendung "Kommentare und Themen der Woche".