Kardinal Woelki | AFP
Kommentar

Aufklärung im Missbrauchsskandal Die Kirche kann es nicht allein

Stand: 25.02.2021 17:58 Uhr

Die heute zu Ende gegangene Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe hat es einmal mehr gezeigt: Die katholische Kirche hat bei der Aufarbeitung von Missbrauch noch immer enorme Defizite.

Ein Kommentar von Tilmann Kleinjung, BR

War was? Die kirchliche und die nicht-kirchliche Öffentlichkeit diskutiert seit Wochen über Köln. Über Kardinal Rainer Maria Woelki, der ein Gutachten zum Missbrauchsgeschehen im Erzbistum Köln zurückhält, über Vorwürfe gegen ihn, selbst Missbrauchstäter geschützt zu haben.

Tilmann Kleinjung

Und die Bischöfe Deutschlands treffen sich zu ihrer Frühjahrstagung und am Ende bittet der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, doch nicht "allein den Fokus auf den Erzbischof von Köln zu richten". Bätzing hatte bereits gestern seine eigene Machtlosigkeit zum Ausdruck gebracht: "Ich muss es tolerieren, weil ich keine Möglichkeit habe, nach Köln reinzugrätschen und dort irgendetwas zu bewirken."

Was klingt wie ein Offenbarungseid, ist katholische Realität. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz ist nicht der Chef der katholischen Kirche in Deutschland. Seinen Mitbrüdern hat er nichts zu sagen, auch die Bischofskonferenz kann dem Kardinal Woelki nicht einfach per Mehrheitsbeschluss Vorschriften machen. Der fühlt sich ohnehin nur dem Papst verpflichtet und hat seinen Fall in Rom zur Prüfung vorgelegt. Gegenüber seinen Amtskollegen und noch weniger gegenüber den Katholikinnen und Katholiken in Deutschland fühlt sich der Kardinal von Köln in der Rechenschaftspflicht.

Betroffene fordern Wahrheitskommission

Vor dieser Tagung der Bischofskonferenz haben Betroffene des Missbrauchs den Bundestag aufgefordert einzugreifen. Das Parlament soll eine Wahrheits- und Gerechtigkeitskommission einsetzen, um die Kirchen bei der Aufarbeitung ihrer Missbrauchsgeschichte zu unterstützen. Argument: "Die Kirche kann es nicht allein." Siehe Köln.

Woelki wollte es vor drei Jahren besonders gut machen. Er hat eine Kanzlei mit der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals im Erzbistum Köln beauftragt. Dabei sollten nicht nur Täter identifiziert, Opfer gezählt, sondern erstmals auch Verantwortliche benannt werden: Abteilungsleiter, die vertuscht, Bischöfe, die weggeschaut haben, Vorgesetzte, die Täter versetzt haben, statt sie anzuzeigen.

Der Fall Woelki

Die Kölner Untersuchung war vorbildlich, und kaum jemand zweifelte an dem ehrlichen Aufklärungswillen Woelkis. Doch kurz vor der Veröffentlichung machte der einen Rückzieher wegen angeblicher äußerungsrechtlicher Probleme, beauftragte eine andere Kanzlei und setzte sich so dem Verdacht aus, eben doch vertuschen zu wollen.

Vor elf Jahren haben die Missbrauchsskandale im Berliner Canisius-Kolleg und im oberbayerischen Kloster Ettal die Kirche erschüttert. Zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme gehört auch: Viel ist seitdem passiert, mehr als in den meisten anderen Institutionen dieses Landes. Die evangelische Kirche, Sportverbände, Jugendorganisationen haben da Nachholbedarf.

Die katholische Kirche hat eine große Missbrauchsstudie in Auftrag gegeben und veröffentlicht, es gibt umfassende Präventionskonzepte, die Bischöfe haben sich auf ein Modell zur Entschädigung von Betroffenen geeinigt.

Warum wird nicht proaktiv recherchiert?

Doch der Fall Köln zeigt, bei Aufklärung und Aufarbeitung gibt es enorme Defizite. Nicht nur in Köln. Bischöfe sind Auftraggeber von Studien, die ihre eigene Personalpolitik kritisch untersuchen sollen. Warum wird immer nur in den Archiven geforscht? Vieles und vermutlich Schlimmes wird nicht in den Personalakten stehen. Warum wird immer erst untersucht, wenn sich Betroffene melden, warum wird nicht proaktiv recherchiert?

Die Kirche kann es nicht allein. Das ist in den letzten Jahren deutlich geworden. Deshalb ist es gut, dass sich Georg Bätzing heute nicht prinzipiell gegen eine parlamentarische Wahrheitskommission gewehrt hat. Seine Einschränkung: Die sollte dann aber das gesamte Feld des Missbrauchs in den Blick nehmen, nicht nur in der Kirche. Auch das ist eine berechtigte Forderung.

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Februar 2021 um 18:00 Uhr.