Liz Truss und Rishi Sunak beim TV-Duell der britischen Tories | AP
Kommentar

TV-Duell zur Johnson-Nachfolge Es scheint egal, wer es am Ende wird

Stand: 26.07.2022 15:07 Uhr

Zwei Oxford-Absolventen wollen sich voneinander abgrenzen, obwohl beide Johnsons Politik weiterführen wollen. Kein Wunder, dass das TV-Duell da hitzig wurde. Das wäre eigentlich die Stunde der Opposition. Doch die verpasst die Chance.

Ein Kommentar von Gabi Biesinger, ARD-Studio London

Ex-Finanzminister Rishi Sunak, der mit seinem Rücktritt endlich den Abgang von Premierminister Boris Johnson in Gang setzte, will unbedingt Premierminister werden. Außenministerin Liz Truss, die immer noch loyal zu Johnson steht, ihn aber auch lieber nicht in ihr künftiges Kabinett aufnehmen würde, will den Top-Job auch unbedingt. 

Gabi Biesinger ARD-Studio London

Nicht umsonst heißen Fernseh-Duelle genau so, üblicherweise liegt nach einem Duell einer am Boden. Dass Medien und Parteigranden nun kopfschüttelnd die "bittere Schlammschlacht" innerhalb der Partei kritisieren, klingt nach Heuchelei. Hatten sie ein Kaffeekränzchen erwartet? Irgendwie müssen die beiden sich ja voneinander abgrenzen.  

Mit besseren Manieren und weniger wirrem Haar

Zwei Oxford-Absolventen, die ihre Karriere als Aufsteiger-Geschichte verkaufen und den Geist der eisernen konservativen Über-Lady Margaret Thatcher jeweils für sich reklamieren, wollen im Wesentlichen die Politik Boris Johnsons fortsetzen - bloß mit besseren Manieren und weniger wirrem Haar. Allenfalls über den richtigen Kurs bei der Steuerpolitik wird ideologisch gestritten. Es scheint ein bisschen egal, wer es am Ende wird. 

Die Herausforderungen sind enorm: Die Inflation im Land auf 40-Jahres hoch, die Energiepreise und Lebenshaltungskosten klettern - wie auch anderswo. Beim staatlichen Gesundheitsdienst NHS warten Millionen Menschen jahrelang auf Operationen, Kinder hungern, wenn sie in den Ferien kein Schul-Essen bekommen.

Nicht nur die Corona-Pandemie sondern auch der Brexit lassen die Wirtschaft stottern. Arbeitskräfte fehlen von Logistikbranche bis Altenpflege - und die Verantwortung dafür kann man nicht einfach den Franzosen in die Schuhe schieben, die ja angeblich Schuld sind, an den langen Warteschlangen für die Überfahrt über den Ärmelkanal. 

Eigentlich könnte dies die Stunde von Oppositionsführer Keir Starmer sein. Doch der Labour-Chef schafft es einfach nicht, aus den zwölf Jahren konservativer Regierung, die die beiden Kandidaten in den TV-Duellen gerade selbst demontieren, Kapital zu schlagen. Eine wirklich vertane Chance.   

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin wieder und nicht die der Redaktion.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 26. Juli 2022 um 12:00 Uhr.