Kommentar

Bundesweite Kontaktverbote Erträglicher als die Ausgangssperre

Stand: 22.03.2020 19:04 Uhr

Zeitlich begrenzte Kontaktverbote sind leichter auszuhalten als eine Ausgangssperre, meint Lothar Lenz. Da eine solche Maßnahme aber weiter denkbar ist, ist nun die Disziplin aller gefordert.

Ein Kommentar von Lothar Lenz, ARD-Hauptstadtstudio

Die Deutschen haben verstanden. Sie halten Abstand voneinander, im Supermarkt und in der S-Bahn. Sie arbeiten von zu Hause aus, wo immer das geht. Sie gewöhnen sich langsam an den Gedanken, dass der nächste Besuch im Restaurant oder im Stadion in weiter Ferne liegt - und der geplante Urlaub in Spanien sowieso.

Ob es die dramatische Ansprache der Bundeskanzlerin diese Woche war, die fast 30 Millionen Zuschauer gesehen haben, das "Reißt Euch zusammen"-Video des Rappers Eko Fresh oder die Fitness-Übungen für die eigene Wohnung von Toni Kroos auf Instagram - die Zielgruppen waren unterschiedlich, aber die Botschaft war immer dieselbe: Soziale Distanz ist entscheidend, wenn die Ausbreitung des Virus verlangsamt werden soll.

Alleingang in Bayern

Nun sind die Einschnitte in unseren Alltag und unsere Bewegungsfreiheit jetzt schon so gravierend, dass es müßig ist, darüber zu diskutieren, ob die eine Großstadt Kleingruppen ab drei und die andere Versammlungen ab vier Personen auflöst. Selbstverständlich war es diese Woche auch nicht leicht zu verstehen, dass das Kaufhaus schließen musste und der Baumarkt noch auf hatte. Aber seien wir ehrlich: Hat überhaupt schon jemand annähernd begriffen, was diese Epidemie für Deutschland insgesamt bedeutet? Gelernt haben wir nur eins: Die Gewissheit von gestern kann morgen ganz falsch sein.

Die, die seit Tagen nach einheitlichen Einschränkungen für alle Bundesbürger gerufen haben, sie verkennen, dass der Föderalstaat in der Krise ganz gut funktioniert. Natürlich hat Ministerpräsident Markus Söder mit seinem Alleingang in Bayern kein Zeichen von Gemeinsamkeit gesendet. Aber was ist daran schlimm? Schlimm sind die Nachrichten aus Spanien, die schrecklichen Bilder, die wir aus Italien sehen. Unsere  Länderchefs sind verpflichtet, das zu tun, was sie für angemessen halten - der eine im Stadtstaat, der andere in einem Flächenland, das an ein Risikogebiet grenzt.

Keine Passierscheine

Nun wird es also ein bundesweites Kontaktverbot geben - alle Gruppen über zwei Personen sind tabu. Auch das ist schwer auszuhalten, aber in der Sache völlig richtig. Wenn Sport und Spazierengehen unter freiem Himmel mit der Familie möglich bleiben, dann sind die anderen Einschränkungen viel leichter auszuhalten. Und: Niemand muss Passierscheine ausfüllen oder kontrollieren - Polizei und Ordnungsämter haben in diesen Tagen weiß Gott anderes zu tun.

Die bundesweite, absolute Ausgangssperre bleibt als letzter Pfeil noch im Köcher von Politik und Behörden. Und wir alle können, nein: müssen uns mit dem, was jetzt gilt, in einer "typisch deutschen" Tugend üben: Disziplin.

Dann kann es klappen.

Kommentar: Die Deutschen haben verstanden
Lothar Lenz, ARD Berlin
22.03.2020 18:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. März 2020 um 20:00 Uhr.

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